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Eine Reise zum Mittelpunkt der EU : 50º10’21“N 9º9’0“O

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Zwei Meter weiter mahnt ein Schild in Verwaltungslyrik „Beim Halten - Motor abschalten“. Dieses poetische Kleinod ist sogar Copyright-technisch geschützt, wie das kleine © im rechten unteren Eck beweist, und zeigt, dass man hier Klimaschutz und Urheberrechts-Debatte aufs eleganteste zu verbinden weiß.

In Meerholz selbst wohnen dem ersten Eindruck nach nur Hunde. Die wenigen Menschen, die man sieht, wirken wie die Angestellten der Hunde. Auch weil die Hunde lebendiger sind. Zumindest lauter. Tierfreunde würden sagen, sie „begrüßen“ den EU-Bürger. Aber die Schilder an den Gartenzäunen warnen explizit vor „bissigen Hunden“. Tierfreunde haben nicht immer recht.

In einer internationalen Pizzeria

Dann das erste Schild im EU-Design. Auf einer Insel inmitten eines Kreisverkehrs verkündet eine weiße Schrift auf blauem Grund, flankiert von Sternen: „Gelnhausen-Meerholz mittendrin“. Stimmt, rundherum haben sich ein Heizungsinstallateur, ein Norma-Supermarkt und das „House of Vacuum“ angesiedelt. Aber noch ist der EU-Bürger nicht am Ziel. Der Pfeil auf dem Schild zeigt nach rechts. Hügel aufwärts.

Vorbei an Einfamilienhäusern, teilt sich der Weg schließlich. Links geht es zum Waldfriedhof, rechts zum EU-Zentrum. Auf einem Parkplatz steht das Haus des Sportvereins, das auch eine Pizzeria beherbergt. Plötzlich hat der EU-Bürger Durst.

Der Gastgarten der Pizzeria liegt neben dem Platz für die Bogenschützen, und man kann die Pfeile fliegen hören. Sssssssn - Duggg! Am Nebentisch trinken zwei pensionierte Hessen Pils. „2,9 Millionen“, stößt der eine lautstark aus. Was meint er, fragt sich der EU-Bürger. Banker-Boni? CDU-Mitglieder? Pro-Kopf-Verbrauch an Liter Bier in Deutschland? Der Rentner fährt fort: „Aber tausende Ausbildungsstellen frei! Das ist doch ein Scheiß! Die wollen doch alle nicht!“ Der Tisch der Rentner bekommt die zweite Runde Pils.

Der Kellner kommt aus Rumänien, der Chef ist Italiener, und der EU-Bürger würde zu gern wissen, wie dieses Nationen-Ranking weitergeht. Wer arbeitet wohl in der Küche? Ein Albaner? Oder ein Türke? Und wer putzt? Afghanen? Schwarzafrikaner?

Der Rumäne jedenfalls ist ein höflicher Mensch mit einem schüchternen Lächeln und hat an diesem schwülen Nachmittag nicht viel zu tun. Also sitzt er an der hüfthohen Mauer des Gastgartens und öffnet Erdnüsse. Mit einem Hammer. Und irgendwo zwischen dem wilden Wein, der den Garten laubenartig überwächst, sind Boxen versteckt, aus denen leise, aber unüberhörbar die Hits von Phil Collins plätschern.

Man sieht ... nichts

Irgendwo hat der EU-Bürger gelesen, dass es in England verstärkte Bestrebungen gibt, aus der Europäischen Union auszutreten. Wenn das zur Folge hätte, dass man auf dem Kontinent keinen Phil Collins mehr zu hören bekäme, könnte man darüber reden, findet er spontan. In der Turnhalle nebenan bewegen Frauen, die sogar noch etwas älter als Phil Collins sind, ihre Sitzkissen halbkreisförmig um ihre Leibesmitte. Der demographische Wandel ist in Meerholz also angekommen. Beim Hinausgehen fragt sich unser EU-Bürger, ob, wenn er mal alt ist, „Altern in Würde“, noch möglich sein wird oder ob er sich eines Tages auch sitzkissenschwenkend in Turnhallen entwürdigen muss und ob sein intensiver Tabakkonsum tatsächlich eine gute Präventivmaßnahme gegen Altersarmut ist. Draußen zündet er sich eine Zigarette an. Dann setzt er sich wieder auf sein Rad.

Das Gelnhausener Rathaus und zugleich Adresse des örtlichen Tourismus-Büros: Von „Peak Oil“ hat man hier offenbar noch nichts gehört
Das Gelnhausener Rathaus und zugleich Adresse des örtlichen Tourismus-Büros: Von „Peak Oil“ hat man hier offenbar noch nichts gehört : Bild: Rainer Wohlfahrt

Die letzte Etappe führt über einen Schotterweg zwischen Obstbäumen und umgepflügten Feldern bergauf. Fahrradfahrer kreuzen, Elstern fliegen aufgeschreckt in die Höhe, das Wasserwerk Meerholz grüßt.

Es wird steiler. Und stiller. Der EU-Bürger hält das für ein untrügliches Zeichen, dass er sich dem Zentrum der EU nähert, schließlich soll es ja auch im Auge des Orkans so ruhig sein.

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