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Veröffentlicht: 28.09.2012, 09:34 Uhr

Eine Reise zum Mittelpunkt der EU 50º10’21“N 9º9’0“O


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Überhaupt legt man in Gelnhausen Wert auf Ordentlichkeit. Hier sind leerstehende Geschäfte nicht mit Graffiti besprüht und mit Veranstaltungsplakaten überklebt, hier zeigen sie Ansichten von Gelnhausen. So betrachtet der EU-Bürger einen leeren Laden und sieht dabei jene Stadt, in der er sich gerade befindet und den gewerblichen Leerstand betrachtet, auf dem wiederum die Stadt abgebildet ist, in der er gerade steht - und so weiter. Ist das ein praktischer Versuch, Unendlichkeit darzustellen? Oder einfach die hohe Schule der Nabelschau?

Sonst herrscht in Gelnhausen eher Ruhe. Kaum jemand ist an diesem sonnigen Nachmittag auf der Straße. Hier eine Mutter mit einem kleinen Bub, zwei Gassen später ein Vater mit Kinderwagen neben der Kirche, im Café am Untermarkt zwei ältere Damen bei Kaffee und Kuchen. Sonst niemand.

Der Mittelpunkt liegt in Meerholz

Dafür steht neben dem Café auf einem Fachwerkhaus der Spruch „Erinnerung ist das Paradies, aus dem einen niemand vertreiben kann“. Zweifelsfrei ein sehr aktuelles und durch und durch europäisches Motto. Sofort fallen dem EU-Bürger die Lega Nord, der Vlaams Belang, Jobbik in Ungarn oder die „Goldene Morgenröte“ in Griechenland und auch heimische rechte Parteien ein, die in Erinnerungen an vermeintlich große Zeiten schwelgen. Nur, um dann mit stolzgeschwellter Brust jemandem die Faust ins Gesicht zu schlagen. Für alle, die das aber alles lieber vergessen wollen, hängt an dem Haus auch noch ein Schild: „Zum alten Weinkellerchen“. So hat jeder Zugang zu seiner Art von Paradies.

In der Touristen-Information im Rathaus arbeitet eine junge Dame, die den EU-Bürger freundlich mit Fahrradkarten für den Vogelsberg, die Vulkanroute und ganz Hessen zuschüttet sowie mit Prospekten zur Geschichte Gelnhausens. So erfährt er, dass Gelnhausen seine Existenz einer Initiative des Staufer-Kaisers Friedrich I., genannt Barbarossa, verdankt, der einfach drei Dörfer als Stadt zusammenfassen ließ. Zweifelsohne eine Parallele zur EU, ihren Wirtschaftsverbänden, dem Brüsseler Regulierungswahn und der den Bürger beglückenden Politik „von oben“!

Der EU-Bürger fragt nach dem Mittelpunkt der EU. „Ja“. strahlt ihn die junge Dame an, „aber der ist in Meerholz.“ Meerholz? Er bekommt einen bedruckten Zettel in der Größe eines Briefkuverts mit Wegbeschreibung. Für Autofahrer. Das ist zwar bei rund drei Millionen verkauften Autos in Deutschland pro Jahr statistisch logisch und nachvollziehbar, aber hat sich nicht gerade Kopenhagen wegen seiner massiven Fahrrad-Freundlichkeit im Bewerb um die „Europäische Umwelthauptstadt 2014“ durchsetzen können? Und was ist mit der Frage nach dem „Peak Oil“? Solche Überlegungen sind im Gelnhausener Tourismus-Büro unbekannt.

Ein poetisches Kleinod

Also versucht es der EU-Bürger auf eigene Faust. Eigentlich auf eigenem Hintern und dem vorsorglich mitgeführten Fahrrad. Kurz nach einer Baustelle, wo ein Bayer, ein Pole und ein Presslufthammer hörbar europäische Integration vorleben, führt der Weg über das Territorium der Nachbargemeinde „Linsengericht“. Links geht es nach „Lieblos“. Der EU-Bürger fährt geradeaus weiter und sagt sich, dass in dieser Gegend Ortsnamen für allerlei prächtige Geographie-Sketche wachsen.

Kurz nach der Stelle, wo die A66 die ICE-Strecke Frankfurt-Fulda kreuzt, das Ortsschild: „Meerholz, Gemeinde Gelnhausen - Mittelpunkt der EU“.

Voilà, hier versteht man, das Leben zu genießen. Die „Diskothek Gaudimax“ mit der sympathischen Adresse „Im Steinigen Graben“ lockt auf einem Plakat für den kommenden Samstag: „Super Partylaune tanken mit DJ4U“ und „Tankgutscheine im Wert von über 100 Euro gewinnen!“ Daneben konkurrieren eine leichtbekleidete Dame und ein Tankstutzen um die Aufmerksamkeit des Betrachters.

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