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Eine Erzählung aus Ägypten : Wer kann den Präsidenten heilen?

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„Wir werden die Reserven mobilisieren müssen“: So sah es am Sonntag vor Kairos Präsidentenpalast aus Bild: Getty Images

Die bekannteste Parole der Muslimbruderschaft lautet: „Der Islam ist die Lösung“. Doch Ägypten, wo gerade das Referendum über die neue Verfassung läuft, hat eine Alternative. Eine Erzählung.

          Das Treffen fand in der Villa des Führers der Muslimbruderschaft statt. Präsident Mursi und Chairat al-Schater trafen noch vor dem Morgengebet ein. Sie hatten ihre Waschungen vollzogen, und der Führer leitete ihr Gebet. Dann setzten sie sich, beteten abermals, und der Führer lud sie zum Frühstück ein. Der Tisch war reich gedeckt: Ful-Bohnen, gekochte Eier, Omelette, Pfannkuchen, Honig und diverse Käsesorten, vor allem guter frischer Landkäse. Alle drei aßen mit Genuss und gingen dann ins Arbeitszimmer des Führers, wo man Kaffee trank und sogleich mit der Besprechung begann.

          „Ich möchte Ihre Einschätzung der Lage hören“, sagte der Führer.

          Schater begann: „Was die internationale Lage angeht, haben wir die Unterstützung der amerikanischen Regierung. Sie hat Kontakt mit mir aufgenommen und mitgeteilt, dass sie eine Erklärung herausgeben werde, in der sie die gewalttätigen Ausschreitungen vor dem Präsidentenpalast verurteilt. Ich habe ihnen gesagt, am wichtigsten sei es, dass die Erklärung allgemein gehalten ist und keine Verurteilung der Bruderschaft enthält. Die Amerikaner sind einverstanden. Was die Lage im Inland angeht, steht die Jugend der Bruderschaft bereit, um gegen jede Versammlung vorzugehen, die sich gegen den Präsidenten richtet.“

          Der Führer rückte seine Brille zurecht und runzelte die Stirn. „Sind sie stark genug?“, fragte er.

          Schater lachte. „Natürlich. Die jungen Leute sind hart. Ein einzelner von ihnen kann zwanzig säkulare Kids verprügeln.“

          Der Führer wirkte zufrieden. „Und was denken Sie, Mursi?“, fragte er.

          Sie möchten etwas sagen, Mursi?

          Der Präsident räusperte sich und antwortete: „Euer Gnaden, Sie sehen Dinge, die wir nicht sehen. Möge der Allmächtige Ihnen eingeben, was das Richtige für den Islam und die Muslime ist.“

          Der Führer lächelte wohlwollend und meinte: „Ich habe das Gefühl, Sie möchten etwas sagen, Mursi.“

          „In der Tat, Euer Gnaden“, erwiderte Mursi und senkte seine Stimme. „Ich hatte nicht erwartet, dass das Verfassungsdekret zu all diesen Demonstrationen führt. Ich habe versucht, den Zorn durch meine neue Erklärung zu besänftigen, aber immer noch kommt es überall zu Demonstrationen.“

          Der Führer unterbrach ihn scharf. „Aber dieser Zorn hat keinerlei Berechtigung, Mursi. Wir sind im Recht und sie im Unrecht. Gott hat uns endlich die Möglichkeit gegeben, Ägypten zu beherrschen. Wir werden nicht zulassen, dass die Säkularen, denen die Religion verhasst ist, die Macht ergreifen. Ägypten tritt jetzt in das Zeitalter des Gesegneten Kalifats ein.“

          Schater nickte zustimmend und sagte: „Sie kämpfen gegen das göttliche Gesetz. Wir werden ihnen niemals die Verfassung überlassen - nur über unsere Leichen. Wer sorgt denn für diese ganze Unruhe? Das sind die Überreste des Mubarak-Regimes, dazu ein paar Kopten und einige atheistische Kommunisten. Sie alle sind ohne jeden Wert. Wir werden jede Wahl und jedes Referendum gewinnen, da können sie anstellen, was sie wollen. Die Menschen in Ägypten wollen die Religion. Die Religion steht auf unserer Seite. Ganz gleich, worüber beim Referendum abgestimmt wird, wenn die Leute sehen, dass es dabei um die Religion geht, werden sie dafür stimmen.“

          Präsident Mursi lächelte. „Natürlich, natürlich“, murmelte er.

          Der ägyptische Schriftsteller und Zahnarzt Alaa al Aswani

          Der Führer blätterte die Papiere durch, die vor ihm lagen. „Mursi, die Polizei war nachlässig beim Schutz der Büros unserer Bruderschaft“, sagte er.

          „Ich hatte eine Besprechung mit dem Innenminister, und er hat mir eine Verbesserung versprochen, so Gott will“, erwiderte der Präsident.

          Der Führer schien erzürnt. „Das ist Unsinn“, rief er. „Mehr als zwanzig Büros der Bruderschaft sind in Brand gesteckt worden. Der Innenminister ist entweder unfähig, oder er steckt mit denen unter einer Decke.“

          „Meinen Sie, wir sollten den Innenminister austauschen, Euer Gnaden?“, fragte Präsident Mursi.

          Der Führer wischte sich mit den Handflächen über sein Gesicht, wie er es häufig tat, wenn er zornig war, und seufzte. „Nein, eine Kabinettsumbildung zu diesem Zeitpunkt wäre eine negative Botschaft und könnte die Polizeigeneräle gegen uns aufbringen. Warten wir noch eine Weile. Sobald die Lage sich beruhigt hat, muss dieser Minister gehen. Für den Augenblick haben ihre Mitbrüder einen Plan zum Schutz der Büros ausgearbeitet. Ich möchte hören, was Sie dazu sagen.“

          Der Führer reichte Präsident Mursi und Schater Kopien des Plans. Sie begannen schweigend zu lesen. Dann meinte Schater: „Dafür brauchen wir eine Menge Leute. Wir werden die Reserven mobilisieren müssen.“

          Der Führer nickte. „Tun Sie alles, was Sie für notwendig halten.“

          Präsident Mursi las weiter, dann gab er die Blätter dem Führer zurück. „Ich glaube, der Name des Funktionärs aus Tanta ist falsch geschrieben“, sagte er.

          Der Führer nahm die Blätter, sah auf die Hand des Präsidenten und fragte: „Haben Sie sich verletzt, Mursi?“

          Präsident Mursi blickte auf seine rechte Hand und bemerkte einen Blutfleck. Er wirkte verstört. „Das ist seltsam“, sagte er. „Ich erinnere mich nicht, dass ich mich verletzt hätte.“

          Schater versuchte ihn zu beruhigen. „Wahrscheinlich haben Sie sich irgendwo gestoßen und es gar nicht bemerkt.“

          „Nein, das ist eine sehr seltsame Wunde.“

          Sie sah aus wie eine Münze mitten auf seiner Handfläche, und das Blut war trocken und dunkel. Schater stand auf, eilte aus dem Arbeitszimmer und kam mit einem Stück Mull und einem Desinfektionsmittel zurück. Er tauchte den Mull in das Desinfektionsmittel und begann, kräftig über den Blutfleck zu reiben. Aber der verschwand nicht. Der Präsident entschuldigte sich, eilte ins Bad, hielt seine rechte Hand unter warmes Wasser und versuchte, das Mal mit Seife abzuwaschen. Aber es blieb unverändert. Nichts hatte irgendeine Wirkung.

          Der Präsident geriet in Panik. Er verabschiedete sich, stieg in seinen Wagen und sagte dem Fahrer, er solle ihn direkt in die Privatklinik fahren, die einem befreundeten Arzt gehörte, der zugleich sein Kollege in den Führungsgremien der Bruderschaft gewesen war. Als der Fahrer das hörte, informierte er die Bodyguards, die gleich kamen, um nachzuschauen, ob der Präsident wohlauf war, aber der versteckte seine rechte Hand, lächelte gezwungen und versicherte ihnen, es sei nichts Schlimmes und es gehe ihm gut. Eine halbe Stunde später hastete der Präsident in das Zimmer des Arztes und sagte: „Ich habe an meiner Hand ein blutiges Mal entdeckt, und ich weiß nicht, woher es kommt.“

          Herr Präsident, Sie haben keine Wahl

          Der Arzt zog Handschuhe über und untersuchte den Präsidenten. Er nahm dessen Hand, hielt sie unter eine Lampe und begann, sie sorgfältig zu inspizieren. Schließlich tauchte er ein Stück Mull in eine stark riechende Flüssigkeit und rieb damit kräftig über das Mal. Aber das Mal verschwand nicht, es zeigte nicht einmal eine Veränderung. Der Arzt warf das Stück Mull weg und sagte: „Dr.Mursi, das ist wirklich seltsam. Das Blut stammt nicht aus einer Wunde. Es klebt an der Haut und lässt sich nicht entfernen.“

          „Ich bin sehr erstaunt“, sagte der Präsident, und seine Stimme zitterte.

          „Ich auch. Und die Sache ist mir gar nicht klar.“

          „Und was können wir da machen?“

          „Bis morgen werden Sie damit leben müssen. Ich werde mit einem Gefäßspezialisten reden, den ich in Deutschland kenne, denn ehrlich gesagt, es ist das erste Mal, dass ich so etwas sehe.“

          Der Präsident war verärgert. „So lange kann ich nicht warten. Um 19 Uhr treffe ich mich mit den Ministern, und danach habe ich die Aufzeichnung einer Fernsehansprache. Mit Blut an den Händen kann ich den Leuten nicht gegenübertreten.“

          Dem Arzt tat das offenkundig leid. Er verbeugte sich leicht und sagte mit leiser Stimme: „Herr Präsident, Sie haben keine Wahl. Es ist ein merkwürdiger Fall, und wir werden zahlreiche Tests hier bei uns und im Ausland durchführen müssen, um herauszufinden, was da mit Ihrer Hand geschehen ist.“

          Der Präsident merkte, dass es nutzlos war weiterzureden. Er dankte dem Arzt und ging in sein Büro im Ittihadia-Palast. Er verbrachte den Tag wie geplant - Treffen mit ägyptischen und ausländischen Offiziellen, eine Kabinettssitzung und dann die Aufzeichnung einer Fernsehansprache für den nächsten Tag. Während all dieser Begegnungen hielt er seine Hand verdeckt, außer Sicht seiner Gesprächspartner, damit man das blutige Mal nicht entdeckte.

          Als der Präsident nach Hause kam, konnte er es allerdings nicht vor seiner Frau verbergen. Als er ihr davon erzählte, erschrak sie, nahm seine Hand, drehte sie um und versuchte, das blutige Mal abzureiben. Sie legte die Hand in warmes Wasser, rieb mit einem Schwamm und einem Bimsstein darüber, ohne Erfolg. Immer noch befand es sich rund und dunkel mitten auf dem Handteller des Präsidenten und widersetzte sich jedem Versuch, es zu entfernen.

          Die Frau des Präsidenten gab ihre Bemühungen schließlich auf, murmelte: „Ich werde Gott um Vergebung bitten“, und ging hinaus. Sie setzte sich und las im Koran, von einer plötzlichen Traurigkeit überfallen, die ihr die Tränen über die Wangen laufen ließ. Der Präsident nahm ein heißes Bad und versuchte, nicht mehr an das Mal zu denken, aber ganz unwillkürlich schaute er immer wieder danach, in der Hoffnung, es wäre verschwunden oder zumindest etwas kleiner geworden. Aber das Mal blieb, wie es war.

          Die ganze Nacht tat der Präsident kein Auge zu. Dunkle Gedanken verfolgten ihn. Er hatte keine Angst vor dem Tod, denn das wäre der Wille Gottes. Wenn das blutige Mal das Symptom einer ernsthaften Erkrankung wäre, würde er sterben, sofern seine Zeit gekommen war. Er machte sich Sorgen, dass etwas davon bekannt würde. Wenn dieses blutige Mal auf seiner Hand bliebe, würden alle es sehen, und es gäbe seinen Rivalen die Möglichkeit, ihn anzugreifen und in Misskredit zu bringen.

          Der Präsident ließ den gesamten letzten Tag vor seinem inneren Auge Revue passieren. Er glaubte nicht, mit jemandem in Berührung gekommen zu sein, der verletzt war, und er hatte nirgendwo Blut in irgendeiner Form berührt. Als er den Ruf zum Morgengebet hörte, vollzog er seine Waschungen und betete. Er ließ seinen Fahrer und seine Bodyguards wecken, kleidete sich an und eilte in die Villa des Führers, wo er ihn zusammen mit Chairat al-Schater fand. Er begrüßte sie kurz und ließ sich in einen Sessel fallen. Der Führer sah ihn an und lächelte. „Was gibt es Neues? Ich hoffe, Ihrer Hand geht es besser.“

          „Ich bin müde, Euer Gnaden“, sagte der Präsident leise. „Das Mal auf meiner Hand will nicht verschwinden. Der Arzt sagt, es sei ein seltsamer Fall und er habe so etwas noch nie gesehen.“

          Nach einer kurzen stummen Pause, als dächte er nach, sagte der Führer: „Ich glaube, Sie suchen besser einen Arzt in Amerika oder Europa auf.“

          Der Präsident schien nicht begeistert von diesem Gedanken. „Euer Gnaden“, sagte er leise, „ich habe Angst, Gott könnte mich strafen für die Menschen, die getötet worden sind.“

          „Warum sollte Gott Sie strafen?“, fragte Schater ungläubig.

          „Unter den Menschen, die ums Leben gekommen sind, waren auch einige junge Mitglieder der Bruderschaft“, erklärte der Führer mit fester Stimme.

          „Gewiss, Euer Gnaden“, erwiderte Mursi, „mögen sie in Frieden ruhen. Sie sind Märtyrer, so Gott will. Aber ich habe das Gefühl, dass ich die Ursache bin. Wenn wir anders gehandelt hätten, könnten diese Märtyrer noch leben.“

          Der Führer schien seinen Zorn zu unterdrücken. „Dr.Mursi“, rief er, „nehmen Sie sich zusammen. Unsere Entscheidungen waren wichtig, um unsere Macht zu stärken und die Pläne der Säkularen zu vereiteln, die dem Islam feindlich gesinnt sind.“

          „Sollen wir zulassen, dass sie die Macht übernehmen, Mursi?“

          Der Präsident schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Sie haben recht“, sagte er.

          Der Führer lächelte. „Alle unsere Entscheidungen sind nur dazu da, Gott und dem Propheten zu gefallen“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Wir danken Gott dafür, dass wir nicht machthungrig sind wie andere Leute.“

          Ein Schauder durchlief Präsident Mursi, er schwieg und blickte auf seine Hand. Das blutige Mal war noch da, unverändert.

          Demokratie ist die Lösung.

          Der Schriftsteller Alaa al-Aswani

          Alaa al-Aswani lebt in Kairo, wo er eine Zahnarztpraxis betreibt. Er ist aber auch der im Moment renommierteste ägyptische Autor. Mit „Der Jakubijân-Bau“ veröffentlichte der 1957 geborene Schriftsteller vor zehn Jahren einen Roman, der in seiner Handlung geradezu prophetisch all die politischen Machenschaften in Ägypten ansprach, die 2011 zum Zusammenbruch des Mubarak-Regimes führten. Al-Aswani, der kürzlich den Palm-Preis für Presse- und Meinungsfreiheit entgegennahm, hatte bereits in seinem Roman die Muslimbrüder als Erben des zerfallenden Systems ausgemacht. Er engagierte sich an führender Stelle in der ägyptischen Oppositionsbewegung Kifaja gegen Mubarak und steht heute auf Seiten der Opposition gegen Präsident Mursi.

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