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Veröffentlicht: 17.12.2012, 17:21 Uhr

Eine Erzählung aus Ägypten Wer kann den Präsidenten heilen?

Die bekannteste Parole der Muslimbruderschaft lautet: „Der Islam ist die Lösung“. Doch Ägypten, wo gerade das Referendum über die neue Verfassung läuft, hat eine Alternative. Eine Erzählung.

© Getty Images „Wir werden die Reserven mobilisieren müssen“: So sah es am Sonntag vor Kairos Präsidentenpalast aus

Das Treffen fand in der Villa des Führers der Muslimbruderschaft statt. Präsident Mursi und Chairat al-Schater trafen noch vor dem Morgengebet ein. Sie hatten ihre Waschungen vollzogen, und der Führer leitete ihr Gebet. Dann setzten sie sich, beteten abermals, und der Führer lud sie zum Frühstück ein. Der Tisch war reich gedeckt: Ful-Bohnen, gekochte Eier, Omelette, Pfannkuchen, Honig und diverse Käsesorten, vor allem guter frischer Landkäse. Alle drei aßen mit Genuss und gingen dann ins Arbeitszimmer des Führers, wo man Kaffee trank und sogleich mit der Besprechung begann.

„Ich möchte Ihre Einschätzung der Lage hören“, sagte der Führer.

Schater begann: „Was die internationale Lage angeht, haben wir die Unterstützung der amerikanischen Regierung. Sie hat Kontakt mit mir aufgenommen und mitgeteilt, dass sie eine Erklärung herausgeben werde, in der sie die gewalttätigen Ausschreitungen vor dem Präsidentenpalast verurteilt. Ich habe ihnen gesagt, am wichtigsten sei es, dass die Erklärung allgemein gehalten ist und keine Verurteilung der Bruderschaft enthält. Die Amerikaner sind einverstanden. Was die Lage im Inland angeht, steht die Jugend der Bruderschaft bereit, um gegen jede Versammlung vorzugehen, die sich gegen den Präsidenten richtet.“

Der Führer rückte seine Brille zurecht und runzelte die Stirn. „Sind sie stark genug?“, fragte er.

Schater lachte. „Natürlich. Die jungen Leute sind hart. Ein einzelner von ihnen kann zwanzig säkulare Kids verprügeln.“

Der Führer wirkte zufrieden. „Und was denken Sie, Mursi?“, fragte er.

Sie möchten etwas sagen, Mursi?

Der Präsident räusperte sich und antwortete: „Euer Gnaden, Sie sehen Dinge, die wir nicht sehen. Möge der Allmächtige Ihnen eingeben, was das Richtige für den Islam und die Muslime ist.“

Der Führer lächelte wohlwollend und meinte: „Ich habe das Gefühl, Sie möchten etwas sagen, Mursi.“

„In der Tat, Euer Gnaden“, erwiderte Mursi und senkte seine Stimme. „Ich hatte nicht erwartet, dass das Verfassungsdekret zu all diesen Demonstrationen führt. Ich habe versucht, den Zorn durch meine neue Erklärung zu besänftigen, aber immer noch kommt es überall zu Demonstrationen.“

Der Führer unterbrach ihn scharf. „Aber dieser Zorn hat keinerlei Berechtigung, Mursi. Wir sind im Recht und sie im Unrecht. Gott hat uns endlich die Möglichkeit gegeben, Ägypten zu beherrschen. Wir werden nicht zulassen, dass die Säkularen, denen die Religion verhasst ist, die Macht ergreifen. Ägypten tritt jetzt in das Zeitalter des Gesegneten Kalifats ein.“

Schater nickte zustimmend und sagte: „Sie kämpfen gegen das göttliche Gesetz. Wir werden ihnen niemals die Verfassung überlassen - nur über unsere Leichen. Wer sorgt denn für diese ganze Unruhe? Das sind die Überreste des Mubarak-Regimes, dazu ein paar Kopten und einige atheistische Kommunisten. Sie alle sind ohne jeden Wert. Wir werden jede Wahl und jedes Referendum gewinnen, da können sie anstellen, was sie wollen. Die Menschen in Ägypten wollen die Religion. Die Religion steht auf unserer Seite. Ganz gleich, worüber beim Referendum abgestimmt wird, wenn die Leute sehen, dass es dabei um die Religion geht, werden sie dafür stimmen.“

Präsident Mursi lächelte. „Natürlich, natürlich“, murmelte er.

Politische Unruhen in Ägypten - Protestmärsche der Opposition auf den Straßen von Kairo werden von der Polizei gewaltsam aufgelöst. © Fricke, Helmut Vergrößern Der ägyptische Schriftsteller und Zahnarzt Alaa al Aswani

Der Führer blätterte die Papiere durch, die vor ihm lagen. „Mursi, die Polizei war nachlässig beim Schutz der Büros unserer Bruderschaft“, sagte er.

„Ich hatte eine Besprechung mit dem Innenminister, und er hat mir eine Verbesserung versprochen, so Gott will“, erwiderte der Präsident.

Der Führer schien erzürnt. „Das ist Unsinn“, rief er. „Mehr als zwanzig Büros der Bruderschaft sind in Brand gesteckt worden. Der Innenminister ist entweder unfähig, oder er steckt mit denen unter einer Decke.“

„Meinen Sie, wir sollten den Innenminister austauschen, Euer Gnaden?“, fragte Präsident Mursi.

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