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Eine Erläuterung Was Grass uns sagen will

Das Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass ist ein Dokument der Rache. Eine Interpretation.

© Daniel Pilar Vergrößern „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“: Nobelpreisträger Günter Grass provoziert, wieder einmal

Es empfiehlt sich, Gedichte von Günter Grass erst mit den Augen und dann mit dem Schraubenzieher zu lesen. Sie ähneln Ikea-Regalen. Auf dem Papier sieht alles ganz einfach aus, aber wenn man das fertige Werk erst einmal auseinander genommen hat, kriegt man es einfach nicht mehr zusammen.

Ein Gedicht ist natürlich kein Regal. Man sieht von außen nicht, was in ihm steckt. Ein Gedicht ist ein Gedicht, weil es niemals sagt, was Sache ist. Seit Generationen müssen Schüler im Deutschunterricht deshalb die Frage beantworten, was der Dichter uns verheimlicht.

Ein Leitartikel als Gedicht

Ganz anders der Leitartikel. Ein Leitartikel ist ein Artikel, der immer sagt, was Sache ist. Generationen von Zeitungslesern streiten sich deshalb jeden Morgen, ob sie richtig finden, was er sagt, oder falsch.

Schraubt ein Autor Gedicht und Leitartikel zusammen, muss der Leser folgerichtig herausfinden, ob er richtig oder falsch findet, was der Dichter verheimlicht.

Damit sind wir bei Günter Grass und seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“. Neun Strophen, die der Nobelpreisträger heute auf der ganzen Erde verbreiten lässt (die „New York Times“ aber hat es dann doch nicht gedruckt). Auf den ersten Blick scheint es einfach zu verstehen und harmlos konstruiert. „Was gesagt werden muss“, das steht in Strophe sieben: Die „Atommacht Israel“ gefährde den Weltfrieden. Es geht um Iran und Israel, um „Planspiele“, „nukleares Potential“, „Antisemitismus“, „U-Boot“-Lieferung, die „Heuchelei des Westens“, den „Weltfrieden“, „iranische Atomanlagen“, „permanente Kontrolle“, „eine internationale Instanz“ - das alles sind die Bauteile des politischen Leitartikels.

Das Gedicht hinter dem Gedicht

Man kann das diskutieren wie jeden Leitartikel. Man wird dann feststellen, dass - abgesehen von der These, der Staat Israel gefährde den Weltfrieden - Grass keine Einzelmeinung vorträgt. David Grossman hat sich in dieser Zeitung ganz ähnlich geäußert. Die israelische Zeitung „Haaretz“ zitierte vor wenigen Tagen ausführlich die Warnungen Hillary Clintons vor einem Präventivschlag Israels. Auf den ersten Blick ist Grass’ Gedicht auch nur das: ein Nobelpreisträger-Kommuniqué für den Weltfrieden, sprachlich Lichtjahre von irgendeiner Art heutzutage praktizierter Literatur entfernt.

Wer jetzt mit dem Schraubenzieher nachschaut, findet aber ein zweites Gedicht und zwar eine ziemlich bestürzende Umkehrung westdeutscher Nachkriegsdiskurse. Grass schreibt einen Leitartikel, der das lyrische Verfahren benutzt, um über Israel als Israels Opfer sprechen zu können. Die deutsche Geschichte habe ihn bisher gehindert, offen zu sprechen. Jetzt aber muss er reden.

Warum schweige ich, verschweige
zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als
Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Man muss sich klarmachen, was dieser Meister der Sprache assoziativ aufruft. Es spricht ein potentiell „Überlebender“, der „allenfalls Fußnote der Geschichte“ sein wird, wenn man Israel nicht Einhalt gebietet. Im semantischen Kontext dieses Gedichts raubt er sich das Wort „Überlebende“ und damit die moralische Autorität der überlebenden Verfolgten des Dritten Reichs. Mehr noch, er spielt fast wörtlich auf die Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht vom 9.November 2008 an, auf der Charlotte Knobloch davor warnte, dass die Opfer des Holocaust zu „Fußnoten der Geschichte“ werden könnten. Auf diese Befürchtung antwortete Angela Merkel in der gleichen Veranstaltung mit einem berühmten Satz, der auch staatsrechtlich relevant ist und den dieses Gedicht widerlegen will: „Die Sicherheit Israels zu schützen ist Teil der Staatsräson Deutschlands.“

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