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Eine dolle Zeit? : Sex-Karneval

Während in Talkshows über Sexismus debattiert wird, zelebriert der Karneval Zoten und Übergriffe auf allen Kanälen. Wie passt das zusammen?

          Jüngst war in dieser Zeitung die Rede davon, dass nach dem Brüderle-Fall, wie auch immer man nun zu ihm und seiner medialen Verarbeitung im Detail stehen mag, andere Regeln beim Thema Sexismus gelten könnten. Wenn man derzeit abends durch die Dritten Programme zappt - und es gibt schrecklich viele davon -, kann man dazu nur sagen: Wer’s glaubt, wird selig! Denn was da so etwa bei „Mainz, wie es sinkt und schnarcht“ oder „Mer losse d’r Darm in Kölle“ nicht nur Derbes zu hören, sondern auch Übergriffiges zu sehen ist, stellt jede noch so garstige Vorstellung vom Flirtverständnis gewisser Politiker in den Schatten.

          Keine Erlösung im Lachen

          Man könnte jetzt eine intellektuelle Debatte über die historische Funktion des Karnevals anschließen, dessen Wesen gerade im Aushebeln aller Regeln besteht, aber eine Erlösung im Lachen und eine Befreiung von Angst, wie der Literaturtheoretiker Michail Bachtin sie als karnevalistische Grundidee behauptet hat, scheint beim öffentlich-rechtlichen Spaßprogramm erstens ziemlich ausgeschlossen. Zweitens bleibt es irgendwie doch sehr paradox, wenn auf dem einen Sender eine Talkshow über Sexismus läuft und er auf dem nächsten gerade gelebt, wenn nicht gefeiert wird.

          Noch schlauer wäre natürlich, das Niebel-Argument, auch Männer würden diskriminiert, auf den Karneval zu übertragen: Denn wie derb gehe es erst bei Weiberfastnachtssitzungen zu! Wenn nicht alles täuscht, sind die aber im Fernsehen nicht so präsent. Soll man jetzt also für die Gleichberechtigung des Weiberfastnachtswitzes auf die Barrikaden gehen? Bitte nicht. Dann lieber die inzwischen legendäre Debatte zwischen Alice Schwarzer und Esther Vilar noch einmal ausstrahlen, die der WDR 1975 zur Weiberfastnacht sendete. Ohnehin weiß man ja, wenn man heute in so eine Karnevalssendung reinschaltet, nie, ob es sich um frisches Material oder eine Aufzeichnung von 1975 handelt. Flirten kann unglaublich subtil sein. Karneval ist es per Definition nicht. Aber könnten Karneval und Fernsehen sich nicht wenigstens ein bisschen anstrengen?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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