http://www.faz.net/-gqz-76efn

Eine dolle Zeit? : Sex-Karneval

Während in Talkshows über Sexismus debattiert wird, zelebriert der Karneval Zoten und Übergriffe auf allen Kanälen. Wie passt das zusammen?

          Jüngst war in dieser Zeitung die Rede davon, dass nach dem Brüderle-Fall, wie auch immer man nun zu ihm und seiner medialen Verarbeitung im Detail stehen mag, andere Regeln beim Thema Sexismus gelten könnten. Wenn man derzeit abends durch die Dritten Programme zappt - und es gibt schrecklich viele davon -, kann man dazu nur sagen: Wer’s glaubt, wird selig! Denn was da so etwa bei „Mainz, wie es sinkt und schnarcht“ oder „Mer losse d’r Darm in Kölle“ nicht nur Derbes zu hören, sondern auch Übergriffiges zu sehen ist, stellt jede noch so garstige Vorstellung vom Flirtverständnis gewisser Politiker in den Schatten.

          Keine Erlösung im Lachen

          Man könnte jetzt eine intellektuelle Debatte über die historische Funktion des Karnevals anschließen, dessen Wesen gerade im Aushebeln aller Regeln besteht, aber eine Erlösung im Lachen und eine Befreiung von Angst, wie der Literaturtheoretiker Michail Bachtin sie als karnevalistische Grundidee behauptet hat, scheint beim öffentlich-rechtlichen Spaßprogramm erstens ziemlich ausgeschlossen. Zweitens bleibt es irgendwie doch sehr paradox, wenn auf dem einen Sender eine Talkshow über Sexismus läuft und er auf dem nächsten gerade gelebt, wenn nicht gefeiert wird.

          Noch schlauer wäre natürlich, das Niebel-Argument, auch Männer würden diskriminiert, auf den Karneval zu übertragen: Denn wie derb gehe es erst bei Weiberfastnachtssitzungen zu! Wenn nicht alles täuscht, sind die aber im Fernsehen nicht so präsent. Soll man jetzt also für die Gleichberechtigung des Weiberfastnachtswitzes auf die Barrikaden gehen? Bitte nicht. Dann lieber die inzwischen legendäre Debatte zwischen Alice Schwarzer und Esther Vilar noch einmal ausstrahlen, die der WDR 1975 zur Weiberfastnacht sendete. Ohnehin weiß man ja, wenn man heute in so eine Karnevalssendung reinschaltet, nie, ob es sich um frisches Material oder eine Aufzeichnung von 1975 handelt. Flirten kann unglaublich subtil sein. Karneval ist es per Definition nicht. Aber könnten Karneval und Fernsehen sich nicht wenigstens ein bisschen anstrengen?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Goldrausch in der Schweiz

          Kryptowährungen : Goldrausch in der Schweiz

          Der Kanton Zug ist ein Dorado für digitale Glücksritter. Hier dreht sich alles um Bitcoin und Blockchain. Wird die Schweiz bald zur „Crypto Nation“?

          Die Blumenschlacht von Nizza Video-Seite öffnen

          Berühmter Karneval : Die Blumenschlacht von Nizza

          Der Karneval von Nizza ist Frankreichs größte Veranstaltung dieser Art . Berühmt ist er vor allem für seine Blumenschlacht – statt Süßigkeiten fliegen Blumen in die Menge.

          Zehn Jahre unabhängiges Kosovo Video-Seite öffnen

          Jubiläum : Zehn Jahre unabhängiges Kosovo

          Der jüngste Staat Europas hat seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Am 17. Februar 2008 erklärte das Kosovo seine Unabhängigkeit. Und doch ist vielen der 1,8 Millionen Einwohner heute nicht zum Feiern zumute.

          Topmeldungen

          Nein, das ist kein SPD-Hund, das ist der französische Präsidentschaftshund Nemo.

          SPD-Mitgliederabstimmung : Genossin Lima wählt Groko

          Die SPD zeigt sich in Mitgliederfragen sehr tierlieb, denn bei ihr dürfen auch Hunde abstimmen. Das zumindest behauptet die „Bild“-Zeitung. Die SPD hält dagegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.