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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Eine Art Erholung Die große, große Müdigkeit

Ausgebrannt zu sein ist heute kein persönliches Schicksal mehr, sondern ein gesellschaftliches. Es rührt von einem System her, das die Kosten historischer Umbrüche immer nur auf denselben Schultern ablädt.

© Diogenes Verlag Vergrößern Ermattet, aber nicht ohne Hoffnung: Der einen ist die goldene Kugel in den Brunnen gefallen, der andere wurde in einen Frosch verwandelt. Aber gemeinsam können sie etwas verändern. Jedenfalls im Märchen vom Froschkönig.

Züge zur Weihnachtszeit sind ein soziales Experiment. Menschen, die sich nie begegnen würden, werden in einer Röhre komprimiert und manchmal bewegt, manchmal nicht. Schlecht, wenn die Bahn es versäumt, einen voll reservierten Wagen auch anzuhängen, und noch schlechter, wenn die Zugbegleiterin dann um „Verständnis wegen des Notfalls“ bittet, denn zu Recht merkten die Passagiere an, dass es kein schicksalhafter Notfall, sondern schlicht eine Panne war - zudem eine, mit der die Bahn Geld spart. Denn auch stehende Passagiere zahlen den vollen Fahrpreis, und ob jeder wirklich die Formulare einreicht, damit die Reservierungsgebühr erstattet werden kann? Man unterstellt Absicht.

Nils Minkmar Folgen:  

Doch in welchem Ton wird das vorgebracht, wie schnell ist der Vielfahrer mittleren Alters in Jeans und Baumwollhemd auf höheren Touren als das an jenem Tag defekte Triebwerk des ICE. Sein Gesicht nimmt die Farbe einer Aubergine an, er brüllt fast. Die Zugbegleiterin bittet, wie sie das immer tun, „um Verständnis“, aber er weist das mit der verhohlenen Sympathie des ganzen Waggons zurück: „Und wer versteht mich? Wer versteht mich denn auf der Arbeit?“

Keiner versteht ihn

Es war mehr als die Empörung eines treuglaubenden Kunden, das war echte Verzweiflung, und jeder wusste, was er meinte. Hier sprach kein Fluglotse, kein Gehirnchirurg und keiner, der sekündlich die Milliarden bewegt, sondern ein eher gemütlich aussehender Angestellter, ein gestandener Mann, von dem man sagen würde, dass er mitten im Leben steht. Aber diese Mitte wird an den Rand gedrängt, so schnell dreht sich die Welt, und es gibt keine Pause und kein Pardon. Und oft genug nicht mal eine Erklärung: Man versteht ihn nicht, und er versteht die Welt nicht mehr. Bald entspannen sich um ihn herum viele Gespräche, alle kreisten um das große Kreisen des Geldes, die Krise und, wie man früher sagte, das System: die geringen Renten, Krankenhäuser, die Clochards abweisen, die Griechen, die HRE, Ackermann, was sind eigentlich Schulden, die geringen Renten. Wessen Schulden zahlen wir? Warum vermag unser Geld so wenig? Bahnfahrer auf der Suche nach der falsch gestellten Weiche.

Das späte neunzehnte Jahrhundert war das Zeitalter der Neurasthenie, und wir leben in Zeiten des Burnout. Egal ob man von der medizinischen Korrektheit des Begriffs überzeugt ist oder nicht, ob man also die vielfältige und diffuse Symptomatik als spezifische Krankheit anerkennen möchte oder nicht, der Begriff aus der vormodernen Kerzenzeit bezeichnet eine Phänomenologie, die jedem intuitiv verständlich ist. Er gehört zu jenen Geräten unseres Welterklärungswerkzeugkastens, die uns heuristisch weiterhelfen, auch wenn wir gar nicht genau verstehen, wie sie en détail funktionieren. Es vergeht kein Tag, in dem nicht ein Artikel über Burnout in Zeitungen und Magazinen erscheint.

Immer mehr Mühen erwarten

Dabei wird er immer als ein privates Problem besprochen, werden gute Ratschläge zu seiner Vermeidung oder Linderung gegeben, die alle auf der Ebene der persönlichen Lebensgestaltung liegen. Zauberformeln werden offenbart: Work Life Balance und Entschleunigung, digitale Abstinenz und Fokussierung auf das Wesentliche. Als wäre das so einfach. Burnout wird einerseits in all seinen dramatischen und zerstörerischen Konsequenzen beschrieben, als eine Krankheit die lebensbedrohlich ist, die „Kassen Milliarden kostet“ und unbedingt ernst zu nehmen ist, die Mittel dagegen aber sind immer rein privat. Als würde man den Arbeitern einer Asbestfabrik empfehlen, zu Hause besser Staub zu wischen, um ihre Lungen vor Krebs zu schützen.

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