Home
http://www.faz.net/-gqz-6yazx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein wahres Märchen Lakritzland

 ·  Es war einmal ein Reich, das bestand aus vielen Völkern. Die im Norden waren reich und fleißig, die im Süden arm und stolz. Nie rührte sich Streit. Dann ging das Gold zur Neige.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)
© Barbara Klemm Gegründet, um nie wieder im Krieg zu sein, ging die Union der Buntaugen am Ende in genau diesem Krieg unter

Manche sagen, das Unglück habe mit den glänzenden Streifen von Lakritze begonnen. Aber so war es nicht. Jedenfalls war die Lakritze nicht der einzige Grund für den Untergang des Reiches der Buntaugen - und ganz gewiss nicht der wichtigste. Wenn aber die Menschen heute behaupten, die Lakritze und die berühmte buntäugische Schatztruhe hätten rein gar nichts mit der buntäugischen Tragödie zu tun, so ist das nicht die Wahrheit. Doch wen interessiert das heute noch? Die Jüngeren wissen kaum noch etwas vom Reich der Buntaugen. Viele kennen nicht einmal mehr den Namen.

Vielleicht ist das Reich der Buntaugen auch deshalb so schnell in Vergessenheit geraten, weil es eigentlich kein Reich war. Es bestand aus vielen kleinen und einigen größeren Herzogtümern, die nach dem Ende eines schrecklichen Krieges eine Union gebildet hatten. In dem Krieg waren viele Menschen umgekommen. Es war der furchtbarste Krieg aller Völker und Zeiten gewesen. Ein Weltkrieg, sagten die Überlebenden. Damit es zumindest in ihrem Teil der Welt nie wieder Krieg geben könne, wurde das Reich der Buntaugen gegründet. So hieß es jedenfalls. Sicher ist, dass in der Union der Buntaugen viele Herzogtümer vereint wurden, deren Soldaten zuvor gegeneinander gekämpft hatten.

“Wir sind doch alle Buntaugen! Deshalb werden wir nie wieder gegeneinander kämpfen. Und niemals darf die Union Buntaugen zerfallen, denn sie allein bietet uns dauerhaften Frieden.“ So sprach man an hohen Feiertagen in den Herzogtümern der Buntaugen, von Nord nach Süd und Ost nach West. Besonders im größten Herzogtum der Union hört man solche Sätze oft. Es sah so aus, als sei es gelungen, den Krieg abzuschaffen. Zwar gab es noch Soldaten in der Union und jedes Herzogtum hatte eine eigene Armee, aber deren einzige Aufgabe war es, das Reich der Buntaugen gegen äußere Feinde zu schützen, sollten welche kommen. So sagte man.

Jedes Land ist erfunden, aber trotzdem wahr

Obwohl es kein Reich war wie jedes andere, hatte die Union der Buntaugen eine Hauptstadt. Sie hieß B.. Es gab B. sogar doppelt: Als Hauptstadt der Union der Buntaugen und als Hauptstadt eines der Herzogtümer, aus denen das Reich bestand. (Wobei das Herzogtum, dessen Hauptstadt B. war, wiederum in zwei Herzogtümer unterteilt war. Eigentlich waren es sogar drei, aber das führt zu weit.) Die Herzogtümer hatten schon existiert, als selbst der Kühnste noch nicht daran dachte, dass es eines Tages einmal eine Union der Buntaugen geben werde. Deshalb sagten viele Menschen, die Union der Buntaugen sei eine Erfindung und die Buntaugen ein ausgedachtes Volk, das es eigentlich nicht gebe.

Das war richtig und falsch zugleich. Denn schließlich ist jedes Land erfunden, deshalb aber noch lange nicht unwahr. Außerdem war es Ansichtssache, ob es Buntaugen gab oder nicht. In der Union der Buntaugen lebten nämlich viele verschiedene Völker: Grünaugen, Rotaugen, Blauaugen, Grauaugen, Braunaugen und Schwarzaugen, um nur die wichtigsten zu nennen. Sie sprachen grünäugisch, rotäugisch, blauäugisch, grauäugisch, braunäugisch und schwarzäugisch. Alle zusammen nannte man sie Buntaugen, aber niemand wusste genau, was das heißen sollte - Buntauge sein. Denn nicht nur die Sprachen der Buntaugen, auch ihre Sitten und Gebräuche unterschieden sich voneinander. Sie beteten sogar zu verschiedenen Göttern - wobei gesagt werden muss, dass die Angewohnheit des Betens in den Herzogtümern der Buntaugen immer mehr aus der Mode kam. Weil es eine gemeinsame buntäugische Sprache nicht gab, Rotäugisch aber von den meisten Menschen der Union verstanden wurde, unterhielten sich die Menschen aus den verschiedenen Herzogtümern in dieser Sprache, wenn sie etwas zu besprechen hatten.

Es gab noch mehr Völker und Sprachen im Reich der Buntaugen, aber wir wollen die Sache nicht unnötig kompliziert machen. Sie ist (oder vielmehr: war) auch so kompliziert genug. Niemand verstand genau, wie das Reich funktionierte - bis auf jene, die als „überzeugte Buntaugen der ersten Stunde“ galten. Sie wurden aus allen Teilen der Union nach B. entsandt, wo sie in großen Autos umhergefahren wurden von Chauffeuren, deren Jacketts drei goldglänzende Knöpfe hatten. Mindestens. Die überzeugten Buntaugen berieten, welche neuen Gesetze man für das Reich erlassen könne. Sie dachten sich sehr viele Gesetze aus, denn dafür waren sie schließlich nach B. gekommen. Wenn sie weiter in schönen Autos umhergefahren werden wollten, mussten sie sich immer neue Gesetze ausdenken. Damit niemand auf den Gedanken käme, die überzeugten Buntaugen seien eigentlich nicht nötig. Es war wirklich ein seltsames Reich, diese Union der Buntaugen. Voller Wunder und Merkwürdigkeiten, besonders nachts. Und am Tage erst! Man kam aus dem Staunen nicht heraus.

Anderen die Schuld zu geben, war immer einfacher

Mit dem Gold verhielt es sich beispielsweise so, dass es sehr ungleich verteilt war im Reich der Buntaugen. Die Herzogtümer im Nordwesten waren reich und hatten viel davon, doch je weiter man in südöstlicher Richtung reiste, desto ärmere Herzogtümer erblickte man. Die Blauaugen, die Grauaugen und die Grünaugen im Nordwesten (man nannte sie auch die Nordaugen) waren fleißig und strebsam. Ihren Vorfahren hatte man eingeredet, wer viel arbeite, bereite Gott Freude. Die Kinder glaubten nicht mehr daran, arbeiteten aber trotzdem weiter. Sie arbeiteten, um nicht daran denken zu müssen, wie kalt und unwirtlich es in ihren Herzogtümern war und wie tief der Nordhimmel über ihren Köpfen hing. Sie erfanden allerlei Maschinen, die die Unwirtlichkeit des Lebens vergessen machen sollten, und verkauften sie. Deshalb besaßen sie viel Gold.

Anders im Süden. Bei den Schwarzaugen, den Braunaugen und einigen anderen Völkern, die man als Südaugen bezeichnete, wurde zwar auch hart gearbeitet. Doch über Jahrhunderte verkauften die Menschen aus den südäugischen Herzogtümern nur das, was auf ihren Bäumen und Feldern wuchs. Das war zu wenig, um ein Leben führen zu können wie die Nordaugen. Denn Blauaugen, Grauaugen und andere Nordaugen bekamen für ihre Maschinen viel mehr Gold als die Südaugen für ihre Orangen oder Oliven. Viele Südaugen wanderten deshalb innerhalb der Union der Buntaugen nordwärts, um in den nördlichen Herzogtümern ihr Gold zu verdienen. Sie verrichteten im Norden harte oder schmutzige Arbeiten. Das Gold, das sie dabei verdienten, schickten sie zu ihren Familien im Süden. Danach schrieben sie ihren Frauen einen Brief: „Kommt nach! Es ist kalt hier, aber sie haben Fabriken, in denen sie Öfen bauen.“ So wanderten im Laufe der Jahrzehnte viele Südaugen nordwärts, um der Armut in ihrem Teil der Union zu entkommen.

Es gab verschiedene Erklärungen, warum die Herzogtümer im Süden der Buntaugenunion so arm waren. Manche sagten, es läge daran, dass dort lange die Mandelaugen geherrscht hatten - ein großes Volk aus dem Osten, dessen Herrscher sich als Zeichen ihrer Würde ein Stück Stoff um den Kopf wickelten, damit ihr Haupt mächtiger wirke und alle Menschen Furcht vor ihnen hätten. Die Mandelaugen hatten lange Jahrhunderte über einige der südlichen Herzogtümer des späteren Buntaugenreichs geherrscht. Sie waren gute Krieger, aber als gute Verwalter waren sie nicht bekannt. Deshalb hieß es, die südlichen Herzogtümer seien arm, weil man dort unter der Herrschaft der Mandelaugen verlernt habe, wie die Arbeit organisiert werden muss. Einige Südaugen sagten das sogar selbst. Weil es einfacher war, den Mandelaugen die Schuld zu geben, als sie bei sich selbst zu suchen. Denn die Südaugen waren stolze Völker. Besonders die Schwarzaugen. Sie hielten sich für das älteste Volk mit der ältesten Sprache in der ganzen Union, und das traf wohl auch zu. Aber die große Vergangenheit, auf welche die Schwarzaugen so stolz waren und von der noch einige malerische Ruinen in ihrem Herzogtum kündeten, war lange vorbei. „Die Schwarzaugen sind einfach nur faul“, sagten viele Nordaugen. Das war ungerecht und falsch, aber es ging damals unter den Menschen noch nicht so gerecht zu wie heute in unserer besten aller möglichen Welten.

Eine Schatztruhe zur Abschaffung aller Schatztruhen

Ein wichtiger Grund für den Untergang des Reiches der Buntaugen (obwohl viele bis heute andere Gründe angeben) war nun folgender: In der Hauptstadt B. arbeiteten die überzeugten Buntaugen von Anfang an daran, dass alle Untertanen im Reiche gleich seien, weshalb die Anschaffung einer großen, besonderen Schatztruhe beschlossen wurde. Man nannte sie „die Truhe des seligen Gebens und Nehmens“, weil sie von den Blauaugen, den Grauaugen und den anderen Nordaugen der Union mit Gold gefüllt, von den Schwarzaugen, den Braunaugen und anderen Südaugen aber wieder geleert wurde. Allerdings durften die Südaugen nicht einfach nach B. kommen und sich das Gold aus der Truhe nehmen. Es waren die Beamten, die es verteilten. Das verlieh ihnen große Macht, und deshalb gehörten die Beamten von B. zu den eifrigsten Verteidigern der Schatztruhe.

Leider gingen einige der Nehmenden nicht besonders weise mit dem Gold aus der Truhe des seligen Gebens und Nehmens um. Sie schafften sich allerlei Tand an und veranstalteten bunte Spiele für das Volk, statt an die Zukunft zu denken. Die Beamten in B. sahen darüber hinweg, obwohl sie genau wussten, wie es in den Herzogtümern der Südaugen zuging. „Mit dem Gold aus der Truhe kaufen die Südaugen eure Maschinen, deshalb gewinnen alle etwas dabei“, sagten sie, wenn die Nordaugen sich wieder einmal beschwerten, dass sie die Truhe Jahr für Jahr auffüllen mussten. Außerdem werde das Gold schließlich auch dazu benutzt, um in den südlichen Herzogtümern der Union viele Fabriken zu bauen, bis die Truhe eines Tages nicht mehr nötig sei, weil die Südaugen dann selbst Maschinen bauen und verkaufen könnten. Es handele sich um eine Schatztruhe zur Abschaffung aller Schatztruhen, sagten die Beamten. Man müsse sich nur heute ein wenig einschränken, dann werde man es morgen besser haben.

„Habt ihr etwa den Krieg vergessen?“

Doch die Nordaugen waren uneinsichtig. Sie wollten es lieber heute gut als morgen besser haben. Außerdem wollten sie ihr Gold nicht mit anderen teilen, denn damals waren die Menschen noch nicht so selbstlos wie heute in unserer besten aller möglichen Welten. Deshalb sagten die Nordaugen: „Vielleicht sind wir morgen tot. Was nützt uns dann das Gold?“ Doch das änderte nichts. Viele Fabriken wurden im Süden errichtet mit dem Gold aus der Truhe, und zwischen den Fabriken entstanden breite Straßen, die im Sonnenlicht glänzten wie ein Streifen Lakritze. Man konnte dieses Glänzen schön erkennen, weil die Straßen meistens leer waren.

“Die Straßen sind nötig, damit die Lastwagen schneller zwischen den Fabriken hin- und herfahren können“, antworteten die Beamten in B., wenn die Nordaugen fragten, warum die Schatztruhe schon wieder leer war und ob es wirklich nötig sei, vier Streifen Lakritze nebeneinander zu verlegen zwischen Fabriken, die nichts produzieren, was Menschen eilig brauchten. Oder überhaupt brauchten. Schimpften die Nordaugen zu sehr, hieß es in B.: „Habt ihr etwa den Krieg vergessen? All das geschieht doch nur, damit es nie wieder Krieg gibt! Also seid still!“ Da verstummten die Nordaugen. Wer will sich schon vorwerfen lassen, er wolle einen Krieg anzetteln?

Die Menschen verziehen dem Reich seine Fehler nicht

Doch die Idee mit der Schatztruhe des seligen Nehmens führte nicht dazu, dass sich der Unterschied zwischen den Nordaugen und den Südaugen verringerte, im Gegenteil. Er wurde immer größer und zog sich als schwarzer hässlicher Graben durch das Land. Er erinnerte daran, was alles verkehrt war in der Union der Buntaugen. Die überzeugten Buntaugen versuchten, den Graben mit immer mehr Gold zuzuschütten. Damit niemand hineinfiele. Vor allem sie selbst nicht. Es war eine teure Sache, ging aber viele Jahre gut. Besser gesagt: Es fiel nicht auf, dass es nicht gutging. Denn es waren fette Jahre, und irgendjemand auf der Welt hatte immer Gold, das sich die Buntaugen leihen konnten. Doch dann kamen magere Jahre. Das Reich der Buntaugen verlor an Bedeutung, neue Reiche waren aufgekommen. Die große Zeit der Buntaugen war vorbei. Manche nannten die neue Zeit (die nun auch schon wieder längst vergessen ist), „Globalisierung“. Aber das war im Grunde nur ein neues Wort für die alte Wahrheit, dass ständig alles im Fluss ist. Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine, es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt - so hatte ein Dichter in alter Zeit geschrieben. Im Reich der Buntaugen kannte man dieses Gedicht jedoch nicht. Oder man hatte es vergessen.

Dunkle Wolken zogen auf über dem Reich der Buntaugen. Die Menschen arbeiteten wie immer, aber es war nicht mehr dasselbe. Die Leute hatten den Eindruck, ihr Portemonnaie habe ein Loch. Immer öfter war es schon lange vor dem Ende des Monats leer. Außerdem war, je länger das Reich der Buntaugen existiert hatte, bei den einfachen Bewohnern der einzelnen Herzogtümer das Gefühl gewachsen, die „überzeugten Buntaugen“ in B. dächten nur an sich selbst. Die Menschen vergaßen die Errungenschaften des Reiches oder sahen sie als selbstverständlich an, verziehen ihm aber seine Fehler nicht. Auf einmal gab es immer weniger „überzeugte Buntaugen“. Es fiel auf, dass einige, die vormals am lautesten von sich behauptet hatten, überzeugte Buntaugen zu sein, sich nun am heftigsten vom Buntaugentum abwandten.

Als nun aber immer mehr Menschen in ihre leeren Geldbörsen schauten und sich wunderten, wo ihr Gold geblieben sei, was taten sie da, als sie keine Antwort fanden? Was alle Menschen tun: Sie suchten die Schuld bei anderen. „Die Südaugen sind schuld. Wir wollen unser Gold nicht länger mit ihnen teilen“, sagten die Nordaugen. „Ohne die Südaugen wären wir viel besser dran“, sagten sie. Da wurden die Südaugen böse: „Ihr Ausbeuter! Verkauft uns für viel Gold eure Maschinen und haltet uns in Knechtschaft, damit ihr billig an unsere Oliven kommt.“ „Baut doch selbst Maschinen“, antworteten die Nordaugen. Sie waren überzeugt, es werde ihnen bessergehen, wenn sie nicht mehr ständig für die Südaugen zahlen müssten. „Wenn es so weitergeht“, sagten die Nordaugen, „haben wir bald kein Gold mehr, um unsere Fabriken zu erneuern. Und dann wird niemand mehr unsere Maschinen kaufen.“

Niemand glaubte, dass es noch einmal Krieg geben würde

Das war die Zeit, als die Leute im Reich der Buntaugen wieder vom Krieg zu sprechen begannen. Sie erinnerten sich daran, wer wem Böses angetan hatte, bevor die Union gegründet wurde. Diese Erinnerungen waren lange begraben gewesen, jetzt aber sprachen manche Buntaugen vom letzten Krieg in einer Weise, als meinten sie eigentlich den nächsten. In den Herzogtümern der Nordaugen verlangten immer mehr Menschen die Abschaffung der Schatzruhe. „Wir wollen nicht länger Zahlmeister sein“, sagten sie. Sonst werde es am Ende noch Krieg geben. „Krieg? Bei uns? Den Buntaugen? Heutzutage? Lächerlich! Der Krieg wurde doch abgeschafft!“, antworteten ihnen jene, die nicht an Krieg glauben wollten, denn sie hielten ihr Land für unvergänglich. Doch dann entschloss sich das reichste Herzogtum der Union eines Tages, kein Gold mehr in die Truhe abzuführen. In der Union der Buntaugen schwoll ein gewaltiger, gehässiger Chor der Missgunst an.

“Die Südaugen sind schuld!“

“Die Nordaugen sind schuld!“

“Die Schwarzaugen sind eine Bedrohung für uns!“

“Die Blauaugen wollen uns vernichten!“

Selbst in Zeitungen stand es so zu lesen. Am schlimmsten verhielten sich die Rotaugen. Ihr Herzogtum war nicht das reichste, aber das größte der Union. Die Rotaugen hatten in ihrer Geschichte viele Kriege geführt, weshalb ihre Nachbarn sie fürchteten. Jetzt zeigten die Rotaugen, dass diese Furcht berechtigt war: Sie setzten ihre Armee in Marsch, um sich mit Gewalt zu holen, was sie haben wollten. Doch sogar, als schon Panzer rollten und Säbel rasselten, wollten viele Menschen noch nicht glauben, dass es wieder einen Krieg geben werde zwischen den Völkern im Reich der Buntaugen. Das sei unmöglich, sagten sie. Doch sie irrten. Niemand dachte mehr daran, dass ein Streit um Gold am Anfang gestanden hatte. Der Krieg war zu einem Kampf um die Augenfarben geworden.

Am Ende ging das Reich der Buntaugen in jenem Krieg unter, zu dessen ewiglicher Verhinderung es angeblich gegründet worden war. Unsere Vorfahren kannten das Reich der Buntaugen übrigens unter einem anderen Namen. Sie nannten es Jugoslawien. Die Blauaugen hießen damals auch nicht Blauaugen, sondern Slowenen. Die Grauaugen wurden Kroaten und die Rotaugen Serben genannt, während man die Schwarzaugen als Albaner und die Braunaugen als Bosnier bezeichnete. Aber auf die Namen kommt es heute, wo ihr Reich längst zerfallen ist, nicht mehr an. Sie hätten genauso gut anders heißen können.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

Jüngste Beiträge

Der große Unbekannte

Von Patrick Bahners, New York

Glafira Rosales ist Hauptverdächtige im Fall der mutmaßlich gefälschten Gemälde, die Knoedler in New York verkauft hat. Jetzt wurde sie festgenommen. Ihr droht eine lange Haftstrafe. Mehr 2