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Ein Theatererlebnis Getrampel

 ·  Elektronische Droge und tosender Beifall: Bei modernen Zuschauern wird das Mobiltelefon selbst in Theateraufführungen zur Sucht. Die Jahrzehnte des „stillen Beifalls“ sind leider auch vorbei.

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Man ist in fünfzig Welten fremder Entzückungen eingetaucht. Hat ein Werk von schauerlicher und süßer Unendlichkeit erlebt. Hat erlitten, wie ein siecher Mann mehr als vierzig Minuten lang vor Sehnsucht sterben will. Hat gehört, gesehen, wie eine Frau vor der Leiche steht und nur noch eines will: in „des Welt-Atems wehendem All ertrinken, versinken - unbewusst - höchste Lust“. Wie reagiert man nach Erfahrungen, die Friedrich Nietzsche als „Wollust der Hölle“ empfunden hat? Man braucht eine Dröhnung. Zückt also, noch während der Vorhang sich senkt im Bayreuther Festspielhaus, das Mobiltelefon, um etwas zu „checken“. Was aber kann denn so wichtig sein, dass man es unmittelbar nach einer Theateraufführung von „Tristan und Isolde“ in Erfahrung bringen müsste?

Bravo und Fußgetrampel

Den Leitsatz für die ersten Opernfestspiele in Bayreuth hat Nietzsche in der vierten seiner „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ so ausgesprochen: „Damit ein Ereignis Größe habe, müssen zwei Dingen zusammenkommen: Der große Sinn derer, die es vollbringen, und der große Sinn derer, die es miterleben.“ Aber was ist geworden aus diesem Sinnen oder vielmehr aus Wagners Utopie, dass wir alle „im Kunstwerke eins sein“ sollen? Das geschieht ja keineswegs nur auf dem Grünen Hügel, auch in Salzburg, in Baden-Baden oder überall, wo zurzeit gefestspielt wird. Noch während im Theater vor der Aufführung des „Boris Godunow“ unter Valery Gergiev die Lichter ausgehen, leuchtet, nur wenige Plätze entfernt, der Bildschirm eines iPhones. Während der Vorhang nach dem Wahnsinnstod des Zaren fällt, leuchtet es wieder auf. Hier muss sich jemand vom Theatererlebnis rasch wieder erholen: durch Konsum einer elektronischen Droge, deren Suchtfaktor erschreckende Ausmaße angenommen hat. Passend dazu der Beifall. Auch der hat einen ganz eigenen Ton. Es gab, einige Jahrzehnte vor Wagner, einen Komponisten, der sich ganz besonders über „den stillen Beifall“ freute, wie Mozart an seinen Vater schrieb. Und Beifall dieser Art hatte sich auch Wagner bei seinem Weltabschiedswerk erbeten. Heute bejubeln viele Besucher das brünstige Schreien überforderter Heroinen mit Bravo und Fußgetrampel - Hauptsache laut.

Oder sie reagieren auf Erfahrungen, die sie nicht verstehen wollen oder können (etwa den „Lohengrin“), mit Wutgebrüll. „Das ist die Kunst, wie sie jetzt die ganze zivilisierte Welt erfüllt! Ihr wirkliches Wesen ist die Industrie, ihr moralischer Zweck der Gelderwerb, ihr ästhetisches Vorgeben die Unterhaltung der Gelangweilten.“ Schrieb Richard Wagner über den Betrieb der Oper. Stimmt immer noch.

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