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Zum Tod von Rainer Flöhl : Ein Sprechzimmer für den Kulturbetrieb

Rainer Flöhl 1938 - 2016 Bild: Barbara Klemm

Der Wissenschaftsjournalist Rainer Flöhl war Anreger und Pionier. Wissenschaftliche Strenge verband er mit ethischem Weitblick. Jetzt ist Flöhl, der die Naturwissenschaften in der F.A.Z. etablierte, mit 78 Jahren gestorben.

          Kein Thema und kein Stoff waren ihm schwierig genug, wenn sie nach seinem Dafürhalten neu und wichtig waren: Er schrieb viel und moralisierte nur, wenn es dringend geboten war. Aber wenn er schrieb, dann jedenfalls nicht für die, die ihn völlig zu Recht wie eine Galionsfigur vor sich hertrugen – für die vielen hochkreativen, aber sprachlosen Wissenschaftler und Mediziner, die mit ihrem Vorwärtsdrang ins vermeintlich Unergründliche und Hochkomplexe jene Öffentlichkeit suchten, die ihnen seit den sechziger Jahren erst jene Journalisten zu geben wussten, wie Rainer Flöhl einer war. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Aber eben nicht länger, denn der Pionier des deutschen Wissenschaftsjournalismus, der vor sechsundfünfzig Jahren die F.A.Z.-Beilage „Natur und Wissenschaft“ zusammen mit seinem Mentor Kurt Rudzinski gründete, ist am Wochenende kurz nach seinem 78.Geburtstag gestorben.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse in seiner, dieser Zeitung vor allem von Juristen, Wirtschaftlern, Theologen, Geisteswissenschaftlern und Ingenieuren gelesen werden, konnte keinen mehr freuen als ihn. Es war ihm wichtig. Dass Joseph Beuys seine Wissenschaftsbeilage als Vorlage für zwei seiner Kunstwerke verwendete, war für ihn noch wichtiger als jede Zitierung seiner zahlreichen Bücher und Vorträge über den Wissenschaftsjournalismus. Er legte wissenschaftliche Maßstäbe an, wenn es um Kompetenz und Präzision auch beim Schreiben ging. Nichts ärgerte ihn mehr, als die Überlegenheit der Fakten leichtfertig durch „Umgangssprache“ zu verschleiern.

          Verantwortung des Wissenschaftlers

          Denn auch der Kulturkritik, wenn sie sich etwa wie in den siebziger Jahren durch Ivan Illich gegen eine zunehmend industrialisierte inhumane Medizin wandte, wollte er mit fundierten, weltanschaulich unverstellten Befunden begegnen. Nicht, dass es ihm widerstrebte, die Medizin an ihren sittlichen Auftrag zu erinnern. In den dreiundzwanzig Jahren nach 1980, als er die Leitung des Ressorts „Natur und Wissenschaft“ innehatte, sah er das als eine seiner vornehmsten Aufgaben als Medizin- und Wissenschaftsjournalisten an. Schon als Herausgeber der „Neuen Ärztlichen“ in den achtziger Jahren, als Wegweiser für eine Psychiatriereform in Deutschland und nicht zuletzt als moralische Instanz in der frühen Gen- und Biotechnik-Debatten im Land hat er vorgemacht, was es heißt, als Naturwissenschaftler intellektuelle Verantwortung zu übernehmen.

          Wenn Rainer Flöhl, der am 14.Januar 1938 in Mannheim geboren wurde, geschrieben hat oder das Paket an Themen aufschnürte, das er bei seiner täglichen und wohl auch nächtlichen Lektüre mit in die Redaktion brachte, war das nie mit dem Ziel, möglichst allumfassend zu informieren, wie man unter den heutigen Bedingungen des elektronischen Medienbetriebs leicht den Eindruck gewinnen muss. Für ihn war das Aussortieren genauso wichtig wie die Vielfalt, die kleine seriöse Meldung noch wichtiger als die große, intuitive Reportage. Die Basis für seinen im besten Sinne akademischen Ansatz wissenschaftsjournalistischer Arbeit war stets das Studium der Originalliteratur. Er selbst absolvierte nach dem Abitur, das er 1957 an der Oberrealschule im mittelfränkischen Haßfurt am Main ablegte, ein Chemiestudium und wurde 1974 mit einer Arbeit über den Transport von Zuckermolekülen durch das Netzwerk biologischer Membranen in Kolibakterien promoviert.

          Die eigentlichen Netzwerke allerdings, die ihn in der Redaktion und weit darüber hinaus zu einem Ratgeber, ja zu einer medizinischen Instanz machten, knüpfte er in den letzten Jahrzehnten vor seiner Pensionierung. Keiner wusste besser als er, an wen man sich zu wenden hatte, wenn es gesundheitlich hakte. Viele der Erstkonsultationen vor dem Arztbesuch fanden in Flöhls Arbeitszimmer im vierten Stock statt. Er war auch als Feuilletonredakteur ein Solitär – der einzige mit Sprechstunden.

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