16.01.2012 · Man ist Mensch, sagte Christian Wulff im Fernsehinterview. Doch ums Menschsein geht es nicht, um das Bundespräsidentsein geht es. Das sollte der Amtsträger wissen.
Von Harald WelzerVor ein paar Jahren hatte ich mal eine interessante Konversation mit einer niedersächsischen Landtagsabgeordneten. Genauer gesagt, sie hatte eine mit mir. Im Speisewagen war nur noch ein einziger Platz frei, den sie - nach freundlicher Frage - einnahm, um sich dann für das Buch zu interessieren, das ich eigentlich lesen wollte. Das war „Wir Wettermacher“ von Tim Flannery, und das Thema Klimawandel fand die Abgeordnete wichtig. So wichtig, dass sie mich von diesem Moment an ohne Unterlass darüber in Kenntnis setzte, wie sie die Sache mit dem Klima sah, was man dagegen zu tun gedenke und so fort.
Bei dem Zug handelte es sich um einen der ICEs, die tatsächlich in Wolfsburg hielten. Dort musste sie aussteigen. Meine Abgeordnete suchte hastig ihre Sachen zusammen und schüttelte mir herzlich die Hand: „Auf Wiedersehen. Es war sehr interessant, sich mit Ihnen zu unterhalten. Seien Sie versichert, dass ich Ihre Anregungen aufnehmen werde.“ Das war cool. Ich hatte nicht im entferntesten auch nur die kleinste Anregung gegeben, ich war ja nicht einmal zu Wort gekommen.
Diese Art von Volksnähe begegnet einem in letzter Zeit häufiger: wenn Politiker zum Beispiel beabsichtigen, „die Menschen mitzunehmen“, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, ob die denn wohl mitgenommen werden wollen, und falls ja, von wem und wohin. Die Abschaffung des Bürgers passt ganz ausgezeichnet zum Selbstbild einer politischen Klasse, die sich nicht als Teil eines demokratischen Gemeinwesens versteht, sondern vermutlich als so etwas wie Manager einer Bevölkerung, die man prinzipiell für infantil und wenig einsichtsfähig hält.
Tatsächlich gibt es kaum eine Berufsgruppe, der man ein vergleichbar geringes Maß an Eingebundenheit in soziale Normalverhältnisse attestieren muss, wie die heutige politische Klasse. Das hat damit zu tun, dass man auf diesem Feld nur dann etwas wird, wenn man von Jugend an in den entsprechenden Parteigliederungen sich aufhält, Netzwerke aufbaut, Einfluss gewinnt und vor allem lernt, Eindruck unter seinesgleichen zu machen. Das heißt, man spurt sich ausgesprochen früh in eine bestimmte Rolle ein und verbringt seine weitere Existenz im selben sozialen Umfeld. So etwas ist nie gut.
Denn in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften lernen ihre Mitglieder, wie sie flexibel zwischen unterschiedlichsten Rollen hin- und herwechseln und diese zugleich sorgfältig auseinanderhalten können. Von einem Vater wird nicht dasselbe Verhalten erwartet wie von einem Liebhaber, einem Skatfreund, einem Wissenschaftler, einem Patienten in der Sprechstunde beim Arzt, einem Festredner oder einem Freizeitsportler - all dies kann man aber in einer Person sein. Der amerikanische Soziologe Erving Goffman hat sich zeit seines Lebens damit beschäftigt, wie Menschen lernen, ihre multiplen Rollen einzunehmen. Dabei können die Anforderungen der einen Rolle in völligem Widerspruch zu denen einer anderen stehen, ohne dass uns das Probleme machen würde.
Goffman hat das „Rollendistanz“ genannt: Man geht nicht in der jeweiligen Rolle auf, sondern kann gerade aus der einen Rolle heraus kritisch betrachten, was man in der anderen zu tun gezwungen ist. Die meisten Bewohner moderner Gesellschaften können das, oft sind sie sogar zur Selbstironie fähig. Möglich, dass das Problem des Bundespräsidenten exakt an dieser Stelle liegt. Er verhält sich eben nicht wie ein Bundespräsident, sondern wie eine Privatperson, die man bei irgendetwas Enttäuschendem wie einer Lüge oder einem Vertrauensbruch ertappt hat und die sich nun herauszuwinden versucht. Von Charakterstärke zeugt die Strategie, immer gerade so viel zuzugeben, wie ohnehin schon heraus gekommen ist, auch im Privaten nicht, aber das würde einen nicht weiter interessieren, wenn man mit dieser Person nichts zu tun hätte.
Mit dem Bundespräsidenten hat man aber etwas zu tun. Er ist der höchste Repräsentant des Souveräns, der in der Demokratie das Volk ist, zu dem ich neben achtzig Millionen anderen auch gehöre. Deshalb nehme ich es persönlich, dass der Bundespräsident aus der Rolle fällt.
Genauer: Er verwechselt sich stets selbst mit der Rolle, die er einzunehmen hat. Als Ministerpräsident glaubt er, seine private Person sei gemeint, wenn er in die Ferien eingeladen wird, und als Bundespräsident adressiert er eine private Entschuldigung an die Öffentlichkeit und reklamiert auch noch, dass er sich in einem Lernprozess befinde. Die Rolle des Bundespräsidenten aber „lernt“ man nicht; sie ist von der Verfassung festgelegt, und deren Anforderungen hat man zu erfüllen. Man kann sich als private Person furchtbar unsicher sein, ob man dem allen gewachsen ist, aber das kann man als Ehemann seiner Frau offenbaren oder als Freund einem Freund. Ganz sicher sieht die Rolle des Bundespräsidenten öffentliche Eingeständnisse von Privatem nicht vor.
Ich jedenfalls brauche als Bürger keinen Bundespräsidenten, der sich bei mir dafür entschuldigt, dass er die Pressefreiheit verletzt hat. Ich sehe auch keinen Anlass für eine Entschuldigung, wenn er einen Immobilienkredit in Anspruch nimmt, den kein normaler Angestellter oder Beamter jemals offeriert bekäme. In beiden Fällen handelt es sich um prüf- und bewertbare Handlungen, bei denen mich nur interessiert, ob sie mit der Rolle des Bundespräsidenten vereinbar sind oder nicht. Sind sie es nicht, hilft auch keine Entschuldigung, sind sie es, ist sie überflüssig.
Tatsächlich ist die ganze Angelegenheit so quälend, weil hier offenbar jemandem die Fähigkeit zur Rollendistanz abgeht. Man versteht dieses stoische Ertragen von Spott, Häme und Kritik nur dann, wenn einer keinen Unterschied zwischen seiner privaten Person und seiner funktionalen Rolle macht. Dann steht und fällt auch die Person mit dem Amt, und deshalb darf es nicht aufgegeben werden.
Wenn man die repräsentative Demokratie schätzt, in der man zu leben das Privileg hat, bleibt einem nur das Fremdschämen, wenn Politikern die Fähigkeit zur Rollendistanz abhandengekommen ist. Tatsächlich fühle ich mich im Moment etwa so wie viele amerikanische Freunde und Kollegen, als George W. Bush noch im Amt war. Dauernd sieht man sich veranlasst, das Unglück, von so jemandem vertreten zu sein, nach außen zu kommunizieren. Dabei ist nicht der entscheidende Punkt, politisch anderer Auffassung zu sein und sich deshalb inhaltlich nicht vertreten zu sehen.
Eine solche in der politischen Sache liegende Gegnerschaft ist für eine funktionierende Demokratie sogar essentiell. Es geht vielmehr darum, dass man sich nicht von Personen repräsentiert sehen möchte, die sich offensichtlich nicht den Gedanken zu eigen gemacht haben, dass sie lediglich Repräsentanten von Teilen des Gemeinwesens sind und dass die dazugehörige Rolle Dinge von ihnen fordert, die mit ihren privaten Vorlieben, Schwächen und Gewohnheiten nicht das Geringste zu tun haben.
In seinem Fernsehinterview hat Christian Wulff gesagt: „Man ist Mensch, und man macht Fehler.“ Exakt dieser Satz offenbart sein Selbstmissverständnis. „Menschlich“ hat wahrscheinlich kaum jemand etwas gegen ihn; ich jedenfalls nicht, zumal ich ihn gar nicht kenne. Ich würde daher auch nie auf die Idee kommen, an ihn als private Person irgendeine Kritik zu richten. Er müsste nur als Bundespräsident zurücktreten.