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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein politischer Charakter Die Pädagogik der Angela Merkel

 ·  Seit sechs Jahren nimmt das Land nun Unterricht bei der Kanzlerin. Noch sieht es nicht so aus, als habe es etwas gelernt. Dabei ist ihre Botschaft doch klar und deutlich.

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© dapd Was wollen sie uns sagen? Angela Merkels Hände am Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2010

Vor vielen Jahren eröffnete Angela Merkel in meiner Heimatstadt Leipzig einen Radweg. Sie war damals noch Bundesumweltministerin, und der Radweg führte an einem Fluss entlang, der in einem Industrieviertel lag und wegen der vielen Fabriken, die an ihm standen, lange so schmutzig gewesen war, dass er wie eine Straße wirkte. Nun war der Fluss wieder sauber, was sich zwar nicht der Arbeit Angela Merkels verdankte, sondern der Tatsache, dass inzwischen die Fabriken fast alle pleite waren. Aber damals waren die meisten Leute im Osten ohnehin gezwungen, neue Wege zu gehen. Warum sollte die Bundesumweltministerin nicht einen davon einweihen?

Zur Eröffnung waren ein paar lokale Politiker und auch der Bürgermeister gekommen, dazu ein paar Schaulustige und ein paar Menschen von der Presse. Ich war als Praktikant der „Bild“-Zeitung vor Ort, und als Angela Merkel in die große Runde fragte, ob jemand von der „Bild“- Zeitung da sei, sah ich keinen Grund, mich oder die Zeitung zu verleugnen und rief laut und ahnungslos: „Ja, hier!“

Sie ist nicht gefallen

Daraufhin erzählte Angela Merkel, sie sei vor kurzem schon einmal in Leipzig gewesen, um einen Radweg einzuweihen. Es sei ein schöner Tag gewesen und sie sei den Weg gemeinsam mit ein paar Bürgern sogar noch ein Stück abgefahren. Einem Reporter der „Bild“-Zeitung sei das wohl zu langweilig gewesen, weshalb am anderen Tag in eben jener Zeitung gestanden habe, dass sie bei der Eröffnung gestrauchelt und vom Rad gefallen sei.

Ich will hoffen, sowas passiert mir mit Ihnen heute nicht, sagte Angela Merkel. Die Leute drehten sich nach mir um, und ich versuchte, ein Gesicht zu machen, als wisse ich nicht, worum es geht, was nur wirkte, als wisse ich es ganz genau. Ich wusste es aber wirklich nicht.

Politische Arbeit und wenig Dramatik

Zurück in der Redaktion erfuhr ich, dass mein Vorgänger im Ressort Radwegeröffnungen, ein Praktikant wie ich, zu dem Termin erst zu spät gekommen war, danach nichts Interessantes daran finden konnte, aber auch nicht ohne irgend etwas zurückkommen wollte. Also dachte er sich eine Geschichte aus, die spektakulär genug war, um gerade noch ins Bild zu passen. Angela Merkel fällt vom Rad. Er war nicht der erste und auch nicht der letzte Journalist, dem es mit ihr so ging. Und nun war ich der nächste.

Inzwischen regiert Angela Merkel seit mehr als sechs Jahren das Land. Sie weiht keine Radwege in Leipzig mehr ein, sie baut ihre Partei um, setzt die Wehrpflicht aus, schaltet die Atomkraftwerke ab, rettet den Euro. Manchmal wird ihre Politik heftig kritisiert, manchmal weniger heftig. Was ihr aber, egal, was sie tut, während der ganzen Zeit immer wieder vorgeworfen wird, ist ihr Mangel an Dramatik.

Brandgefährliche Langeweile?

Angela Merkel meidet große Worte, unterläuft Auftritte, verschleift Konflikte, lässt Anfeindungen ins Leere gehen. In den Bundesländern gehen Regierungen verloren, Bundespräsidenten treten zurück, Europa türmt gipfelweise Bürgschaften aufeinander, von denen sich niemand vorstellen will, dass sie einmal fällig werden. Immer wieder heißt es, nun entscheide sich das Schicksal der Kanzlerin. Aber dann ist der Moment vorbei, und alles, was sich geändert hat, ist die Farbe ihres Blazers.

Zuletzt war es der „Spiegel“-Autor Dirk Kurbjuweit, der mehr Debatte, mehr Streit, mehr Drama von ihr verlangte, weil sich die Leute sonst aus Langeweile von der Demokratie abwenden würden. Mit ihrer Art zu regieren, schrieb er, veröde Angela Merkel das Land. Natürlich kann es tatsächlich Unvermögen sein, wenn sie etwas, das so lange von ihr schon gefordert wird, so beharrlich verweigert. Nur was, wenn es Absicht ist?

Aus der Nische ihrer ostdeutschen Herkunft

Es mag, wo ein ostdeutscher Pfarrer zum Bundespräsidenten gewählt wird, inzwischen schwer vorstellbar sein, aber als Angela Merkel nach der Wende aus dem Osten in den Westen ging, um Politikerin zu werden, brachte sie nichts mit. Die Männer, die in ihrer Partei etwas waren oder werden wollten, hatten eine Herkunft. Sie kamen aus Familien oder Regionen, die im System der Partei etwas bedeuteten, hatten Förderer, die etwas galten, und sie besaßen, obwohl einige von ihnen nicht älter waren, bereits eine Vergangenheit, die ihnen sagte, wer sie waren, und eine Zukunft, die ihnen verhieß, wer sie werden konnten. Zwischen diesen beiden Polen spannte sich ihre Identität auf, die sie als Geschichte von sich erzählten. Angela Merkel hatte nur ihre Gegenwart.

Sie hätte sich dafür entscheiden können, die Ostdeutsche zu sein, die sie war. Aber ostdeutsch zu sein, war keine Herkunft. Es war eine Nische, die man fast so schwer verlassen konnte wie einst das Land. Als Ostdeutsche reichte es für sie zur Ministerin. Vielleicht hätte sie irgendwann für den Aufbau Ost zuständig sein können wie der stille Schwanitz oder Bundestagspräsident werden wie der bärtige Thierse oder sich als moralische Instanz mit einer flammenden Rede aus dem Zirkus verabschieden, wie der traurige Werner Schulz. Aber man wird nicht Kanzlerin als Ostdeutsche.

Verschiedene Adressaten, verschiedene Rollen

Natürlich haben Journalisten ihr Leben vor der Wende recherchiert und daraus Geschichten erzählt. Das schüchterne Mädchen aus Templin, der strenge Vater, dem man es schwer recht machen konnte, das fröhliche Studium in Leipzig, die seltsam zeitlosen Jahre an der Akademie der Wissenschaften in Adlershof. Auf den Straßen wurde schon demonstriert, da saß sie noch über Experimenten. Einige Monate darauf war sie im Demokratischen Aufbruch und stellvertretende Regierungssprecherin.

Sicher gab es Leute aus dem Osten, die mehr Biographie vorzuweisen hatten, doch es wäre genug gewesen, daraus eine Erzählung von Bewusstwerdung und Selbstbefreiung zu machen und Lektionen zu formulieren, die einen das Leben gelehrt habe. Aber Angela Merkel hat öffentlich aus dieser Zeit kaum mehr als ein paar Erinnerungen verwendet, die dann auch oft noch leblos und nacherzählt klangen. Ostdeutsche ist sie bis heute nur, wenn sie nach Amerika reist, wo angeblich der Einzelne zählt und doch jeder immer bloß ein Beispiel ist. Frau ist sie nur, wenn sie im Wahlkampf die Rezepte für Rouladen und Kuchen auspackt, die sie für ihren Mann macht. Und Physikerin war sie ohnehin nur für die Journalisten, die glauben wollten, Politik sei ein Experiment, dessen Ausgang sich exakt berechnen ließe.

Die eigene Geschichte als politisches Risiko

Angela Merkel hat darauf verzichtet, sich eine Geschichte zu geben, wohl weil sie spürte, dass sie einen einengt und unbeweglich werden lässt, weil sie das Denken und das Handeln begrenzt, bis man sich mit ihr verwechselt und schließlich ganz in ihr gefangen hat. Das konnte sie jeden Tag um sich herum beobachten.

Der emsige Stoiber, der nie eine Zahl vergessen durfte. Der gerissene Koch, der stets den Anschein von Gefährlichkeit wahren musste. Der souveräne Merz, der keine Kränkung verwinden konnte. Der frühreife Westerwelle, der nicht alt werden wollte. Der selbstgewisse Schröder, der nicht einmal merkte, dass er die Wahl verloren hatte, als ihm Millionen Menschen im Fernsehen dabei zusahen. Was haben all diese Männer unternommen, um ihre Geschichte zu wahren, weil sie glaubten, dass sich darin ihre Identität ausdrückte? Und wo sind sie jetzt?

Es ist, wie es ist

Stoiber hat es auf eigene Faust mit der gesamten Bürokratie in Brüssel aufgenommen, Koch ist der Vorstandschef eines Baukonzerns, Rüttgers sitzt als einfacher Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag, Schröder macht Lobbyarbeit für eine Erdgaspipeline, Wulff geht jetzt ins Kloster.

Nichts davon kann man sich für Angela Merkel vorstellen. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie ihre Doktorarbeit bei anderen Leuten abgeschrieben hat, ihr Wochenendhaus in der Uckermark von einem örtlichen Klempnermeister vorfinanzieren ließ oder die Karten für die Bayreuther Festspiele nicht selbst bezahlt. Man kann sich auch nicht vorstellen, dass ihr schweigsamer Mann sich einen Forschungsauftrag von ihr zuschustern lässt, damit er sich häufiger mit ihr in der Öffentlichkeit zeigt. Sie gibt sich nicht den Anschein, so muss sie auch keinen Abstand zum Sein überbrücken. Es ist, wie es ist und was es ist. Allein, das zu akzeptieren, macht einen frei, es auch zu verändern.

Angela Merkel fuhr zu Stoiber, um ihm beim Frühstück die Kanzlerkandidatur anzutragen, als es für sie aussichtslos war, und bekam sie dafür beim nächsten Mal. Sie ließ sich am Wahlabend im Fernsehen stumm von Schröder beschimpfen, aber am Ende fiel sein Auftritt auf ihn zurück. Sie ließ die Wehrpflicht und den Atomstrom auslaufen, obwohl ihre Partei sehr lange für beides einstand, aber nichts passiert. Nun ist Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt worden, obwohl er nicht ihr Kandidat war. Ist das eine Niederlage? Vielleicht. Hat es ihr geschadet? Nein.

Von sich selbst absehen

Helmut Kohl konnte Europa von der Deutschen Einheit überzeugen, weil niemand Angst haben musste vor einem reichen Mann aus der Provinz, der in seiner Strickjacke gerührt in der Szenerie stand. Angela Merkel kann nun Europa retten, weil sie nicht wirkt, als wolle sie sich selbst und anderen darüber hinaus noch mehr beweisen als eben das. Hätten Männer wie Schröder und Fischer das auch ausgestrahlt?

Die Journalisten, die Politik in den Kategorien von Gewinnen und Verlieren beschreiben, haben ihr immer wieder vorgeworfen, dass sie für nichts stehe und es ihr letztlich nur um den Erhalt der Macht gehe. Aber wenn man sich ansieht, wie sich ihre Partei und das Land verändert haben, wirkt es nicht, als sei sie nicht vorangekommen und habe die Macht nur um ihrer selbst Willen eingesetzt. Dennoch rufen Journalisten mechanisch immer wieder Entscheidungssituationen aus, in denen es um alles oder nichts geht, nur um danach festzustellen, dass dies noch nicht die alles entscheidende Situation gewesen ist. Dabei weiß in Wahrheit jeder vorher, dass es danach weitergeht, wie es danach immer weitergeht. So ist das Leben, alles andere ist nur Dramaturgie und sagt mehr über die Arbeit der Journalisten aus als darüber, wie Politik ist.

Natürlich wirkt es immer interessanter, wenn die Demokratie ein wenig lauter ist. Dann drehen sich die Leute nach ihr um. Aber interessieren sie sich für die Demokratie oder für den Lärm?

Angela Merkel regiert das Land seit mehr als sechs Jahren. Sie hat die Vorstellung davon, was ein Politiker ist, wie er zu sein, zu reden, zu handeln und mit anderen umzugehen hat, verändert, ohne dass uns das bislang wirklich aufgefallen wäre. Wie einer klugen Lehrerin oder einer guten Mutter ist ihr das ganz leicht gelungen, ohne Druck zu auszuüben, ohne Widerstand zu erzeugen. Womöglich haben wir es deshalb bislang nicht bemerkt und messen sie oft noch an dem, was wir über Politik gelernt haben, weshalb uns das Andere an ihrer Art entgeht und wir das Neue daran meist übersehen. Wie sehr wir uns daran inzwischen gewöhnt haben, erkennen wir nur für Augenblicke, wenn sich Italien von Berlusconi befreit oder Russland gegen Putin aufbegehrt. Dann wird auf einmal klar, dass die Zeit solcher Männer, Gesten, Auftritte und Egos vorbei ist, und wir uns schwer erklären können, warum wir wieder Politiker wählen sollten, denen es so offensichtlich vor allem um sich selbst geht.

Wenn sich für unser eigenes Leben etwas lernen lässt aus dieser Pädagogik der Angela Merkel, dann wäre es wohl, dass wir aufhören können, uns Geschichten zu erschaffen, in denen wir unsere Identität aufgehoben sehen und die wir deshalb immer wieder verteidigen. Wir müssen keine Vergangenheit bewahren, die uns sagt, wer wir sind und um keine Zukunft bangen, die uns einmal Erleichterung bringen soll. Wir schaffen das Drama in unserem Leben ab, das daraus entsteht, dass die Dinge anders sind, als wir sie uns im Moment wünschen. Wir stellen uns der Gegenwart, sehen von uns selbst ab und machen einfach unsere Arbeit.

Ich erinnere mich heute nicht mehr, ob damals zur Eröffnung des Fußweges in Leipzig ein Band zerschnitten wurde oder ob es einfach losging. Jedenfalls hielt ich mich hinter Angela Merkel, belauschte die lokalen Politiker und notierte mir Dinge, von denen ich schon wusste, dass ich absolut verloren war, wenn ich daraus einen Artikel schreiben sollte. Da drängte sich auf einmal ein älterer Mann an mir vorbei. Er schien Angela Merkel zu kennen, sie gaben einander die Hand und unterhielten sich eine Weile. Dann, er wollte wohl nicht aufdringlich wirken, reihte er sich wieder hinten ein, wo ich ihn abgriff, wie man bei meiner Zeitung sagte. Der Mann war Professor und kannte Angela Merkel noch aus den Jahren, als sie in Leipzig Physik studierte, er hatte ihre Diplomarbeit betreut und war abends mit ihr und einigen anderen Studenten um die Häuser gezogen. Sie stand damals im Keller ihres Studentenwohnheims manchmal hinter dem Tresen der Bar, die es dort gab. „Wie das eben so war“, sagte der Mann.

Als am anderen Tag mein Bericht erschien, kam der neue Radweg, meine ich, nur noch in der Beschriftung des Fotos vor, das neben dem Text stand. Ansonsten ging es nur um das, was ich von dem Professor erfahren hatte. Die Überschrift des Artikels lautete: „Angela Merkel: Ich war mal Bardame in Leipzig!“ Das war die Geschichte, die ich gefunden hatte und ohne die ich nicht zurückkommen wollte. Mein kleines Drama auf dem Radweg. Ich habe es nicht besser gewusst.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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