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Berliner Denkmäler : Heiße Mauer

Wenn es darum geht, alternative Idyllen vor unbarmherzigen Gentrifizierern zu retten, hilft in Berlin am Ende offenbar nur ein Argument: die Mauer.

          Eigentlich wird Berlin geschätzt, weil es eine gelassene Stadt ist. Doch jetzt ist es heiß und stickig, seit Wochen schon, und nicht nur der brüchige Asphalt (Folge harter vorsibirischer Winter) kocht. Auch die Empörung über dies und das Bedrohte entzündet sich schneller als sonst. Jetzt geht es wieder einmal um die Mauer. Die ist ja weg, zum Glück, obwohl dies nicht nur Touristen bedauern, die gern eine „direkte Anschauung des Schreckens“ hätten, wie es der „Spiegel“ einmal formulierte. In jedem Reisebüro kann man sich Stadtpläne kaufen, um wie Pfadfinder auf Schnitzeljagd die Reste der Berliner Mauer aufzuspüren. Und es gibt, trotz anderslautender Vorwürfe, davon noch eine ganze Menge.

          Die East Side Gallery gehört zwar nicht dazu, denn die ist schreckfrei erst mit allerlei Buntem bemalt worden, als es vorbei war. Trotzdem erhob sich lautes Wehklagen, als einige Teile entfernt wurden für eine Feuerwehrzufahrt. Doch eigentlich ging es nicht wie behauptet ums Gedenken an den Schießbefehl und die Mauer, die zwei Welten teilte, sondern um die wilde Brache dahinter: ein Abenteuerspielplatz für große Berlin-Romantiker, der Luxuswohnungen zum Opfer fiel.

          In diesem Sommer stehen, unweit davon, immerhin fünf echte Mauerteile im Zentrum der Erregung, jedoch auch unter Denkmalschutz, nur klärt kein Schild und nichts darüber auf, was hier einst geschah. Dazu gehört noch ein Bunker, in dem die DDR-Grenzer dereinst ihre gefährlichen Patrouillenboote parkten, die minutenschnell ausrücken konnten, um einen Flüchtling zu verfolgen. Mauerreste und Bootsbunker, heißt es vom zuständigen Bauamt, sollen jetzt in einen neuen Uferweg integriert werden. Endlich, sagen da viele Bewohner dieser an Gedenkorten so überreichen Stadt. Schande!, rufen all jene, die im wuchernden Brachendschungel am Spreeufer seit Jahren ihr ganz individuelles Glück inszenieren und hofften, dass dieser letzte wilde Winkel hinter fünf Mauerstücken in der sich stetig gentrifizierenden Stadt vergessen bleibt.

          Weil das nicht geklappt hat, wird jetzt mit Geschichte gedonnert und dem heiligen Gut des Gedenkens. Aber was hat ein nettes Tipidörfchen mit der Schandmauer zu tun, die eine Millionenstadt achtundzwanzig Jahre ins Wachkoma versetzt hatte? Wie es scheint, ist die Berliner Mauer inzwischen so etwas wie die Ultima Ratio zur Verteidigung alternativer Kulturprojekte.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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