Auf der Website der Berliner Flughafengesellschaft - sie betreibt die Flughäfen Schönefeld und Tegel - gibt es eine Spalte mit diversen Links, darunter einer, der „Guter Nachbar“ heißt. Auf Klick öffnet sich ein liebliches Wiesenpanorama, darunter findet der „Nachbar“ allerlei Angebote, etwa Karten mit sogenannten Schallschutzgebieten, die allesamt im Süden und in Brandenburg liegen. Dazu umständliche Erklärungen, welche Gebäude im „Flughafenumfeld“ Anspruch auf besonderen Schutz vor Lärm haben und wo man seine Anträge abliefern muss, um das Reihenhäuschen in eine schalldichte Trutzburg verwandeln zu lassen. Oder den Kindergarten, die Schule, das Altenheim, das Krankenhaus.
Fremden wird es kaum auffallen, Südberlinern und Nachbarn aus der brandenburgischen Provinz sowieso nicht: Nirgendwo taucht unter „Gute Nachbarn“ der sogenannte Tegelanwohner auf, so als sei der ein Phantom.
Doch sind das immerhin vierhunderttausend Menschen, das Hundertfache der Schönefeld-Nachbarn. Wer in Tegel landet, ist zuvor über Berlins dichtbesiedeltste Wohnviertel gedonnert. Man stelle sich vor, all diese Metropolenbewohner verlangten jetzt doch noch, was über vier Tegeljahrzehnte als unfein galt: mindestens eine Million Fenster schalldicht zu machen. Das würde den Flughafen, im Unterschied zu jenem auf dem Lande vor der Stadt, vermutlich unbezahlbar machen.
Dass die Tegeler so etwas noch nie forderten, hat viele Gründe. Fast alle Berliner haben es mit irgendeiner Art von großstädtischem Dauerkrach zu tun, mit Bahnhöfen, kreischenden Straßenbahnen, Autobahnab- oder -zufahrten, mehrspurigen Straßen, irrwitzigen Baustellen, von trunken grölenden jungen Gästen ganz zu schweigen.
Der Tegelanwohner als solches
Würden alle ihre Wut darüber in Volksbegehren artikulieren, wäre Berlin bald ein stilles Dorf. Und trotz wohltuender Anonymität, die die Großstadt garantiert, weiß hier doch (fast) jeder, dass man den Lärm, der stört, nur auf Kosten anderer loswerden könnte.
Der Tegelanwohner als solcher ist darum eigentlich das, was man sich unter „guten Nachbarn“ eines Flughafens vorstellen sollte. Das Unbehagen, das sich ab und an doch Luft verschaffen muss, ist eher der Ignoranz geschuldet, mit der ganz selbstverständlich übersehen, nein überhört wird, was oft am Himmel zwischen Berlin-Spandau und Berlin-Pankow knapp über den Dächern los ist: Flieger im Minutentakt.
Auch als im Frühsommer vergangenen Jahres über Nacht bekannt wurde, dass es noch ein bisschen dauern würde mit der unheimlichen, weil ungewohnten Stille am nördlichen Himmel von Berlin, gab es keinen Aufruhr unter Tegelanwohnern. Nicht einmal, als klar wurde, sie würden noch zwei Jahre oder gar noch länger mit Fluglärm leben. Was ohnehin niemanden interessierte. Denn eher schon sorgten sich die Brüsseler Verordnungshüter um das sensible und darum durch den künftigen Fluglärm des geplanten neuen Flughafens bedrohte Gehör von fünfundsiebzig Kranichen, die irgendwo in den Seen um Berlin-Schönefeld herum nisten sollen.
Berliner hingegen sind belastbarer, krisenerprobt und daran gewöhnt, dass man sie für schmerzunempfindlich hält. Liest man ja allenthalben. Und damals, im Juni 2012, freuten sich hier sogar viele, nicht laut, eher klammheimlich, denn wir sollten uns, das war den meisten durchaus klar, über den neumodischen Schönefelder Airport freuen.
Wegfliegen oder Ankommen - und sonst gar nichts
Aber im Unterschied zu ihm ist Tegel ein geliebter Flughafen, und nicht nur, weil er einer der letzten seiner Art ist: Man fährt vor, steigt aus dem Bus oder dem Taxi, nimmt die Koffer, geht durch die Tür, schon ist man an einem der Check-in-Schalter, und wenig später geht es los.
Keine unendlich langen, verschlungenen Irrwege, kein Konsumgetöse. Zugegeben, es war schon lange drangvoll eng, aber Tegel war ein Ort zum Wegfliegen oder Ankommen, unprätentiös, mühelos - und sonst gar nichts. Damit wird nun zwar später, aber irgendwann leider doch Schluss sein, und das ist ein Grund zu verhaltener Trauer.
Auch ist dieser kleine, elegante, inzwischen etwas heruntergewirtschaftete Flughafen mit dem schönen Namen Otto Lilienthal - der bekanntlich ein verwegener Flugpionier war - ein architektonisches Meisterwerk. Das Tegeler Hexagon erkennt jeder wieder, aber wie sah noch mal dieser Schönefelder Airport aus, an dem immerzu alles nicht klappt?
Tegel wurde 1974 eröffnet, gebaut für höchstens drei Millionen Fluggäste im Jahr. Als das Fliegen so rätselhaft billig wurde, sprang der Fluggastzähler in kürzester Zeit über die Zehnmillionengrenze. Niemand wollte sich darüber wundern, nur Tegelanwohner in ihren Hofgärten oder auf ihren Balkonen in den großstädtischen Häuserschluchten seufzten ab und an - verhalten, versteht sich.
Terminal C, die Edelbaracke, ist ein Glücksfall
Jetzt sind es achtzehn Millionen Fluggäste im Jahr. Allein im letzten, diesem fiskalischen Unglücksjahr, fast anderthalb Millionen mehr. Man fragt sich: Wie geht das? Der Flughafen als Baukörper ist nicht aufgegangen wie Hefeteig, auch das Flugfeld ist immer noch dasselbe. Und nun ist stattdessen zu hören, dass dort, wo nicht geflogen wird, im neuen Schönefeld, gleich alles aus den Nähten platzen könnte.
Für Tegel könnte man das schiefe Bild von der Knappheit durchaus bemühen, doch tun dies nicht einmal die sechstausend Mitarbeiter, die Tag für Tag und Nacht für Nacht genau das verhindern. Es würde nicht viel helfen, viel mehr Mitarbeiter einzustellen, um das alles zu bewältigen, denn schon die Fluggäste leiden ja tapfer in Spitzenzeiten unter allzu viel Körpernähe.
Das erst 2009 angebaute Terminal C, ästhetisch ein Fremdkörper und ein beargwöhntes Provisorium, mit dem man keine Architekturpreise mehr zu gewinnen dachte, sondern bloß etwas mehr Platz, gilt heute als Glücksfall. Nicht auszudenken, es gäbe diese praktischen, gesichtslosen Edelbaracken nicht.
Es gibt Unkenrufe die Menge, Tegel könnte untergehen in der Flut. Und jeder verlorene oder irregeleitete Koffer ist den Medien ein Indiz, das Limit sei nun nicht nur erreicht, sondern überschritten. Aber wo mehr Passagiere ankommen, verschwinden natürlich auch mehr Koffer. Und in den Spitzenzeiten stauen sich tatsächlich die Taxen, doch nur dann. Und wenn eine Grippewelle Büros leerfegt, verschont sie auch die Mitarbeiter des Flughafens Tegel nicht.
Und ein wenig frische Tünche
Trotzdem läuft alles wie am Schnürchen - jedenfalls solange die alten Gepäckbänder durchhalten. Viele der Mitarbeiter sind stolz, Tegelianer zu sein, und froh, auf einem Flughafen zu arbeiten, der starke Nerven verlangt und familiäre Kollegialität. Der die Phantasie herausfordert, weil das, was sie hier leisten müssen, in keinem Arbeitsvertrag steht, aber doch gelingt.
Jetzt soll doch etwas nachgerüstet werden, Gepäckbänder und Toiletten und ein wenig frische Tünche. Für zwanzig Millionen Euro, über die nun schon viele Wochen gemächlich hin und her beraten wird. Es macht den Eindruck, als passte sich das Tempo der politischen Entscheidungen für Notreparaturen in Tegel langsam jenem von Schönefeld an, das im sorgenvoll bewachten, grell beleuchteten Wachkoma liegt.
Die ungeheure Leuchtkraft dieser Intensivstation Schönefeld (300.000 Quadratmeter immer unter Strom) rührt übrigens daher, wie jetzt bekannt wurde, dass das Licht nicht auszuschalten ist - ein Steuerungsfehler. Aber wen wundert das noch?
Tegel dagegen, eigentlich schon vor Jahren als schrottreif aufgegeben, funktioniert heldenhaft und unaufgeregt. Und an dieser Stelle sei doch einmal ausgesprochen, was seit Monaten unter Beschimpfungen, übler Nachrede und Endzeitszenarien begraben ist: Tegel ist das Beste und Berlinischste, was die Stadt zu bieten hat: ein bisschen unperfekt, nicht immer gutgelaunt, meistens gelassen und garantiert unkaputtbar.
wenn es nur endlich gescheite Fernflüge ab Tegel gäbe.
Michael Posthoff (MisterMischa)
- 11.03.2013, 09:57 Uhr
Rettet Tegel!
Klara Prellwitz (Papart)
- 10.03.2013, 00:00 Uhr
Tegel bleibt!
Klara Prellwitz (Papart)
- 09.03.2013, 23:20 Uhr
Seh'nse, DET is Bali-en
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 09.03.2013, 19:17 Uhr
Tegel gehört geschlossen
Jürgen Meier (jm0001)
- 09.03.2013, 17:12 Uhr