Literaturkritiker leben gefährlich. Jedenfalls in Italien. Und erst recht, wenn sie sich an einem Schriftsteller vergreifen, der zugleich im Nebenberuf als Staatsanwalt und Senator der Republik für das Linksbündnis Partito democratico arbeitet. Es geht um Gianrico Carofiglio, verdienter Mann des Gesetzes aus Apuliens Hauptstadt Bari, aber landesweit und auch in Deutschland bekannt geworden durch seine Kriminalromane, in deren Handlung sich allerhand vom juristischen Quisquilienkram der italienischen Justizmühlen widerspiegelt. Man darf das authentisch finden oder langweilig. Der Kritiker Vincenzo Ostuni sah - auf Facebook - in Carofiglios jüngstem Roman „Il silenzio dell’onda“ (Das Schweigen der Welle) ein „literarisch inexistentes Buch, verfasst von einem stümpernden Schreiberling mit Brotberuf - ohne eine Idee, ohne einen Schatten von Verantwortungsgefühl für Stil“.
Diese Abfuhr am Vorabend des prestigereichen Literaturpreises Premio Strega wollte Carofiglio nicht auf sich sitzen lassen und verklagte seinen Kritiker auf Schadensersatz in Höhe von 50.000 Euro. Ein neuer Kriminalfall? Sicher eine grässliche Bescherung, die inzwischen gut siebzig italienische Autoren zu einer Selbstanzeige inspirierte: Sie zogen zu einem römischen Kommissariat und skandierten die bösen Zeilen über den stümpernden Schreiberling ohne Stilbewusstsein oder unterzeichneten einen Aufruf gegen Carofiglio: Man müsse mit der Kritik nicht einig sein, aber hier werde ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen; der Einschüchterungsversuch drohe jede ästhetische Debatte im Lande abzuwürgen. Auch Emanuele Trevi, der den Premio Strega vor Carofiglio gewann, rief den wütenden Kollegen zur Umkehr auf: Er habe als Senator und Staatsanwalt die 50.000 Euro gar nicht nötig und stehe gewiss über den Dingen. Man darf aus diesem Appell zur Toleranz getrost feine Ironie herauslesen.
Kaum ein italienischer Schriftsteller dürfte es derart gemütlich haben wie der verbeamtete und fürstlich parlamentarisierte Carofiglio, der es als typischer Altlinker gleichwohl auf Literaturpreise und nun sogar Entschädigungen abgesehen hat. Der Ruf dieses humorlosen Staatsanwaltes mit Hang zum Krimi hat jedenfalls in Italiens Kulturleben schwer gelitten. Doch das Ganze wäre kein italienisches „pasticciaccio“, also kein unentwirrbares Kuddelmuddel, wäre der maliziöse Rezensent frei von allen Interessen gewesen. Mag sein, dass Ostunis vernichtende Kritik Carofiglio den Literaturpreis kostete. Trevi, der ausgezeichnet wurde, wird von einem Verlagshaus herausgegeben, für das auch der böse Kritiker arbeitet. Literatur ist eben eine große, intrigante Familie. Jedenfalls in Italien.