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Ein letztes Gespräch mit Peter Kurzeck : „Wie sollst du dir jetzt den ersetzen?“

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Er hätte gern das Weltall in ein einziges, ewiges Buch gebannt: Peter Kurzeck, 1943 bis 2013 Bild: Fricke, Helmut

Die Bezeichnung als Chronist mochte er gar nicht: In einem letzten Interview spricht der am Montag verstorbene Schriftsteller Peter Kurzeck über Vorbilder, Verluste und Marzipan.

          Sie haben einmal sehr deutlich gesagt, dass Sie kein Tagebuch schreiben. Warum eigentlich nicht?

          Weil mir einfach keine Zeit bleibt! Wenn ich wirklich ein Tagebuch schreiben würde, dann würde es mir ja nicht reichen, die Fakten zu notieren, sondern ich müsste es auch noch überarbeiten. Ich hatte früher das Problem, wenn ich Briefe schrieb, dass die einfach immer weitergingen. Man denkt zunächst, jetzt schreibst du einem Freund drei Zeilen - und diese Briefe wurden dann trotzdem einfach immer länger. Ich habe dann Achtzig-Seiten-Briefe geschrieben und die zum Teil in Fortsetzungen abgeschickt. Und dann habe ich gemerkt: Du musst die Briefe außerdem noch überarbeiten. Dann habe ich die Briefe, bevor ich sie abschickte, fotokopiert, um sie, wenn sie schon weg sind, noch überarbeiten und verbessern zu können. Ich denke, ich würde beim Tagebuch überhaupt kein Ende finden.

          Wenn Sie selbst aus den genannten Gründen kein Tagebuchschreiber sind - wie blicken Sie auf einen so leidenschaftlichen Diaristen wie Walter Kempowski?

          Ich finde die Tagebücher von ihm so schön! Eine ganz ausgeprägte Wunschvorstellung von mir wäre, es gäbe so viele Kempowski-Tagebücher, dass sie für den Rest meines Lebens reichen. Und ich würde im Bett liegen, so wie als Kind zum Lesen - wochenlang im Bett liegen und Kempowski-Tagebücher lesen. Und eigentlich gehört noch dazu, dass man im Bett liegt und Marzipan isst, und wenn man es ganz ernst nimmt, dann muss es noch Königsberger Marzipan sein.

           Worin genau liegt für Sie die Verbindung von ,Kempowski‘ und ,Marzipan‘?

          Als ich Frau Kempowski einmal am Telefon erzählt habe, dass ich gerade Kempowski lese, im Bett liege und Marzipan esse, fragte sie mich: „Wo kriegen Sie denn Ihr Marzipan her?“ Dann habe ich gesagt: „Das schickt mir mein Verlag.“ Dann fragte sie: „Ist es denn auch Königsberger?“ Also, sie weiß es auch, es muss Königsberger Marzipan sein, wenn man Kempowski liest. Ihm konnte ich es leider nicht mehr erzählen, das hätte ihn vielleicht gefreut, denke ich. Ich weiß noch, wie ich „Tadellöser & Wolff“ das erste Mal gelesen habe. Ich habe es mir aus der Stadtbücherei in Gießen ausgeliehen. Mit welcher Freude ich heimging, nachdem ich nur ein paar Sätze gelesen hatte! Auch das „Echolot“ will ich seit Jahren schon lesen. Aber ich weiß, sobald ich anfange, es zu lesen, kann ich erstens nichts anderes mehr machen, und zweitens wird es natürlich meine Arbeit auch prägen. Und ein so fundamentales Werk, das kann man ja nicht nebenbei lesen. Man muss schon aufpassen, was man liest. Manchmal reicht ja schon ein Gedicht. Es gibt Hölderlin-Gedichte, wenn ich die lese, dann bin ich für Tage einfach der, der jetzt dieses Hölderlin-Gedicht gelesen hat und nichts anderes. Und so, denke ich, könnte es mir auch mit dem „Echolot“ gehen.

          Von Hessen nach Südfrankreich: Die Wintermonate verbrachte Peter Kurzeck gern in der südfranzösischen Kleinstadt Uzès in der Nähe von Nimes.
          Von Hessen nach Südfrankreich: Die Wintermonate verbrachte Peter Kurzeck gern in der südfranzösischen Kleinstadt Uzès in der Nähe von Nimes. : Bild: Fricke, Helmut

          In Ihrem Roman „Ein Kirschkern im März“ liest einmal eine Figur einen Nachruf auf Uwe Johnson. Dort heißt es fast empört: „Erst Arno Schmidt - schon sein Tod: das hätte nicht sein dürfen. Von Rechts wegen! Und jetzt auch noch Uwe Johnson! Wie sollst du dir jetzt auch noch den ersetzen?“

          Ja, man kann ohne diese Leute nicht leben. Man hat natürlich ihr Werk. Aber man kommt ohne diese Leute nicht aus. Als ich sechzehn Jahre alt war, habe ich die ersten Texte von Arno Schmidt gelesen, und da war es für mich, als würde ich eine Droge einnehmen. Aber ich empfand auch Bestätigung. Ich wusste, dass ich mit ähnlichen Sätzen im Kopf herumprobierte - und mit ähnlichen Bildern. Es war mir eine Bestätigung, dass ich nicht ganz in der falschen Welt lebe. Denn manchmal, wenn ich mein Innenleben mit dem, was um mich herum vorging, verglichen habe, sagte ich mir: In den Augen der Leute bist du ein Irrer! Du darfst, du musst dafür sorgen, dass die das nicht merken, was du für ein ... also: Du musst deine Gedanken geheim halten!“ Aber als Schriftsteller darf man seine Gedanken nicht zu lang geheim halten.

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