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Ein „Kiss“-Gründer wird sechzig Harlekin für Harleyfahrer

20.01.2012 ·  Nur einige wenige Menschen erkennt man an ihrer Maske. Der Gitarrist und Sänger Paul Stanley gehört dazu. Jetzt ist das „Starchild“ der Gruppe Kiss sechzig Jahre alt.

Von Dietmar Dath
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© AFP Bei Kiss ist er das „Starchild“: Paul Stanley

Sommer 1987, Heavy-Metal-Festival in Schweinfurt, ein Desaster rammt das nächste: Megadeth sind krankheitsbedingt entschuldigt, stattdessen spielen Testament, die keine Zeit zum Proben hatten und ihre geliehenen Instrumente mit immerhin ansehnlicher Verbiesterung kaputtschrubben; David Lee Roth, noch nicht allzu lange bei Van Halen rausgeflogen, muss sich, während er bei „Jump“ aufs bühnenflankierende Gerüst klettert und unplausible Stretching-Übungen vorführt, neckische Rufe aus der Menge anhören: „Spring doch, Idiot!“; Anthrax spielen zu schnell, Great White zu langsam - wird’s noch?

Es wird: Kiss, die Faschingsbeatles des karosserieknirschenden Auto-Industriestadt-Rock-and-Roll, trotz des Handicaps taghellen Sonnenscheins, der die Wirkung ihrer ebenso ausgefeilten wie bombastischen Show bedroht und beeinträchtigt, indem sie ihre Klassiker - von „Detroit Rock City“ bis „Shout It Out Loud“ - wegholzen, als ginge es um einen akademischen Hörsaalauftritt, bei dem Stück für Stück seziert und skelettiert werden soll, was die Musik dieser ebenso robusten wie flexiblen Band ausmacht: grundsolide, rechteckige, dabei von gemessen pumpendem Schritttempo bis boogielaunig nach rechts und links ausschwenkendem Hoppeltakt variierende Basslinien; ein Beat, der nichts anderes will, als die Strophen jeweils bis zum Refrain durchschieben (Kiss-Songs sind vollautomatisierte Trucker-Waschanlagen: viel Schaum und weißes Wasser auf ganz große Maschinen), Brückenpassagen, überrieselt von klirrfaktorzitterndem Gitarrensplitterregen, Flitter, Glamour, herrlich eitlem Tand. Zur Abrundung setzt sich dann jeweils mit breitestem Hintern eine Stimme ins Stück wie ein Barbarenkönig auf seinen Knochenthron: Gene Simmons gurgelt und grunzt, Paul Stanley zwitschert und krächzt.

Ein Perfektionist und Ingenieur

Die Masken, an denen man diese beiden in aller Welt erkennt, sind bei Stanley und Simmons nicht nur wechselseitig komplementär - Simmons, der schlangenzungenbewaffnete Rachendrachen aus stygischen Finsternissen, steht Stanley, dem Über- sowie Außerirdischen und stets euphorischen Götterliebling gegenüber -, sondern stehen auch in bewusstem Widerspruch zu dem, was die zwei privatim, der Bühnenpräsenz entkleidet, tatsächlich sind: Der schreckliche Fledermausmann ist in Wirklichkeit ein geselliger, ja leutseliger Menschenfreund, der sich nicht nur keinem Angebot der Selbstdarstellung verschließt, sondern dafür auch tatsächlich geliebt wird, der ideale „Rockstar zum Anfassen“ und Fernsehserien-Gaststar (und zwar inzwischen ununterbrochen seit Jahrzehnten, von „Miami Vice“ bis „Castle“).

Stanley dagegen, dessen Persona den Bruder Leichtfuß aus dem Weltall verkörpert, ist in Wirklichkeit der Generalmusikdirektor des Projekts, ein - so hört und liest man - Perfektionist und Ingenieur, der bei den Flitzern, die seine Firma auf die Straße schickt, mitunter Einfälle hat wie das majestätische Crescendo in „God Gave Rock’n’Roll to You II“, einer Songwriter-Entsprechung zur Erfindung des Airbag.

In Schweinfurt 1987, wird erzählt, verabschiedete Stanley sich am hellen Nachmittag mit den Worten: „Good Night, Hamburg!“ Denn es ist egal, wann und wo du gerade bist, Hauptsache, du gibst alles. Am Freitag, den 20. Januar, wurde das Sternenkind sechzig Jahre alt.

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