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Heiner Müllers Erbe : Der Zyniker braucht ein Gegenüber

Heiner Müller (1929 - 1995). Bild: Hubert Link; Zentralbild; dpa

Der Dramatiker Heiner Müller ist vor zwanzig Jahren gestorben. Seine Sätze über die angebliche Dummheit von Politikern aber klingen bis heute nach. Haben sie uns etwas zu sagen?

          Es kann nicht nur Engel, es muss auch Hunde der Geschichte geben. Heiner Müller ist zwanzig Jahre tot, aber sein Geist lebt weiter. Nicht zuletzt dank einer regen familiären Nachlassverwaltung. Unter der Überschrift „Texte zum Kapitalismus“ ist bei Suhrkamp gerade eine neue Anthologie erschienen. Zusammen mit ihrer vierundzwanzigjährigen Tochter Anna tourt Müllers Witwe Brigitte Maria Mayer damit im Moment durch die Republik.

          Bei der Buchpräsentation im Frankfurter Mousonturm las Anna Müller, die ihren eigenen Verlag „Herzstück“ nach einem Gedicht ihres Vaters benannt hat, jetzt aus einem Anfang der Neunziger geführten Interview mit Heiner Müller vor. Sie stellte die Fragen, ein Schauspieler gab den Vater und antwortete. Sie: „Herr Müller, sind die Politiker zynisch?“ Er: „Nein. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten von Politikern, dass sie ihre eigenen Reden glauben. Zum Zynismus gehört eine Intelligenz, die in der Politik nicht gefragt ist.“ Kurz zuckte die Tochter bei dieser Antwort des Vaters zusammen: Politiker sind zu dumm, um zynisch zu sein? Wer an seine eigenen Worte glaubt, ist zu beschränkt für die Wirklichkeit? Nur wer zweideutig, doppelmoralisch redet, ist intelligent und damit diskursfähig? Das bleibt hängen.

          Während alle anderen kapitalismuskritischen Akkorde schnell verklingen, setzt sich der Müller-Satz fest, obwohl er beschreibt, was man inzwischen überall erlebt: die herablassende Verächtlichmachung von Politik auf der einen, kommentierenden Seite; das immer trotzigere moralische Selbstbewusstsein der Politik auf der anderen, agitierenden Seite. Die Politiker seien nicht intelligent genug, heißt es allenthalben, ihre Parolen seien zu platt, ihre Reden zu sehr auf die moralisierende Pointe hin geschrieben. Was man ihnen damit eigentlich vorwirft, ist ein Mangel an Dialektik. Also die Unfähigkeit zum gebrochenen Denken und Reden.

          Klug ist allein, wer sich selbst misstraut, anders gesagt: wer auf eine schizophrene Weise innere Überzeugung und äußeren Ausdruck voneinander trennt. „Abschiebung“ zu meinen ist etwas ganz anderes, als sie zu fordern; ans „bedingungslose Grundeinkommen“ zu denken nicht dasselbe wie es zweifelsfrei vorzuschlagen. Der Intellektuelle hat eine Abneigung gegen den Politiker, weil der es sich herausnimmt, den Komment des uneigentlichen Sprechens zu missachten. Weil er Ambivalenz nicht aushält, überall treudoof einfache Gleichungen aufstellt.

          In Müllers Antwort schwingt die alte Überheblichkeit des Denkers gegenüber dem Feldherren mit. „Ich bin Alexander, der große König“ – „Und ich Diogenes, der Hund.“ Kýon, der Hund, Zynismus wörtlich die „Hündigkeit“. Zu den fatalen „Merkwürdigkeiten“ der Politiker gehört noch immer, dass sie sich dem Geist in die Sonne stellen, ihn durch ihre trampelige Direktheit provozieren. Ist das nun besorgniserregend und ärgerlich? Vielleicht, aber es hält auch die Spannung aufrecht. Ein Land, in dem Politik und Geist nebeneinander in der Sonne liegen, geht bald auch baden. Müllers Satz täuscht: Die Rollenverteilung zwischen zynischer Intelligenz und grader Programmatik ist nicht „merkwürdig“, sondern im alten, didaktischen Sinne gemeinschaftsstiftend. Der Zyniker braucht ein Gegenüber. Sonst kann er sich nicht beklagen.

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