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Ein gottloser Tempel : Aber die Glocken

Der Popularphilosoph Alain de Botton will von der Kirche lernen. Sein Vorschlag: ein „Tempel des Atheismus“ und Predigten zu Ehren der Kultur. Doch etwas Entscheidendes wird fehlen.

          Die Türme des Fuldaer Doms sind 65 Meter hoch. Immerhin 52 Meter misst das Minarett der Moschee im irakischen Samarra. Wenn der „Tempel des Atheismus“ in London errichtet werden sollte, steht er doch etwas hinter diesen Sakralbauten zurück. Ein ungemein erfolgreicher Popularphilosoph, Alain de Botton, hat den Tempel-Vorschlag gemacht: 46 Meter hoch soll das Gebäude sein. Böse Zungen sagen nun, der Denker wolle damit nur um Aufmerksamkeit für sein neues Buch werben. Aber vielleicht ist doch mehr daran.

          Im Kreis der neuen Atheisten hat die Auseinandersetzung darüber begonnen, wie man weiter verfahren soll. De Botton will nicht nur das Destruktive, wie er es nennt; er weiß, dass er den Menschen mehr als die Negation geben muss, und so wirbt er seit geraumer Zeit dafür, von den Kirchen zu lernen. Predigten zu Ehren der Kultur schweben ihm vor: „Lasst uns Platon und Jane Austen preisen, amen!“, verkündet er in einem Vortrag, den man sich im Netz anschauen kann.

          Das Glockengeläut bindet die Menschen an die Kirche

          De Botton hat große Vorbilder. Eine vergöttlichte Vernunft kannte schon die Französische Revolution in ihrer terroristischen Phase. Das erste Fest zu Ehren der Vernunft wurde im November 1793 in Notre-Dame gefeiert, bald kam ein Gesetz, das alle Kirchen von Paris zu Tempeln der Vernunft machte. Das Fest sollte an jedem zehnten Tag (denn die Revolution hatte auch die Sieben-Tage-Woche abgeschafft) gefeiert werden. Aber etwas fehlte. Mögen sie den Tempel des Atheismus in London ruhig errichten, es wird nicht helfen: Sie werden keine Glocken haben. Das Geläut aber bindet noch die säkularsten Großstadtmenschen an die Kirchen - und sei es nur mit einer gewissen Nostalgie.

          Auch die Entchristlichten würden den Mangel empfinden, wenn es nicht mehr läutet. Vergleichbar Inniges haben Atheisten, Kommunisten und Vernunftgläubige nie zustande gebracht, in diesem Wettbewerb müssen sie unterliegen. Deshalb wäre ihnen zu raten, mit den Plänen gleich weiterzugehen. Auch dafür gibt es Modelle. „Die Kirchen sind fast verstummt“, notierte Walter Benjamin 1927 im bolschewistischen Moskau. „Die Stadt ist so gut wie befreit vom Glockengeläut, das sonntags über unsere großen Städte eine so tiefe Traurigkeit verbreitet.“ So viel Befreiung muss schon sein, wenn der Atheismus reüssieren soll.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

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