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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein Gespräch zwischen Hubert Burda und Peter Sloterdijk Die kleinen Dinge lösen große Medienrevolutionen aus

 ·  Der Verleger Hubert Burda will von dem Philosophen Peter Sloterdijk wissen, was die moderne Bilderwelt des Fernsehens und des Internets mit den Menschen macht. Sie teilt uns in Gewinner und Verlierer und betreibe "Loser-Therapie", meint Sloterdijk.

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FRAGE: Hubert Burda: Ich würde gerne anfangen mit einer Analogie: Um 1450 verändert sich durch den Buchdruck etwas total, und nun müssen wir damit rechnen, dass die großen Zeitungen in zehn Jahren nicht mehr finanzierbar sind. Denn wir haben jetzt Weltkonzerne wie Google und Facebook, die das Kapital an sich ziehen. Was verändert sich dadurch für die Gesellschaft?

ANTWORT: Peter Sloterdijk: Ich würde diese Analogie um einen dritten Pol erweitern wollen, nämlich durch den Einschnitt, der in der Zeit Platos oder in den hundert Jahren vor Plato durch die griechische vokalalphabetische Schrift erfolgt ist. Die Griechen haben ja bekanntlich zu den orientalischen Schriftsystemen, die reine Konsonantenschriften gewesen sind, eine kleine Erfindung hinzugefügt, die aus der historischen Entfernung genauso geringfügig erscheinen könnte wie der Übergang bei Gutenberg zum Druck mit den beweglichen Lettern. Aber die kleinen Dinge sind es, die die großen Medienrevolutionen auslösen. Die Griechen haben den autonom lesbaren Text erfunden, weil man zum ersten Mal - deswegen heißen die Dinge auch Vokale - die Stimme des Autors rekonstruieren kann. Ansonsten braucht man immer einen Vorleser, der sagt, wie der Text gesprochen werden muss - ein Sachverhalt, der im Hebräischen bis heute fortbesteht. Tendenziell ist der europäische Leser also ein autonomer Leser. Oder, anders ausgedrückt, ein Autodidakt, der auf eigene Faust die Stimme der Ahnen entziffern kann. Mir scheint, dass dies für das Verständnis der europäischen Psyche von ungeheurer Bedeutsamkeit geworden ist. Das bestätigt und verstärkt sich im Protestantismus, den man als Autodidaktentum des Glaubens definieren könnte. Die Autodidaktik des Glaubens produziert das moderne Individuum, das sich selber in die Bibel einloggt. Man könnte es den Luther-Effekt nennen, als ob Christus plötzlich eine Steckdose hätte. Da entsteht eine Art Plug-in-Christentum, das durch den Buchdruck möglich wurde. Die späteste Explikationsgestalt dessen, was in der griechischen Schriftveränderung ursprünglich entstanden war, kulminiert dann im deutschen Idealismus im Pathos des Selberdenkens.

FRAGE: Es gab also einen "Semantic Turn". Das heißt, die Sprache wurde die dominierende Benutzeroberfläche, in der sich der intellektuelle Diskurs abspielt. Ab 1828 aber wird die Fotografie erfunden, später entstehen die beweglichen Bilder. Nun spricht man von einem "Iconic Turn". Was geschieht da mit uns?

ANTWORT: Die Schrift ist eigentlich dazu da, den Willen des Kaisers semantisch konstant vom Palast bis an die Peripherie des Reiches zu transportieren. Weswegen es sehr wichtig ist, dass man Medientheorie immer auch als Transporttheorie entwickelt. Die Post ist eine Erfindung des Imperiums. Der Kurier ist ein Abgesandter des Kaisers. Daraus werden später die christlichen Apostel, die eigentlich nichts anderes sind als die Briefträger Gottes, wie es zuvor im wahrsten Sinne des Wortes Briefträger des Monarchen gab. Das ist die Welt der Schrift und genauso der Handschrift in ihrem ersten Stadium. Sie tritt in ein zweites Stadium ein um 1500, als die Presserevolution erfolgt, weil dann plötzlich neue Formen von Absendern möglich werden. Das ist vielleicht die wichtigste Definition: Zur Schrift gehört untrennbar die Idee des starken Absenders. Das heißt, wesentliche Schriften stammen entweder von einem König, einem Gott, einem Klassiker oder einem Genie. Solange wir in der Welt der großen Schriftsteller sind, nehmen wir an der Metaphysik des starken Absenders teil. Das macht den großen Unterschied zu heute aus, weil wir jetzt in ein Universum der schwachen Absender eingetreten sind. Heute kann jeder senden. Das ist etwas ganz Neues. Der Autor, der diesen Umbruch am tiefsten verstanden hat, ist Franz Kafka, den ich für den großen verkannten Medientheoretiker des 20. Jahrhunderts halte. Er bezeichnete das dritte Stadium der Mediengeschichte: Die soziale Synthesis im Imperium synthetisiert die Bürger des Reiches durch imperiale Kommunikation. Deswegen ist es wichtig, alle Bürger an Ereignissen wie dem Triumph des Kaisers teilnehmen zu lassen. Wenn die Bürger gleichgültig wären gegenüber den Triumphen des Herrschers, hielte das imperiale Ensemble nicht zusammen. Dass eine Horde, die direkt miteinander kommuniziert, zusammenhält, ist kein so großes mediales Wunder wie die Tatsache, dass ein Imperium medial zusammenhält. Im Grunde genommen müssen die Menschen ja zusammengezaubert werden. Das aber ist Sinn und Funktion der Bilder. Sie zaubern Menschen in Gemeinschaften zusammen.

FRAGE: Augustus hat sein Bild auf die Münze schlagen lassen, so dass im ganzen Reich jeder sagen konnte, das ist das Bild unseres Kaisers. Gleichzeitig idealisiert er es im Sinne der griechischen Ästhetik. Und dann kommen die Christen mit vier, fünf Bildern, einer minimalen Ikonographie, mit der sie sagen, hier ist ein Christ.

ANTWORT: Das passt sehr gut in diese Überlegung. Die christliche Kirche ist strukturell imperiomorph. Das hat Augustinus sehr gut verstanden, als er die christliche Sphäre in der Welt "civitas dei" genannt hat. "Civitas" ist zu dieser Zeit der Name dieser großen politischen Einheiten, die durch imperiale Kommunikation integriert werden. Die Kirche hat ein Evangelium, das ein Äquivalent zu einer kaiserlichen Aussendung ist. Sie hat eine den imperialen Bildprogrammen analoge ikonische Programmatik. Die Tatsache, dass es wenige Bilder sind, entspricht genau der Intuition, dass es darauf ankommt, alle Bürger dieses geistigen Reiches ebenso mit dem Bild des Fürsten zu imprägnieren, weil es ja auch ein transzendenter Fürst ist, wie es in der Zeit der Kaiser notwendig war, alle Bürger des Reiches mit dem Bild des Imperators zu imprägnieren. Das hat Paul Zanker in seinem Buch "Augustus und die Macht der Bilder" ausgezeichnet dargestellt. Diese Imprägnierungsverfahren dienen dem Zweck, sozialen Zusammenhang herzustellen unter Bedingungen höchster Unwahrscheinlichkeit, denn ein Imperium ist ja bereits eine Vielvölkergesellschaft. Hier wird das Bild wichtig, weil es sich von der muttersprachlich fixierten Legende emanzipieren kann. Die Römer hatten in ihrem Gebiet rund fünfzig verschiedene Ethnien integrieren müssen. Hierfür braucht man ein Analogon zum Pfingstereignis. Und das Bild ist immer um eine Dimension pfingstlicher als die Schrift, wegen der eidetischen Ähnlichkeit, die Sprachbarrieren überwindet.

FRAGE: Da würde ja nahtlos anschließen, dass diese globale Welt globale Bilder hat, die mit Sportereignissen zu tun haben, mit politischen Ereignissen, mit Katastrophen. 9/11 ist eine der größten ikonischen Inszenierungen gewesen, die man sich vorstellen konnte.

ANTWORT: Deswegen ist die Weltgesellschaft postskriptural, sie ist tatsächlich die Gesellschaft des "Iconic Turn", und sie basiert auf dem Computer, auf der Digitalität und auf Techniken, die jeweils die kulturellen Klausuren überwinden. Sie ist in gewisser Weise eine Heiliggeistmaschine auf höherer Stufe. Das Pfingstwunder wurde ja als Emanzipation von der Muttersprache gefeiert. Das Christentum ist eigentlich die transnationale oder transethnische Religion schlechthin. Es emanzipiert den Menschen aus dem Käfig der Nationalkultur. Das ist der Sinn von Taufe. Wir werden durch das Computerbad noch einmal getauft. Wir werden durch die ikonische Kultur überhaupt erst befähigt, Mitglieder einer Weltkommune zu sein.

FRAGE: Dabei gibt es global neben belastenden Bildern, wie denen von 9/11, ebenso entlastende Bilder. 1776 ist es Thomas Jefferson, der zum ersten Mal in die amerikanische Verfassung "The Pursuit of Happiness" aufnimmt. Von Facebook bis "Deutschland sucht den Superstar" sind alles Glücksversprechen. Dazu kommen die Schönheit, der Fitnesskult, eine riesige Lifestyle-Welt. Alles ist durchgestylt und steht im großen Kontext des "Pursuit of Happiness".

ANTWORT: "Pursuit of Happiness" ist wirklich eine großartige Formel, die aber nur zu verstehen ist, wenn man weiß, dass es eine alteuropäische Formel ist, die den Atlantik überquert hat und dann in amerikanischer Redaktion neu reimportiert wurde. Im Jahr 1509 erscheint in Augsburg von einem anonymen Autor das Volksbuch "Fortunatus". Das ist neben dem "Faust" das wahrscheinlich erfolgreichste Buch. Es erzählt die prototypische Geschichte des modernen Menschen. Ein junger Mann aus Zypern verirrt sich in einem deutschen Wald. Auf einer Lichtung begegnet er Fortuna, der Jungfrau des Glücks. Und sie macht ihm ein Angebot. Er darf wählen zwischen den klassischen Tugenden und dem Reichtum. Als erster europäischer Mensch wählt er den Reichtum und bekommt eine Zauberbörse geschenkt. So oft man sie öffnet, sind vierzig Goldstücke in der jeweiligen Währung des Landes, wo er sich gerade aufhält, darin verborgen. Seit der Rückkehr des Kolumbus wurde der Archetypus der Schatzsuche in die Seele der Europäer implantiert. Die Idee ist, dass an irgendeiner Stelle in der Welt Reichtümer akkumuliert sind und schatzförmig in einer Höhle bereitliegen. Dieses Motiv führt Dumas im 19. Jahrhundert grandios und auch endgültig im "Grafen von Monte Christo" aus, weil dort Fortuna mit Christus die Rollen getauscht hat. Wir wollen nicht mehr Christen werden, wir wollen den Schatz finden. Und zwar nicht da drüben, sondern auf einer Insel hier. Seither beteiligen sich alle Menschen dieses kulturellen Archipels an diesem Spiel. Die Europäer träumen davon, den Schatz nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden. Und Fortuna ist unter uns, weil sie den Fortunatus-Faktor in uns selber anspricht. Deswegen müssen wir unseren Mitbürgern fortwährend beweisen, dass Fortuna ihre Arbeit gut macht und dass zweimal in der Woche ein Individuum mitten unter uns in die Klasse der Millionäre aufgenommen wird. Und zwar, was sehr wichtig ist, ohne eigenes Zutun. Alles, was man tun muss, ist, die sechs Richtigen anzukreuzen. Jefferson hat eigentlich nichts anderes gemacht, als dieses aus Europa mitgebrachte Motiv der Schatzsuche auf amerikanischem Boden neu zu codieren und in die Verfassung hineinzuschreiben. Das war natürlich ein ungeheurer Vorgang.

FRAGE: Haben die Medien, die permanent belastende und entlastende Bilder zeigen, im Bereich der Entlastung, ja dort, wo sie "The Pursuit of Happiness" inszenieren, also besonders große Erfolge? Und ist nicht vor allem das Fernsehprogramm heutzutage ein entlastendes Programm?

ANTWORT: Im Mittelalter war die Menschheit geteilt längs einer unsichtbaren Trennungslinie zwischen den Erwählten und den Verdammten. Und seit es den Fortunatus-Traum gibt, ist sie geteilt längs der Trennungslinie zwischen Findern und Nicht-Findern, oder, wie man heute brutal sagt, zwischen Winnern und Losern. Und tatsächlich glaube ich, dass die Medien heute zum großen Teil Loser-Therapie betreiben. Ist nicht die ganze gegenwärtige massenmediale Kultur eigentlich Loser-Therapie?

Vorabdruck aus dem Band: Hubert Burda: In me-dias res. Zehn Kapitel zum Iconic Turn. Das Buch ist von dieser Woche an im Handel.

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