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Ein Fußballer, der Gedichte liebt : Guardiola liest

In der ersten Medien-Erregung wird Pep Guardiola, von Mitte des Jahres an neuer Trainer des FC Bayern München, bereits als Heilsbringer des Fußballs gefeiert. Dabei liebt er vor allem die Poesie.

          Es ist naheliegend, die Verpflichtung von Josep „Pep“ Guardiola vor allem unter fußballerischen Gesichtspunkten zu betrachten - wie viele Titel er dem FC Bayern München bescheren könnte, was er der Bundesliga bringt, welche Stars sich jetzt drängeln werden, unter ihm zu arbeiten, und so weiter. Erst am nächsten Tag wird man sich vielleicht fragen, ob er Weißwurst mag und wie ihm die Lederhose steht. Und dann nichts mehr.

          Das aber wäre schade.

          Denn gerade ist in der Edition Delta in der Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt ein Buch erschienen, das Guardiola und seiner Frau Cristina gewidmet ist. Es heißt „Buch der Einsamkeiten“ und besteht aus 49 Gedichten des beliebten katalanischen Lyrikers Miquel Martí i Pol (1929 bis 2003).

          „Und wenn ich auf einmal verängstigt erwache, / möchte ich damit nicht sagen, dass die Welt endet.“ So klingt dieser Dichter, den Guardiola in den neunziger Jahren kennenlernte und dann öfter besuchte. Die Unterhaltung hatte ihre Tücken, denn der Dichter litt an multipler Sklerose, und das Sprechen fiel ihm schwer.

          Was den alten Poeten mit dem damaligen Spielmacher des FC Barcelona verband, waren die Liebe zu Barça und die Begeisterung für Poesie. „Kann jemand sagen, ob der Wind unpünktlich weht? / Ob ,Liebe machen’ ein Euphemismus ist oder nicht? / Ob man die Versprechungen und Vereinbarungen hält? / Ob uns lauter Leben nicht das Leben kostet?“ Ein Blick in Guardiolas Augen, und man ahnt, dass er diese Verse kennt.

          Und nicht nur das.

          Er hat die Gedichte Martí i Pols sogar mehrmals öffentlich vorgetragen, begleitet von dem Liedermacher Lluis Llach, letzten Sommer noch, vor mehreren tausend Zuschauern in Barcelona. Was immer sie sich in der Vorstandsetage von Bayern München also von ihm erwarten, sie sollten wissen, dass nicht nur ein Trainer nach München kommt, sondern auch ein Denker.

          Zugegeben, sein Versuch, Lionel Messi zum Lesen eines Buches zu bewegen, muss als gescheitert gelten. Aber er selbst, der Sieger, den das Bewusstsein der Niederlage umgibt, hat vieles, was er über die Angelegenheiten der Menschen weiß, aus Gedichten gelernt. Zum Beispiel dies: „Was auf der Erde geschieht, ist reine Anekdote, / die jemand als Angelpunkt der Transzendenz deutet.“

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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