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Venedig : Ein Fanal für die Stadt am großen Kanal

  • -Aktualisiert am

Man nennt es „forensische Architektur“. Die gewagte Renovierung des Fondaco dei Tedeschi steht wider Erwarten in alter Bautradition. Bild: OMA

Befreiungsschlag in einer mumifizierten Stadtlandschaft: Der Umbau der Fondaco dei Tedeschi, des ehemaligen deutschen Handelszentrums in Venedig, legt den Grundstein für einen neuen öffentlichen Ort.

          Im Grunde ist es mit Venedig immer das Gleiche. Zuerst ist man begeistert und aufs Neue überrascht, wie malerisch, bezaubernd, magisch, ja mystisch diese Stadt ist. Doch dann kommt auch sehr schnell, spätestens nachdem der zehnte Händler einem kreischend seinen Selfie-Stick ins Gesicht gehalten und man den fünften überteuerten Spritz neben rosig grinsenden englischen Touristen getrunken hat, der Moment, in dem man sich fragt, wo in dieser Stadt eigentlich das sogenannte echte Leben stattfindet. Also jenes, in dem Selfie-Sticks, gefälschte Louis-Vuitton-Handtaschen, Karnevalsmasken, bunte Glasgefäße und schöne Renaissance-Fassaden nur eine untergeordnete und so etwas wie ein Supermarkt, ein Bäcker oder ein richtiger Buchladen eine zentrale Rolle spielen. Im Zentrum zumindest findet man es nicht.

          Die Mumifizierung des Zentrums

          Venedig, so beklagen es immer lauter die wenigen übrig gebliebenen Lagunenbewohner, verwandelt sich in eine begehbare Postkartenlandschaft, einen Ort, den Touristen nicht nur besuchen, sondern auch durch ihre Erwartungen mit formen. Denn was hier „echt“ und was für das touristische Auge aufpoliert oder künstlich patiniert wurde, ist kaum noch zu unterscheiden. Es scheint, als habe die hochverschuldete Stadt beschlossen, dass ihre Substanz sich nicht nur im modrigen Salzwasser, sondern wenigstens auch noch lukrativ in den Händen privater Investoren auflösen soll: Stadtbekannte Wahrzeichen, besonders jene prachtvoll bröckelnden Palazzi am Canal Grande, die bereits in Canalettos Gemälden zu sehen sind und unser Bild von Venedig geformt haben, werden an den größten Bieter verscherbelt und in Hotels, Boutiquen oder andere tourismuskompatible Geldmaschinen – im besten Fall Museen – umgewandelt. Das Geld fließt, das Leben hinter der Kulisse schwindet.

          In diesen historischen Moment der Mumifizierung des Zentrums fiel der heftig kritisierte Verkauf des sogenannten „Fondaco dei Tedeschi“, des ehemaligen deutschen Handelszentrums am Fuße der Rialto-Brücke. Als die Familie Benetton das Gebäude, eines der größten am Kanal, im Jahr 2009 für 53 Millionen Euro mit dem Plan erwarb, darin eine fast 7000 Quadratmeter große Shopping-Mall zu errichten, reagierte die Bevölkerung empört. Das Argument des künftigen Mieters, des in Hongkong ansässigen Luxusgüterunternehmens DFS, Venedig müsse sein Luxussegment ausbauen, und eine Stadt, in der es nur Museen gibt, würde zwangsläufig aussterben, fand verständlicherweise nur wenig Nachhall. Stattdessen sah man ein weiteres Wahrzeichen, vor allem aber einen der letzten touristenfreien öffentlichen Plätze von Venedig, in den gierigen Schlund des Marktes fallen.

          Vom Kern der Authentizität

          Nicht nur erinnert der Bau an die glanzvolle Zeit, als Venedig eine Handelsmetropole mit globaler Strahlkraft war, er diente auch seit langem als Hauptpostamt der Insel. Venezianer erzählen mit glänzenden Augen davon, wie sie hier als Kind mit ihrer Großmutter Päckchen abholten und staunend das Gewusel im Innenhof beobachteten. Dass dort nun ein weiterer Einkaufstempel entstehen soll, war und ist für viele ein Skandal, zumal man fürchtete, das Architektenteam aus dem Hause OMA, der Firma des niederländischen Architekten Rem Koolhaas, würde mit der Renovierung einen historischen Bau, ein weiteres Stück „echtes Venedig“ verschwinden lassen.

          Dass das nicht der Fall ist, gehört zu den großen Überraschungen des neuen „Fondaco dei Tedeschi“ und führt zu einer Frage, die weit über den Umbau hinausreicht: nämlich der, welcher Zustand als authentisch anerkannt wird im Leben von Gebäuden, deren Nutzung sich immer wieder wandelt. Denn auch wenn der „Fondaco“ auf den ersten Blick wie ein guterhaltenes Beispiel eines Baus aus dem 16. Jahrhundert wirkt, verbirgt sich hinter der Renaissance-Fassade eine ganz andere, brutalere Wahrheit: Seit seiner Errichtung um 1228 hat der Bau viele Veränderungen durchlebt, zweimal wurde er vom Feuer zerstört, zuletzt 1506 neu aufgebaut. Bis zu Napoleons Zeit wurde er als Handelsplatz genutzt, danach als Zollstelle, bis er unter Mussolini zur zentralen Poststelle umgebaut wurde. Über die Jahrhunderte hinweg wurden Türme abgerissen, Fenster eingebaut, der Patio mit einem Glasdach bedeckt, die Grundstruktur verändert.

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