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Ein ehrlicher und schmerzvoller Blick auf die Vergangenheit

09.11.2010 ·  Deutschlands Lehrstück für die Welt? Die Studie "Das Amt" wird in der deutschen Botschaft in Washington vorgestellt

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WASHINGTON, 9. November

Noch bevor Botschafter Klaus Scharioth seine Gäste begrüßen kann, gehört Guido Westerwelle das Wort. Auf jedem Stuhl liegt eine englische Übersetzung der bemerkenswerten Rede, die der Außenminister anlässlich der Übergabe der Historikerstudie über die NS-Verstrickung des Auswärtigen Amtes hielt. Zu lesen ist sie jetzt in der Residenz des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Washington, von Oswald Mathias Ungers entworfen und 1994 eingeweiht, ein kühler, schnörkelloser, geometrisch rationaler Bau, der von seinem grünen Hügel herab selbstbewusst seinen Anspruch auf einen vorderen Platz in der Gegenwart verkündet. Aber schon durch seine strenge Säulenreihe, die sich an klassischen Vorbildern orientiert, bleibt in ihm auch die Vergangenheit präsent. Dieses Gesamtkunstwerk, streng durchgestylt bis zu Mobiliar und Tafelsilber, ist eine der wichtigsten und edelsten Bühnen für das bundesdeutsche diplomatische Corps. Nun bildet es den Rahmen für eine Veranstaltung, in der vor handverlesenem Publikum dargelegt wird, welchen Anteil jenes Eliteensemble am düstersten Teil der deutschen Geschichte hatte.

Eckart Conze, Norbert Frei und Peter Hayes, drei Mitglieder der vierköpfigen Historikerkommission, die erst vor wenigen Tagen in Berlin das bestürzende Kapitel in der Geschichte des Auswärtigen Amtes aufgeblättert hat (F.A.Z. vom 30. Oktober), setzen ihr Aufklärungswerk in Washington fort. Den Fragen zufolge, die nach ihren Ausführungen gestellt werden, sind Historiker und Diplomaten zahlreich im Publikum vertreten. Sie bekommen von Stuart E. Eizenstat, dem amerikanischen Diplomaten und Moderator des Abends, sehr viel, ja erstaunlich viel Schmeichelhaftes über ein Land zu hören, das so viel Unglück über die Welt gebracht hat. Nie zuvor, so Eizenstat, habe sich eine Nation ihrer Kriegsvergangenheit so wie Deutschland gestellt. Er vergisst nicht, die sechzig Milliarden Dollar an Reparationszahlungen zu erwähnen, er verweist auf eine jüdische Gemeinde, wie sie in keinem anderen europäischen Land kräftiger wachse, er preist die Studie als bestes Zeugnis für die Stärke des heutigen Deutschland: "A job well done!" Herzlichen Glückwunsch.

Trotz dieses Lobes vernimmt man als deutscher Staatsbürger mit größtem Unbehagen, was die drei Historiker nun verkünden. Frei gibt noch einmal seinem Erstaunen Ausdruck darüber, wie geschmeidig alte Nazis in ihre neuen demokratischen Rollen schlüpften. Conze deutet an, dass Untersuchungen, wie sie das Auswärtige Amt über sich ergehen lassen musste, wohl auch anderen Ministerien, etwa dem Finanzministerium, bevorstünden. Und für Hayes fällt der wichtige historiographische Augenblick mit dem Ende des Mythos zusammen, der Diplomaten allzu lange erlaubte, von ihrer Wirkungsstätte als Hort des Widerstands gegen Hitler zu schwärmen. Er, der Amerikaner unter den Historikern, versäumt aber auch nicht, an die Bereitschaft der westlichen Besatzungsmächte zu erinnern, nach Kriegsende mit belasteten deutschen Diplomaten sehr flexibel umzugehen.

Überhaupt ist es erstaunlich, wie die Amerikaner Hayes und Eizenstat Vergleiche ziehen, zu denen sich kein besonnener Deutscher öffentlich durchgerungen hätte. Eizenstat freut sich nicht nur über Westerwelles Ausspruch, die Historikerstudie solle Pflichtlektüre in der Diplomatenausbildung werden, er sieht in ihr auch ein leuchtendes Beispiel für andere Länder, die Klarheit über den Verlauf moralischer Grenzen suchen. Einen "großen Dienst" hätten die von Außenminister Fischer beauftragten Historiker geleistet, nicht allein für Deutschland: "Auch wir haben daraus einige Lektionen zu lernen." Welche Lektionen das sind, teilt Hayes mit, indem er einen gewagten Bogen schlägt zum Irak-Krieg und zu der Entmachtung der Führungselite durch die amerikanische Besatzungsmacht. War diese Vorgehensweise weise und richtig? Klare Antworten gebe es nicht. Der Lernprozess verändere sich im Lichte der Wirklichkeit.

Einverständnis herrscht auf dem Podium auch über den späten Termin der Enthüllungen. Wieder ist es Hayes, der eine simple Rechnung aufmacht und dabei die Zeit im Generationenrhythmus ins Spiel bringt. Die Aufarbeitung der Vergangenheit musste warten, bis der Widerstand gebrochen war, will heißen, bis die gewandelten NS-Diplomaten verschwunden waren. Conze spricht von einer Bereitschaft, die sich auf ein öffentliches historisches Bewusstsein gründe. Die Wahrheitssuche aber, die nicht erst bei den Diplomaten begonnen habe, will Hayes nun als Teil eines neuen deutschen Patriotismus erkennen. All das wäre aber, auch da sind sich die drei Historiker einig, ohne das Ende des Kalten Krieges niemals eingetreten. Die sowjetische Bedrohung musste zusammenbrechen, ehe im Westen das Großreinemachen ernsthaft beginnen durfte. Noch bis in die sechziger Jahre, gibt Eizenstat zu bedenken, habe es in keiner einzigen amerikanischen Universität ein Seminar über den Holocaust gegeben.

Wie schwach die Belege für den Widerstand gegen Hitler sind, war für Hayes die größte Überraschung des fünfjährigen Unternehmens. Und wirklich neu war für Conze, wie der diplomatische Apparat in seiner Gesamtheit sich mit Hitlers Regime einließ und, weit über bloße Kooperation hinaus, selbst die Initiative zum Verbrechen ergriff. Scharioth, seit vierunddreißig Jahren im Dienst des Auswärtigen Amtes und am Ursprung der Studie maßgeblich beteiligt, nennt das Buch eine bittere Lektüre. Aber, wie er dann im Gespräch erklärt, fühlt er sich auch ermutigt durch die Reaktionen seiner Kollegen. Es habe keinen Widerstand, keine Kritik gegeben. Er kann sich auch über die amerikanischen Reaktionen freuen, die bislang nur mit Lob aufwarten. Deutschland, schreibt etwa Elan Steinberg, Vizepräsident der in New York ansässigen Organisation "American Gathering of Holocaust Survivors and their Descendants", habe einen ehrlichen und schmerzvollen Blick auf seine Vergangenheit geworfen.

Ein solches Echo deutet wie der Abend in der Botschaft tatsächlich darauf hin, dass die Studie, so niederschmetternd sie in ihrer historischen Eindeutigkeit ist, sich auf das aktuelle Bild Deutschlands in der Welt positiv auswirken könnte. Das gilt auch für die kleine Dokumentation, die in der Eingangshalle der Washingtoner Residenz aufgebaut ist. Mit ihr wird an Friedrich von Prittwitz erinnert, den deutschen Botschafter, der 1933 sein Amt zur Verfügung stellte. Scharioth sagt über seinen charakterfesten Vorgänger nur: "Ich hätte mir gewünscht, es wären mehr gewesen." JORDAN MEJIAS

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