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Ein deutscher Literat in Frankreich : Alles mir zu Ehren, aber alles ohne mich

  • -Aktualisiert am

Prominent ignoriert: Michael Kumpfmüller Bild: dpa

Verständigung? Nein, danke. Der Schriftsteller Michael Kumpfmüller schildert, wie er auf einer Preisverleihung in Cognac das Phantom der deutsch-französischen Freundschaft erlebte.

          Die deutsch-französische Freundschaft gibt es nicht, jedenfalls nicht in den kulturellen Kreisen Frankreichs. Deren Arroganz sucht in Europa ihresgleichen. Das habe ich in den letzten Jahren immer wieder erfahren müssen: Deutsche und französische Schriftsteller werden von wohlmeinenden bilateralen Kulturinitiativen zusammengespannt, wobei wir Deutschen regelmäßig beflissen unser Schulfranzösisch herauskramen und uns wortreich dafür entschuldigen, wie schlecht es ist, während die Franzosen demonstrativ unter sich bleiben und mit uns nach Möglichkeit gar nicht reden.

          Nie werde ich die indignierten Gesichter einer Runde französischer Schriftsteller vergessen, als ich zusammen mit zwei deutschen Kollegen beim Pariser Salon du Livre im Jahr 2001 an ihren Tisch geführt wurde und sie sich mit der Zumutung konfrontiert sahen, sich mit uns zu unterhalten – was sie in der Folge tunlichst unterließen. Warum lese ich für ein Podiumsgespräch mit einem Kollegen aus Frankreich drei seiner Romane, während er keine Zeile von mir kennt?

          Und dann saß ich in der Halle und wartete

          Auch meine jüngste Reise nach Frankreich passt leider in dieses Bild. Dabei war der Anlass ein denkbar angenehmer: Ich hatte einen Preis gewonnen. Der Prix Jean-Monnet de littérature européenne wird seit 1995 in Cognac verliehen, und die Liste der Preisträger ist durchaus beeindruckend, darunter sind Antonio Tabucchi, Harry Mulisch und Jorge Semprún, als bisher einziger Deutscher bekam ihn 2010 Hans Magnus Enzensberger. Ich dachte: Oh là là, ein Preis in Frankreich, wer hätte das gedacht?

          Allerdings erfuhr ich von der Auszeichnung nur über die lokale Agentin meines deutschen Verlags und später über die Medien. Das muss man sich vorstellen: Eine vierzehnköpfige Jury verleiht einen Preis und teilt es dem Preisträger gar nicht mit. Und nicht nur, dass sie es mir nicht mitteilte, es lud mich auch sonst niemand offiziell zur Preisverleihung ein. Ich wusste nur, dass von mir erwartet wurde anzureisen.

          Als ich in den Zug stieg, um acht Stunden nach Cognac zu fahren, wusste ich nichts über den Ablauf, ich wusste nicht, ob es eine Laudatio geben würde, ob ich eine Dankesrede vorbereiten sollte, und wenn ja, in welcher Sprache. Geld gebe es ohnehin keines, erzählte ich meinen Verwandten und Freunden, denn zumindest davon, dachte ich, hätte man ja wohl gehört. Als ich in Cognac ankam, wurde ich in eine große Halle gesetzt, wo ich darauf wartete, Bücher zu signieren – fünf Stück in anderthalb Stunden. Kein Problem, ich verstehe, dass mich in Frankreich kaum jemand kennt – aber warum wird man dort sitzen gelassen? Vermutlich, weil sie nicht mit einem reden wollen.

          Interesse? Non, non!

          Die eigentliche Übergabe des Preises war, man kann es nicht anders sagen, ein Witz. Es gab keine Laudatio, nicht einmal die Begründung der Jury wurde verlesen, stattdessen hielt ich die Lobrede gewissermaßen selbst, indem ich ein halbes Dutzend Fragen einer aus Deutschland stammenden Autorin beantwortete. Danach ging alles sehr schnell. Ich bekam eine Flasche Kognak überreicht, dazu einen riesigen Show-Scheck über 6000 Euro, so wie die, mit denen man vor zwanzig Jahren im Fernsehen Spenden visualisierte. Von einem Preisgeld war bis dahin nie die Rede gewesen, tatsächlich war das der erfreulichste Moment des Abends.

          Als ich einen kurzen Dank sagen wollte, den ich vorab ins Französische übersetzen und an den Veranstalter hatte schicken lassen, wollte ihn niemand hören. Der Saal hatte sich bereits zur Hälfte geleert, das Publikum musste zurückgerufen werden, und spätestens von da an fühlte ich mich wie der letzte deutsche Idiot oder wie jemand, der sich uneingeladen auf eine Party geschlichen hat.

          Bei der Sparkasse hat man mir gratuliert

          Und so ging es weiter. Beim Empfang sagte der Präsident der Jury mit großer Geste, dass hier alles mir zu Ehren sei, dann drehte er mir den Rücken zu und unterhielt sich mit jemand anderem. Ab und zu stellte sich ein Mitglied der vierzehnköpfigen Jury vor, Gespräche jedoch – Fehlanzeige. Niemand sprach mit mir, niemand fragte mich etwas. Fragen könnte man ausländische Gäste oder einen Preisträger ja einiges: Woran arbeiten Sie? Hatten Sie eine gute Reise? Lieben Sie Frankreich? Worauf ich ohne zu zögern geantwortet hätte: Ich versuche es, seit vielen Jahren schon, auch hier und heute Abend in Cognac, aber es wird einem wirklich nicht leichtgemacht. Die Häppchen zumindest waren hervorragend.

          Als Andenken bleibt mir der Scheck. Er ist 44x18 Zentimeter groß, ausgestellt vom Département de la Charente, es steht mein Name darauf, die Summe, eine Adresse in Angoulême. Sonst nichts. Die Leute von der Berliner Sparkasse haben herzlich gelacht, als ich damit ankam. Keine Schecknummer? Keine Kontonummer? Aber sie waren wirklich freundlich, und nicht nur das, sie gratulierten mir, so dass ich mich das erste Mal beinahe geehrt fühlte. Wie und ob man diesen Scheck wirklich einlösen kann oder ob er der letzte, ganz böse französische Witz ist, weiß ich noch nicht.

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