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Deutsch-russische Gegensätze : Die Lage ist hoffnungslos, aber niemals ernst

In der Gemütlichkeitsfalle: Vorzeigespielplatz für Eltern und Kinder in Prenzlauer Berg Bild: Julia Zimmermann

Unter Russlands Erde rumoren Hexen und Trolle. Und an der Oberfläche: ein Tollhaus. In Deutschland hingegen lebt man auf dem Oberdeck des Menschheitsschiffes. Ein Blick aus dem östlichen Sumpf ins hiesige Biedermeier.

          Dass wir in einer Biedermeier-Epoche leben, wurde mir klar, als ich, von Moskau kommend, in Leipzig mit einem berühmten Politologen zusammentraf und beim Spaziergang durch die Stadt seine Frau angesichts eines Ensembles schwarzer Eisenstühle freudig ausrief: „Guck mal, Bernd, was für ein schönes Holocaust-Denkmal!“ In Russland erzähle ich oft, wie stark in meiner Heimat das Gedenken an die Opfer des Judenmords zum Alltag gehört, dass etwa in Bürgersteige Gedenkplaketten für deportierte Nazi-Opfer eingelassen wurden, neben denen zu Allerheiligen oft Friedhofskerzen stehen. Russische Bekannte reagieren darauf zumeist halb neidisch, halb schamvoll. Ihr Land kann sich kaum dazu durchringen, die vom eigenen Regime millionenfach ermordeten Mitbürger zu betrauern. Die Szene in Leipzig veranschaulicht aber außerdem, dass der Holocaust auch in dem Sinn in unsere Kultur eingewachsen ist, dass man, wie beim Christentum, den horrenden Kern ausblenden kann. Das ist der Lohn für erfolgreiche Vergangenheitsbewältigung, Stabilität, Konsens sowie das Polster eines gewissen Wohlstands.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Welch Kontrast zur absolut uneinigen russischen Gesellschaft! Die Machthaber verachten ihre nichtsnutzigen Untertanen – oft hört man, wie schön es wäre, deutsche Siedler zu haben. Und die Untertanen glauben sich von den Staatsdienern belogen und betrogen, was der alte Witz veranschaulicht, man müsse Schweden oder Deutschland den Krieg erklären und sofort kapitulieren. In der Beurteilung der an Katastrophen reichen russischen Geschichte hört die Schizophrenie nie auf. Das Europäisierungsprojekt Peters des Großen war ein Segen, doch auch eine Riesenvergewaltigung. Stalin war ein Massenmörder, aber auch ein Modernisierer. Viele Russen sehen sowohl im Zusammenbruch des Sowjetstaates eine Tragödie als auch in der Oktoberrevolution. Sie sind auf Stalins Weltkriegssieg stolz, doch auch auf den GULag-Chronisten Alexander Solschenizyn. Der mit mittlerweile pathologischem Pomp begangene Siegesfeiertag will den mangelnden Glauben an gemeinsame Interessen der sozialen Gruppen kompensieren.

          Vor allem aber will er vergessen machen, dass Russland keine Erfolgs-, sondern eine Misserfolgsgeschichte hat. Es spricht für die Weisheit des ersten vom Volk gewählten Präsidenten Boris Jelzin, dass er von Anfang an mit der Pop-Empörungspartei des Politschauspielers Wladimir Schirinowski, LDPR, paktierte, der sich feudale Privilegien damit verdient, dass er lautstark, fäusteschüttelnd und folgenlos die Bestrafung korrupter Funktionäre und Nachbarländern russische Invasionen androht. Auch Putin mag heute, ein Vierteljahrhundert später, auf die Dienste von Schirinowski, der bis zu einem Drittel der Wählerstimmen bindet, nicht verzichten. Als Russlands alle Wege offenstanden, in der ersten Hälfte der neunziger Jahre, gestand Präsident Jelzin das Fehlen des gesellschaftlichen Konsenses entwaffnend ehrlich ein und lobte einen Preis für die beste nationale Idee aus. Umfragen ergaben, dass die Bevölkerungsmehrheit fand, der Stolz des Staates müsse in der Wohlfahrt seiner Bürger liegen. Doch den Preis gewann dann die fast höhnisch klingende Doktrin, das Glück der Russen liege darin, sich für höhere Ziele aufzuopfern.

          Deutsche Luxussorgen

          Umso mehr beeindruckt mich, wie munter, vergnügt und voller Pläne meine russischen Freunde und Bekannte fast immer sind. Viele von ihnen verdienen als Hochschullehrer für hochqualifizierte Arbeit wenig Geld, müssen ständig gegen Chaos oder Paralyse ankämpfen, sie können auf eine nur unzureichende ärztliche Versorgung und noch unzureichendere Renten rechnen, haben keine Illusionen, klagen aber nie, sondern erzählen lieber Witze. Ihr Lohn ist das Gefühl, Wichtiges zu geben, wissend, dass, wenn man aufhört, die Pedale zu treten, das Fahrrad sofort umfällt.

          Über die sozialen Ängste, die uns Deutsche umtreiben, amüsieren sich die einen, andere bemitleiden uns, weil wir an Armut nicht so gewöhnt seien wie sie. Meine russischen Gesprächspartner goutieren, dass Staaten und Wirtschaftskonglomerate einander ausspionieren so gut sie können. Sie wähnen sich stets belauscht von diversen Diensten. Daher erscheint es ihnen kindisch, wenn die Deutschen, die vor Terroristen geschützt, sozial abgesichert, medizinisch erstklassig versorgt werden und Google, Facebook, Ebay nutzen wollen, sich darüber aufregen, dass ihnen die Privatsphäre abhandenkommt.

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