http://www.faz.net/-gqz-6u70p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.10.2011, 14:40 Uhr

Ein amtlicher Trojaner Anatomie eines digitalen Ungeziefers

Wie der Staatstrojaner zerlegt wurde: Die Hacker vom Chaos Computer Club haben die Überwachungssoftware gefunden, analysiert – und gehackt. Das Ergebnis ist erschreckend. Der Trojaner kann unsere Gedanken lesen und unsere Computer fernsteuern.

von Frank Rieger

Am 27. Februar 2008 fällte das Bundesverfassungsgericht ein historisches Urteil. Als Abschluss der Auseinandersetzung um den Bundestrojaner – im Amtsdeutsch „Online-Durchsuchung“ – verkündete das höchste deutsche Gericht ein neues Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme. Es setzte damit sehr hohe Hürden für Geheimdienste und Ermittlungsbehörden, wenn diese die Computer von Bürgern infiltrieren wollen, um an deren digitale Lebensspuren und Daten zu gelangen. Das Urteil enthält jedoch eine Passage, die bei aufmerksamen Beobachtern schon bei der ersten Lektüre sorgenvolles Stirnrunzeln hervorrief: Es ist der Abschnitt zur sogenannten „Quellen-Telekommunikationsüberwachung“.

Die Regierung und Vertreter der Ermittlungsbehörden hatten in der Karlsruher Verhandlung vehement argumentiert, dass sie eine Möglichkeit brauchten, etwaige verschlüsselte Kommunikation schon auf dem Computer des Verdächtigen abzufangen, bevor sie verschlüsselt wird. Das Gericht mochte sich diesem Begehren nicht ganz verschließen und ließ eine sogenannte „Quellen-Telekommunikationsüberwachung“ zu – allerdings nur, „wenn sich die Überwachung ausschließlich auf Daten aus einem laufenden Telekommunikationsvorgang beschränkt. Dies muss durch technische Vorkehrungen und rechtliche Vorgaben sichergestellt sein.“

Eingriffe von unkontrollierbarer Tiefe

Wie denn eine derartige Sicherstellung in der Praxis technisch funktionieren sollte, war schon während der mündlichen Anhörung zum Bundestrojaner in Karlsruhe ein höchst umstrittener Punkt. Das Gericht hatte die Gefahren jedenfalls erkannt und schrieb: „Wird ein komplexes informationstechnisches System zum Zweck der Telekommunikationsüberwachung technisch infiltriert (,Quellen-Telekommunikationsüberwachung‘), so ist mit der Infiltration die entscheidende Hürde genommen, um das System insgesamt auszuspähen. Die dadurch bedingte Gefährdung geht weit über die hinaus, die mit einer bloßen Überwachung der laufenden Telekommunikation verbunden ist.“

© Chaos Computer Club Staatstrojaner: So funktioniert der Code

Der technische Hintergrund dieser Bedenken ist, dass ein einmal auf einem Computer installiertes Hintertürprogramm problemlos so ausgelegt werden kann, dass es Funktionen enthält oder diese über das Netz nachladen könnte, welche über das verfassungsrechtlich Zulässige weit hinausgehen. Über diese Hintertürfunktionen könnte dann unkontrollierbar tief in den geschützten Kernbereich der privaten Lebensgestaltung des Betroffenen eingegriffen werden.
Seit dem Urteil sind mehr als drei Jahre vergangen, und die deutschen Ermittlungsbehörden sind nicht untätig geblieben.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Trendige Wohnviertel Wo ist das nächste Prenzlauerberg?

Schlaue Computer und Big Data wecken die Phantasie von Immobilien-Besitzern: Zeigen sie, welche Stadtviertel bald in Mode kommen? Mehr

29.07.2016, 15:55 Uhr | Wirtschaft
Achtung Spion! Satellit zur Überwachung ins All geschickt

Eine amerikanische Trägerrakete hat einen Satelliten zur geheimdienstlichen Überwachung über der Erde positioniert. Die Atlas-V-Rakete startete von Cape Canaveral in Florida aus. Der Satellit soll Daten für das Nationale Aufklärungsamt der Vereinigten Staaten sammeln. Das ist eine von mehreren Geheimdienstbehörden in Amerika und versorgt auch das Verteidigungsministerium mit Informationen. Mehr

29.07.2016, 13:57 Uhr | Wissen
Moleskine Smart Writing Set Nur Schönschrift wohnt ein Zauber inne

Moleskine verspricht mit dem Smart Writing Set eine perfekte Kombination aus analogem und digitalem Notizbuch. Wenn da nur nicht die lästige Technik wäre. Mehr Von Elena Witzeck

30.07.2016, 11:14 Uhr | Technik-Motor
Türkei Journalisten stehen vor dem Gericht

Sehr kritisch gegenüber Ankaras Umgang mit Journalisten äußerte sich am Freitag die Organisation Reporter ohne Grenzen in Berlin. Es sei nun klar, dass Journalisten in der Türkei nicht mehr sicher berichten können. Mehr

30.07.2016, 13:56 Uhr | Politik
Hochfrequenzhandel Kampf um jede Mikrosekunde

Superschnelle Computer dominieren den Aktienhandel. Eine neue Börse will sie ausbremsen. Zum Wohle der Anleger? Mehr Von Dennis Kremer

29.07.2016, 11:27 Uhr | Finanzen
Glosse

Bilderverbot

Von Kolja Reichert

Einige Medien zeigen keine Bilder mehr von Attentätern, um ihnen keine Macht zu geben. Aber gerade damit verleihen sie den Fotos einen gewissen Nimbus. Mehr 4 6

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“