Home
http://www.faz.net/-gqz-6u70p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Ein amtlicher Trojaner Anatomie eines digitalen Ungeziefers

Wie der Staatstrojaner zerlegt wurde: Die Hacker vom Chaos Computer Club haben die Überwachungssoftware gefunden, analysiert – und gehackt. Das Ergebnis ist erschreckend. Der Trojaner kann unsere Gedanken lesen und unsere Computer fernsteuern.

Am 27. Februar 2008 fällte das Bundesverfassungsgericht ein historisches Urteil. Als Abschluss der Auseinandersetzung um den Bundestrojaner – im Amtsdeutsch „Online-Durchsuchung“ – verkündete das höchste deutsche Gericht ein neues Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme. Es setzte damit sehr hohe Hürden für Geheimdienste und Ermittlungsbehörden, wenn diese die Computer von Bürgern infiltrieren wollen, um an deren digitale Lebensspuren und Daten zu gelangen. Das Urteil enthält jedoch eine Passage, die bei aufmerksamen Beobachtern schon bei der ersten Lektüre sorgenvolles Stirnrunzeln hervorrief: Es ist der Abschnitt zur sogenannten „Quellen-Telekommunikationsüberwachung“.

Die Regierung und Vertreter der Ermittlungsbehörden hatten in der Karlsruher Verhandlung vehement argumentiert, dass sie eine Möglichkeit brauchten, etwaige verschlüsselte Kommunikation schon auf dem Computer des Verdächtigen abzufangen, bevor sie verschlüsselt wird. Das Gericht mochte sich diesem Begehren nicht ganz verschließen und ließ eine sogenannte „Quellen-Telekommunikationsüberwachung“ zu – allerdings nur, „wenn sich die Überwachung ausschließlich auf Daten aus einem laufenden Telekommunikationsvorgang beschränkt. Dies muss durch technische Vorkehrungen und rechtliche Vorgaben sichergestellt sein.“

Eingriffe von unkontrollierbarer Tiefe

Wie denn eine derartige Sicherstellung in der Praxis technisch funktionieren sollte, war schon während der mündlichen Anhörung zum Bundestrojaner in Karlsruhe ein höchst umstrittener Punkt. Das Gericht hatte die Gefahren jedenfalls erkannt und schrieb: „Wird ein komplexes informationstechnisches System zum Zweck der Telekommunikationsüberwachung technisch infiltriert (,Quellen-Telekommunikationsüberwachung‘), so ist mit der Infiltration die entscheidende Hürde genommen, um das System insgesamt auszuspähen. Die dadurch bedingte Gefährdung geht weit über die hinaus, die mit einer bloßen Überwachung der laufenden Telekommunikation verbunden ist.“

© Chaos Computer Club Vergrößern Staatstrojaner: So funktioniert der Code

Der technische Hintergrund dieser Bedenken ist, dass ein einmal auf einem Computer installiertes Hintertürprogramm problemlos so ausgelegt werden kann, dass es Funktionen enthält oder diese über das Netz nachladen könnte, welche über das verfassungsrechtlich Zulässige weit hinausgehen. Über diese Hintertürfunktionen könnte dann unkontrollierbar tief in den geschützten Kernbereich der privaten Lebensgestaltung des Betroffenen eingegriffen werden.
Seit dem Urteil sind mehr als drei Jahre vergangen, und die deutschen Ermittlungsbehörden sind nicht untätig geblieben.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Verschlüsselungsdebatte Die digitale Wohnung und ihr staatlicher Nachschlüssel

Kann ein Staat einfach bestimmen, wer Verschlüsselungstechniken anwenden darf? Über Generalverdacht im Kampf gegen den Terror und den heimlichen staatlichen Zweitschlüssel. Mehr Von Constanze Kurz

27.01.2015, 20:57 Uhr | Feuilleton
Lob für Cyber-Angriff Hacker greifen Sony für den Frieden an

Die Hackergruppe Guardians of Peace soll die Server von Sony gehackt haben. Der Angriff scheint wegen des Films Das Interview ausgeführt worden sein, den Sony in den Verleih bringt. Dieser handelt von zwei Journalisten, die den nordkoreanischen Staatschef Kim Jong-un umbringen wollen. Die Hacker fordern, dass der Film nicht gezeigt wird, damit der Frieden in der Region nicht gefährdet würde. Nordkorea stritt ab, dass das Land selbst hinter dem Angriff stecke, fand aber lobende Worte für die Verantwortlichen. Mehr

09.12.2014, 15:55 Uhr | Feuilleton
Cyber-Angriffe NSA infiltrierte Nordkorea lange vor dem Sony-Hack

Nach einem Zeitungsbericht war der amerikanische Geheimdienst schon Jahre vor der Cyber-Attacke auf Sony in nordkoreanischen Computernetzen unterwegs. Den drohenden Angriff erkannte die NSA trotzdem nicht. Mehr

19.01.2015, 11:58 Uhr | Politik
The Interview Sony-Film kommt in den Giftschrank

Die Komödie The Interview soll nach Drohungen von Hackern gegen Kinobetreiber nicht mehr veröffentlicht werden. Sony kündigte nun an, ebenfalls auf eine digitale Veröffentlichung verzichten zu wollen. Mehr

18.12.2014, 15:32 Uhr | Gesellschaft
Siegszug eines Messenger WhatsApp erobert die Welt

Als private Mitteilungszentrale für Freunde und Familie bis hin zum Gruppenchat mit dem Klassenlehrer: Jeder hat sie, jeder nutzt sie. Was steckt aber hinter dem sagenhaften Aufstieg von WhatsApp? Mehr Von Michael Spehr

20.01.2015, 12:12 Uhr | Technik-Motor
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.10.2011, 14:40 Uhr

Der süße Qualm von Anarchie

Von Mark Siemons

Seit die Menschen nur noch gesund leben wollen, geraten Raucher immer mehr unter Rechtfertigungszwang. Eine Podiumsdiskussion in Berlin feierte nun das Recht auf lasterhaftes Leben. Mehr 1