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Ein afghanischer Filmschauspieler wird bedroht : Der falsche Talib

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Sein Leben war ruhig, dann spielte er eine Filmrolle als Gotteskrieger und Vergewaltiger: Massi Mowrat in Berlin Bild: Andreas Pein

Der Afghane Massi Mrowat ist Schauspieler, sein Vater war Diplomat in Berlin. Bis Massi einen Talib spielte, der keiner Seite ins Konzept passt. Jetzt fürchtet die Familie die Rache der Gotteskrieger.

          Massi Mrowat sitzt vor seinem Laptop am Küchentisch, aber so entspannt wie früher klappt der 19-Jährige ihn nicht mehr auf. Wegen Leuten wie Mard Mudschahed, der schrieb ihm am 26. Februar 2013 um 23:26 Uhr: „Hallo du Hurensohn, du afghanischer Hund, Sohn eines Russen, wie geht’s der Muschi deiner Mutter...“ Und das ist noch harmlos.

          Mudschahed, was übersetzt „Gotteskrieger“ heißt, hat nur in einem Punkt recht: Massi ist Afghane. Er lebt seit drei Jahren mit seiner Familie in Berlin, und bis vor kurzem war er Abiturient mit Schauspielambitionen und sein Vater Abdul Mrowat Erster Sekretär in der afghanischen Botschaft. Vater, Mutter und vier Kinder lebten in einer großzügigen Diplomatenwohnung in Pankow, Vater Abdul wollte diesen Sommer zurück nach Kabul. Die Kinder sollten noch das Schuljahr beenden und dann nachkommen. Soweit der Plan. Dann feierte Massi seine erste Filmpremiere.

          Ein Vergewaltiger, mehr Junge als Mann

          Seine Rolle: ein stotternder, verunsicherter Talib in Atiq Rahimis Romanverfilmung „Der Stein der Geduld“. Regisseur Rahimi, selbst Afghane, erhielt für sein gleichnamiges Buch im Jahr 2008 den Prix Goncourt, der Film läuft seit Mitte Oktober auch in den deutschen Kinos. Er brach gleich reihenweise afghanische Tabus: Es geht um häusliche Gewalt, die katastrophale Situation der Frauen, und nebenbei wird ganz selbstverständlich über Masturbation, One-Night-Stands und Prostitution gesprochen, und zwar von einer Ehefrau, die das nur laut macht, weil ihr Mann vor ihren Füßen im Wachkoma liegt und sie deshalb weder verprügeln noch vergewaltigen kann.

          Doch ihre neu gewonnene Selbstbestimmung reicht nur bis zum nächsten Mann, und diesen spielt Massi Mrowat. Ein Talib, mehr Junge als Mann, der eines Tages in ihrem Haus steht, hinter zerbombten Mauern und Plastikplanen, und sie für eine Prostituierte hält. Er sucht Trost, sie verweigert sich ihm, aber ihr Nein ist wertlos. Der Junge vergewaltigt sie und sackt danach hilflos über ihr zusammen. In der nächsten Szene sieht man sie nackt beim Duschen, allein, gedemütigt auf dem Wannenrand kauernd. Wer genau hinsieht, meint eine Brustwarze zu erkennen, vielleicht war sie auch nur ein Schatten. In Afghanistan hat das vor Atiq Rahimi noch keiner gewagt.

          Eine „Atombombe von Reaktionen“

          Entsprechend die Reaktionen: Seit der Premiere schreiben Massi Leute wie Mudschahed, aus Afghanistan, aus Pakistan, aus der ganzen Welt, auf Dari, Deutsch und Englisch. Sie beleidigen ihn und rufen in Foren dazu auf, ihm endlich zu zeigen, was der Islam für ihn vorsehe: den Tod. Mit Drohungen der Taliban hatte Massi gerechnet, weil der von ihm gespielte Gotteskrieger kein stolzer Märtyrer ist, sondern ein Kriegskind – rekrutiert, misshandelt und verdammt einsam in diesem Land, von dem die letzten Kriegsjahrzehnte nicht mehr als ein Gerippe ließen. Womit er nicht gerechnet hat, war diese „Atombombe von Reaktionen“, die nicht nur ihn, sondern seine ganze Familie und vor allem seinen Diplomaten-Vater traf.

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