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„Ehrenmorde“ Tatmotiv Kultur

 ·  Nach der Tötung einer Berliner Kurdin wächst das Erschrecken darüber, daß es auch bei uns „Ehrenmorde“ gibt. Was bedeutet es für Recht und Integrationspolitik, wenn Verbrechen aus kulturellen Gründen begangen werden?

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Seit dem 7. Februar, als die 23 Jahre alte Hatun Sürücü an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof erschossen wurde und drei ihrer Brüder unter Tatverdacht stehen, weiß jeder, was ein „Ehrenmord“ ist: ein Mord in der Familie, der sich auf Traditionen und Kultur beruft, auf Vorstellungen von Frauen, Ehre und Macht des Kollektivs, die außerhalb dieser Kultur nur als ebenso grausam wie aberwitzig und ungerecht gelten können.

Die Frage, über die allmählich eine Diskussion in Gang kommt, ist bloß, was daraus folgt. Was bedeutet die „Kultur“ als Motiv für eine Tat, an deren Verwerflichkeit es keinen Zweifel gibt, für das Verständnis von Toleranz, Integration und Recht? Ist die Kultur, wie manche das bisher annahmen, ein mildernder Umstand? Oder macht sie das Übel nicht noch größer?

Ein „Diversity-Workshop“

Als der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) dieser Tage zu einem „Strategiegespräch“ zu den Vorfällen einlud, war die Scheu, überhaupt von einer bestimmten Kultur zu sprechen, mit Händen zu greifen. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening forderte, diplomatisch abstrakt bleibend, verbesserten Frauenschutz und mehr „Täter-Arbeit“; eine Vertreterin des TBB bot der Oberschule, an der einige Schüler Verständnis für den Mord geäußert hatten - das Opfer habe doch „wie eine Deutsche“ gelebt -, einen „Diversity-Workshop“ an.

Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern klagten darüber, daß sie nicht genug Mittel haben, um bedrohte Frauen nicht nur zu schützen, sondern ihnen auch eine ihre Unabhängigkeit sichernde berufliche Ausbildung zu verschaffen. Der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky gab zwar sein Unbehagen an der Ergebnislosigkeit von Resolutionen zu Protokoll, doch auch er zeigte sich ratlos darüber, wie die „sich verfestigenden Blöcke“ aufzubrechen seien, die Familien oft gegen ihren Willen gefangennähmen. Nicht anders erging es Bildungs-Staatssekretär Thomas Härtel, der von der Schwierigkeit sprach, „alle Organisationen an einen Tisch zu bekommen“.

Die kulturelle Konkretion

Den Sprung in die kulturelle Konkretion wagte erst gegen Ende ein Mann, der die Veranstalter dafür kritisierte, daß keine Kurden-Vertreter eingeladen worden seien: „Wir sind alle aus der Türkei, aber wir sind nicht alle Türken“, sagte er gegen die semantische Linie des türkischen Staats, der in seinem Machtgebiet nur „Türken“ kennt, selbst wenn eine Differenzierung die tatsächlichen Türken entlasten würde.

Giyasettin Sayan, der für die PDS im Präsidium des Berliner Abgeordnetenhauses sitzt, sagte, daß die meisten Täter und Opfer der in Deutschland zuletzt bekanntgewordenen Ehrenmorde aus einem eng umgrenzten Territorium in Ost-Anatolien stammten, das überwiegend von Kurden bewohnt wird. Diese Gebiete hätten ihre alte Stammesstruktur über Jahrtausende hinweg bewahrt, während die türkischen Clans schon von der osmanischen Zentralregierung weitgehend zerschlagen worden seien. Nach einem großen Erdbeben seien 1964 viele Bewohner dieser Gebiete nach Deutschland ausgewandert und hätten ihre Traditionen auch hier beibehalten, aufgefrischt durch häufige Besuche in der ostanatolischen Heimat, aus denen sich oft Heiraten und Nachzüge ergeben.

Pflicht zur familiären Loyalität

Sayan ist selber Kurde. Seit seinem Ingenieurstudium in Darmstadt, sagt er, sei er eng mit der deutschen Gesellschaft verbunden, doch in der Krise erfasse auch ihn die Pflicht zur familiären Loyalität. Vor vierzehn Jahren konnte er ein Mädchen, das aus seiner Heimatstadt stammt, vor einem Ehrenmord bewahren. Sie war zwangsweise mit ihrem Cousin in der Türkei verlobt worden, aber sie floh und heiratete in Berlin einen Kurden, den sie liebte.

Vergeblich versuchte Sayan die Familie davon zu überzeugen, daß das Problem nur im Wissen um die Verlobung bestand: Wenn man die Verlobung einfach leugne, stelle sich auch die Frage der Ehre nicht mehr. Schließlich konnte er den Vater dazu bewegen, seine Tochter „bloß“ zu verstoßen, um nicht auch noch das Leben des für die Tötung vorgesehenen Sohnes zu zerstören. Die junge Frau lebte also weiter in Neukölln und bekam im Lauf der Jahre fünf Kinder.

Tragische Fortsetzung

In diesem Januar nun fand die Geschichte eine tragische Fortsetzung. Der Mann, den sie damals aus Liebe geheiratet hatte, lauerte ihr im Hausflur auf und erwürgte sie. Sie hatte vor ihm, der zum Alkoholiker geworden war und sie und die Kinder regelmäßig schlug, Zuflucht bei deutschen Gerichten gesucht, die ein Hausverbot gegen ihn verhängten. Der Mörder wurde festgenommen, doch nun fürchten seine Brüder die Blutrache der Familie der Frau.

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