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Ehrenmal der Bundeswehr : Ein Dreiklang aus Stille, Licht und Finsternis

Ohne steinernes Pathos: das Modell des Ehrenmals der Bundeswehr Bild: picture-alliance/ dpa

Die Gefallenen gehen die gesamte Gesellschaft an: Am Donnerstag wird in Berlin der Grundstein für das neue Ehrenmal gelegt, mit dem die Bundeswehr der Soldaten gedenken will, die im Dienst ums Leben gekommen sind. Die Idee dazu kam dem Verteidigungsminister in Afghanistan.

          Friedrich Lengfeld ist vermutlich der einzige Soldat der deutschen Wehrmacht, dem seine alliierten Kriegsgegner ein Denkmal gesetzt haben. Auf dem Gedenkstein, den die Veteranenvereinigung der 22. US-Infanteriedivision auf dem Ehrenfriedhof des Eifeldorfs Hürtgen für Lengfeld errichten ließ, steht ein abgewandeltes Zitat aus dem Johannes-Evangelium: „No man hath greater love than he who layeth down his life for his enemy.“ - „Niemand hat größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seinen Feind.“ Lengfeld hatte am 12. November 1944 während der Schlacht im Hürtgenwald versucht, einen amerikanischen Verwundeten aus einem Minenfeld vor den deutschen Linien zu bergen. Dabei geriet er selbst auf eine Mine und wurde tödlich verletzt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenn man sich fragt, wofür Friedrich Lengfeld gestorben ist - nicht, wofür er zuvor gekämpft hat -, dann lautet die Antwort: für eine Vorstellung von Humanität, die er auch in der Uniform von Hitlers Armee nicht aufgeben wollte. Und damit berührt sich Lengfelds Schicksal mit dem der deutschen Soldaten, die seit Mitte der neunziger Jahre bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr in Bosnien, im Kosovo oder in Afghanistan ihr Leben verloren haben. Auch sie starben nicht für irgendein strategisches Ziel - es gibt keine deutschen Territorialinteressen am Hindukusch oder in Südosteuropa - oder gar für die Ehre der Nation, sondern für einen Begriff von Menschenrechten und von menschenwürdigem Dasein, dem sie mit ihrem Dienst in Krisengebieten Geltung verschaffen wollten. Sie starben dafür, dass sich Serben und Albaner nicht gegenseitig abschlachten, dass afghanische Städte Schulen und Krankenhäuser erhalten und Frauen ihr Gesicht auf der Straße zeigen dürfen, ohne gesteinigt zu werden.

          „Gefallene“ gehen die ganze Gesellschaft an

          Heute wird in Berlin der Grundstein für das neue Ehrenmal gelegt, mit dem die Bundeswehr der mehr als zweieinhalbtausend Soldaten und Zivilangestellten gedenken will, die seit ihrer Gründung im Jahr 1955 im Dienst ums Leben gekommen sind. Die überwiegende Mehrzahl der Toten sind Unfallopfer, aber der Anteil derjenigen, die bei Anschlägen in Krisenregionen getötet werden, nimmt zu. Jeder weiß, dass sie der eigentliche Anlass für das Ehrenmal sind. Die Idee für das Bauwerk ist dem Bundesverteidigungsminister bei einem Truppenbesuch in Afghanistan gekommen. Inzwischen spricht er selbst, wenn er die Toten von Kundus meint, von „Gefallenen“. Das verändert die Gedenkperspektive. Unfallopfer, etwa bei Manövern, sind eine Angelegenheit der Bundeswehr. Gefallene sind eine Angelegenheit der ganzen Gesellschaft.

          Der Entwurf des Münchner Architekten Andreas Meck für das Ehrenmal sieht einen vierzig Meter langen, von Säulen getragenen Kubus aus Stahlbeton vor, der an den Längsseiten mit Eingängen versehen und mit einer Fassade aus Bronzeblech verkleidet ist. Darin sind kleine Halbkreise eingestanzt, die an die abgebrochenen Erkennungsmarken toter Soldaten erinnern sollen. Im Inneren des Bauwerks dient ein viereckiger Raum, der nur durch eine Deckenöffnung Licht erhält, dem eigentlichen Totengedenken. Ein Block aus Nagelfluh, einem Sedimentgestein aus den Voralpen, bildet den Mittelpunkt dieser „cella“. Auch die Namen der Gefallenen sollen dort verzeichnet werden.

          Kein versteinertes Hurra

          Mecks Entwurf lässt keine Wünsche offen. Die Frage, wie ein Kriegerdenkmal in einer Zivilgesellschaft auszusehen habe, beantwortet er ebenso einfach wie schlagend, indem er den Krieger aus dem Bild nimmt. Der Berliner Kubus ist kein versteinertes Hurra, sondern ein Dreiklang aus Stille, Licht und Finsternis. Das Problem des Ehrenmals ist nicht seine Form, sondern seine Lage. Die Hildebrandstraße, an der es stehen soll, bildet den westlichen Abschluss des Bendlerblockgeländes am Tiergarten. Damit rückt das Monument zwar in unmittelbare Nachbarschaft zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand, aber in denkbar große Entfernung zum Machtzentrum der Republik am Spreebogen. Diese Randlage wird künftigen Regierungen zu schaffen machen, wenn sie ihren Wählern erklären wollen, warum deutsche Soldaten im Mittleren Osten oder am Horn von Afrika ihr Leben lassen müssen. Sie macht das Totengedenken zur Dienstsache der Bundeswehr, statt es in den Mittelpunkt der staatlichen Symbolik zu stellen, direkt neben den Reichstag oder das Stadtschloss.

          Denn darum geht es - einer Nation, die vom Krieg nicht mehr wissen will, als dass er weit jenseits ihrer Grenzen stattfindet, den Preis vor Augen zu führen, den andere für ihre Ruhe und Sicherheit zahlen müssen. Es war nicht der abtretende amerikanische Präsident Bush, sondern sein Nachfolger Barack Obama, der die Deutschen in Berlin zu verstärktem militärischen Einsatz für die Menschenrechte überall auf der Welt aufgerufen hat. Der Humanismus des Friedrich Lengfeld war eine einsame, unerwünschte Tat, der humanitäre Einsatz heutiger deutscher Soldaten ist eine nationale Anstrengung. Das sollte sich nicht nur in der Einrichtung von Denkmälern spiegeln, sondern auch in ihren Standorten. Schließlich hält die Bundeswehr in Kundus nicht für den Verteidigungsminister den Kopf hin. Sondern für uns.

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