26.05.2011 · Die Ehec-Infektionswelle traf die Bevölkerung wie aus heiterem Himmel. Dabei ist schon lange bekannt, dass viele Rinderherden infiziert sind. Auch andere Infektionswege werden ausgeblendet - etwa Streichelzoos.
Von Christina HucklenbroichFür das Robert-Koch-Institut ist die Gefahr einer Ehec-Epidemie allgegenwärtig: Einmal im Monat klappern die Wissenschaftler der Überwachungseinrichtung telefonisch sämtliche Kinderdialysezentren Deutschlands ab und fragen, ob Fälle des hämolytisch-urämischen Syndroms aufgetreten sind – jener schwerwiegenden Nierenkomplikation, die mit einer Ehec-Infektion einhergehen kann. Mehr als sechzig Fälle des Syndroms registriert das Institut jedes Jahr.
Die Bevölkerung hingegen ist in dieser Woche geradezu überfallen worden von der Erkenntnis, dass ein Nahrungsmittel im Umlauf ist, von dem eine tödliche Gefahr ausgeht. Um welches Lebensmittel es sich handelt, blieb lange unbekannt. Nur eines war schnell klar: Die Ehec-Bakterien stammen mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Kot von Wiederkäuern, mit dem das verantwortliche Produkt verunreinigt worden sein musste – beim Melken, Schlachten, beim Anbau oder bei der Lagerung. Werden solche Lebensmittel anschließend roh verzehrt, können sich Menschen mit Ehec-Bakterien anstecken.
Diesmal hat man es mit einer uralten Gefahr zu tun
In die Verunsicherung, die jetzt herrscht, haben sich schnell Hilflosigkeit und Erstaunen gemischt. Anders als beim Dioxin-Skandal im Januar kann die öffentliche Debatte sich diesmal nicht auf die Suche nach Schuldigen konzentrieren, etwa Futtermittelhersteller und Massentierhalter. Man hat es diesmal mit einer uralten und lange vergessenen Gefahr zu tun: mit einer Zoonose. Diese Krankheiten können von Tieren auf Menschen übertragen werden – durch Kontakt oder durch Verzehr tierischer Produkte.
Es hat Zeiten gegeben, in denen waren Zoonosen das beherrschende Thema des Verbraucherschutzes. Noch Anfang der fünfziger Jahre starben in Deutschland jährlich etwa tausend Menschen an Rindertuberkulose, die vor allem über die Milch infizierter Kühe weitergegeben wurde. Die Hälfte der deutschen Milchkuhbestände war damals infiziert. Die Bevölkerung war entsprechend sensibilisiert: Für Kuhmilch fand sich zeitweise die Bezeichnung „der weiße Tod“. Zwar konnten viele Krankheiten eingedämmt werden, die Rindertuberkulose durch einen Sanierungsplan für die Bestände, die Trichinellose der Schweine durch die Trichinenschau. Doch mit der Erinnerung an die großen Seuchen ging auch die Vorsicht verloren.
Manche Lebensmittelinfektionen betreffen nur junge Leute
Deshalb gibt es heute Zoonosen, die vor allem Menschen zwischen 18 und 25 Jahren befallen. Dazu gehört etwa die Infektion mit dem Durchfallerreger Campylobacter jejuni. Seine rätselhafte Vorliebe für Jugendliche haben sich Risikoforscher inzwischen damit erklärt, dass diese Gruppe anfängt zu kochen, ohne über jegliche küchenhygienische Routine zu verfügen. Solche Kenntnisse werden in den Familien schlicht nicht mehr weitergegeben. Frisches Hähnchenfleisch ist laut eines aktuellen Berichtes des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit immerhin zu 47 Prozent mit Campy-lobacter verseucht. Riskant kocht, wer das rohe Hähnchen schneidet und dann den Rohkostsalat auf demselben Brett.
Auch Ehec-Keime sind keine Seltenheit. Bis zu fünf Prozent aller Kalbfleischproben, die Behörden routinemäßig untersuchen, weisen Ehec-Bakterien auf. Drei Prozent der Kälberherden und sechs Prozent der Bestände erwachsener Rinder sind infiziert. Am Robert-Koch-Institut hat man in den vergangenen Jahren nachgewiesen, dass auch im Fall von Ehec die Übertragungswege altersabhängig sind. Kinder von neun Jahren an sowie Erwachsene stecken sich durch Lebensmittel an – insbesondere durch Lammfleisch und streichfähige Rohwürste, etwa Zwiebelmettwurst. Kinder unter drei Jahren hingegen infizieren sich durch direkten Kontakt mit Wiederkäuern, also mit Schafen, Ziegen oder Rindern.
„Nach dem Streicheln Händewaschen“
Das sind Zahlen und Studien, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Gleichzeitig suchen immer mehr Menschen einen intensiven und wenig hinterfragten Kontakt zu Tieren. Die Freilichtmuseen und Bauernhofcafés mit ihren Streichelzoos am Rande der Großstädte werden zu den Orten, an denen junge Familien versuchen, das Wochenende zu überleben. Sie suchen nach einer kindgerechten Umgebung wie damals, als Kinder noch täglich beobachten konnten, wie Menschen Wolle spinnen, Ziegen melken oder Schafe scheren. Ein Schild „Nach dem Streicheln Händewaschen“ würde hier vermutlich für Irritationen sorgen.
Risiken im Zusammenhang mit der Nutztierhaltung nahm man Ende des neunzehnten Jahrhunderts aus Armut auf sich: Die Trichineninfektionen, die auf rohes Schweinemett zurückzuführen waren, betrafen damals vor allem einfache Bauern und Arbeiter. Durchgegartes Fleisch, etwa Braten, galt als Speise für Wohlhabende, denn man brauchte für die Zubereitung Zeit oder Personal; Mett war eine schnell verfügbare Proteinquelle. Heute leben wir in einer Gesellschaft, die es sich leisten könnte, auf bestimmte Risiken zu verzichten. Sie tut es nicht, weil sie sich der trügerischen Vorstellung hingibt, unsere Lebensmittel seien so sicher wie nie zuvor.
Christina Hucklenbroich Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“
Jüngste Beiträge