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Ecos „Der Friedhof in Prag“ Vorsicht, hier stinkt’s nach Schwefel!

 ·  Umberto Ecos neuer Roman erscheint am Dienstag. Er macht Italien ein giftiges Geschenk. Zu Hause in Mailand erzählt er, warum Verschwörungen so leichtes Spiel haben.

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Die Zentrale eines weltweit operierenden Konzerns ist wohl das Letzte, das man in einer unscheinbaren Bürgerwohnung an der Piazza Castello vermuten würde. Und doch hat hier mitten in Mailand, unweit von Armani und Gucci und all den teuren Firmen des Modedistrikts, ein weiterer Markenname seinen unscheinbaren Sitz. Dieser Global Player steht vor seiner Wohnungstür im zweiten Stock und empfängt den Besucher in Jeans mit Hosenträgern und mit einem Nikotinmundstück im Mund. Umberto Eco ist ein Raucher auf Entzug. Und er freut sich an diesem heißen Tag, dass kein Fotograf dabei ist. „Dann muss ich mich nicht umziehen.“

Der liebenswürdige ältere Herr hat vor knapp einem Jahr seinen sechsten Roman herausgebracht. „So ein Buch ist wie ein Kind“, erzählt er. „Die ersten beiden Jahre sind richtige Arbeit, da muss man sich kümmern.“ „Der Friedhof in Prag“, so der deutsche Titel, befindet sich gerade mit viel Geschrei in dieser Phase: Interviews, Anfragen von Lesern, für Lesungen, von Übersetzern, Reisen. Eco verfolgt zwar routiniert, doch erstaunt die Wanderungen und Wandlungen, die sein Werk nach der Geburt durchmacht.

Gerade, so erzählt er, hat sich die lettische (oder war es die estnische?) Übersetzerin gemeldet: Er hat irgendeinen Tag des Jahres 1864 zu einem Montag gemacht, doch nach dem ewigen Kalender war es ein Dienstag. Ewiger Kalender? Da muss man erst mal drauf kommen. Ecos Hochachtung vor der Exaktheit seiner Übersetzer und Ausleger (zumal der baltischen) ist schwer zu überbieten, seit er im Vorjahr eine überarbeitete Version von „Der Name der Rose“ herausbrachte. „Stellen Sie sich vor, da kommt ein Kürbis vor. Aber Kürbisse gab es im Mittelalter in Europa nicht.“ Was er an Stelle des Kürbisses eingesetzt hat? Gestrichen hat er das neumodische Gemüse. Basta.

Solche Fehlerchen, glaubt der emeritierte Semiotikprofessor, könnten ihm im Zeitalter von Internet und Ruhestand nicht mehr unterlaufen. Man kann ja alles nachschlagen. Aber da kommt der portugiesische (oder war es der katalanische?) Übersetzer des frischen Romans und weist nach, dass die Straße, in der Ecos Erzähler sein Unwesen treibt, damals anders hieß. „Ich kenne“, erzählt Eco, „das alte Paris besser als Mailand, auch darum lasse ich das Buch dort beginnen. Und ich habe einen alten Stadtplan verwendet. Doch der entscheidende Gassenname wurde damals gerade verändert.“ Jetzt muss er auf der ersten Seite eine Rue d’Amboise einfügen, damit die Geographie stimmt. Er hat das Gassengewirr erforscht und hat manche Treppe, manche Erker gefunden, die er zuvor im Roman beschrieben hat und die tatsächlich an der passenden Stelle standen. Literatur schafft ihre eigene, zuweilen phantastische, zuweilen tödliche Wirklichkeit. Davon handelt „Der Friedhof in Prag“.

Textuelle Ordnung muss sein – gerade und vor allem in der Fiktion. Niemand weiß das besser als ein Mann, der ein wissenschaftliches Lebenswerk den Verkehrsregeln des Erzählens gewidmet hat. Mit seinem neuen Roman, der am kommenden Wochenende auf Deutsch erscheint und der in Italien und den spanischsprachigen Ländern schon Millionenauflagen erzielt hat, ist Eco ein Risiko eingegangen. Er dringt ins Hirn eines verrückten Massenmörders – Simone Simonini – vor, der Juden, Freimaurer, Jesuiten, Ausländer und Frauen aufs Blut hasst. Alles durcheinander in perverser Logik und in bramarbasierender Plauderlaune, alles eingebettet in Geschichte des vorvorigen Jahrhunderts: italienische Befreiungskriege mit Garibaldi, französische Freimaurerpropaganda, russische und deutsche Geheimdienstintrigen, Bomben werfende Anarchisten und das Delirium der Dreyfus-Affäre.

Die seitenlangen Invektiven gegen den Gestank der Franzosen und die Exkremente der Deutschen und die Dummheit der Frauen, gegen die Freiheit des Denkens und für den Spaß des Mordens und vor allem die haarsträubendsten Hassattacken auf alles Jüdische haben erstaunlich wenig politkorrekte Kritiken hervorgerufen. Eco kennt den Grund: „Ich habe ja nichts erfunden, außer der Hauptfigur.“ Zudem verstehen offenbar immer mehr Leser zwischen der Ansicht des Autors und der Ansicht seiner Figuren zu trennen. Auch der Vorwurf, er verbreite Hasstexte, lässt Eco an diesem heißen Tag kalt: „Sie finden doch all das per Mausklick im Internet. Die ganze Welt ist ohnehin voll davon.“

Wer ist schuld am Elend der Welt?

Der harmlos dreinblickende Herr wirkt ganz und gar nicht, als hätte er Spaß am Verharmlosen, als kokettiere er mit dem explosiven Irrsinn seiner raffinierten Textcollage. Hier hat kein agent provocateur der Geistesgeschichte sein Unwesen getrieben, mit Enthüllungen geworfen wie mit Handgranaten und mit den mörderischsten Ideologien geflirtet. Eco hat sich, geduldig und großartig dokumentiert wie stets, als Chronist der beliebtesten Verschwörungstheorien in Europas Geschichte betätigt. Ein Wasserstandspegel der Dummheit: Jesuiten unterminieren die Demokratie; Freimaurer verhuren die Massen; Juden basteln an der Weltherrschaft; Geheimdienste entscheiden Kriege zugunsten Dritter. Olle Kamellen. Neu ist nur, dass hier jemand den Wahnsinn von innen beschreibt.

Wer ist schuld am Elend der Welt? Welches teuflische Hirn steckt hinter den verwickelten Geschichten? Eco weiß, dass es keinen Mastermind gibt – außer dem Autor eines Romans. Und als Romanschreiber führt er – hier in den Fußstapfen seines Zweitlings „Das Foucaultsche Pendel“ – die diabolische Wirkmacht von gefälschten Dokumenten und erfundenen Verschwörungen vor. Die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“, die von einem Weltherrscherplan irgendwelcher Rabbiner fabulieren und von 1900 an vor allem vom russischen Geheimdienst als echtes Dokument in Umlauf gebracht wurden, lässt Eco seinen Bösewicht Simonini ersinnen. Der Autor zweifelt und verzweifelt nicht daran, dass wir immer noch in den Verschwörungen des neunzehnten Jahrhunderts leben. Sie ermöglichten einfachen und zynischen Gemütern, die Revolution zu verstehen, sie reduzierten das Durcheinander der modernen Welt auf eine schlüssige, böse Fabel. Wie mächtig die Geschichte der verschwörerischen Rabbiner auf dem Prager Judenfriedhof dann wirklich werden sollte, deutet Eco am Ende deutlich an, indem er Simonini von der „Endlösung“ schwärmen lässt. Am Gebräu der Groschenheft-Intrigen und bebilderten Hasstraktate hat der junge Hitler sich in Wien berauscht.

Das Leben des Lügners ist seine Erfindung

Dass solche Kriminalhandlungen der Historie simpel erfunden und gefälscht waren, tat ihrem Erfolg keinen Abbruch. „Das Problem der Lüge ist grundlegend für die Semiotik“, wagt Eco einen Exkurs in seine andere, wissenschaftliche Existenz. Was bedeutet der Wahrheitsgehalt für eine These? Wenig genug, sagt der desillusionierte Autor der Postmoderne. Wörter, weiß Eco, sind gefährlich, Wörter erschaffen ihre eigene Wirklichkeit, Wörter können töten.

Er beißt auf sein Nikotinmundstück und zeigt dem Besucher eine sorgsam ausgestaltete Doppelvitrine mit alten Büchern und Stichen. „Vorsicht! Hier stinkt’s nach Schwefel“, kommentiert Eco seine Schätze: all die pathetischen und vollmundigen Feuilletonromane über eine doppelte Wahrheit, all die Pamphlete über „La France juive“, über vermeintliche Orgien der Freimaurerei und fremdgesteuerte Regierungen. In exakt diesem Stil, mit verwaschenen Bildchen und einer antiquierten Schriftart ist „Der Friedhof in Prag“ ausgestattet. Hermann Goedsche, den 1815 geborenen Erfinder der jüdischen Weltverschwörung auf dem Prager Friedhof, hat Ecos deutsche Frau Renate für ihn gelesen – sie klagt immer noch über das wirre Gemisch aus Propaganda und schlechter Prosa.

Lügen, Lügen, Lügen – und die wahrhaftige Biographie des Mannes, der sie erfunden hat. So könnte ein Leser von „Der Friedhof in Prag“ Simoninis unheiliges Wirken zwischen Paris, Palermo, München und Turin zusammenfassen. Doch Ecos Pointe kehrt alles um: Das sorgsam bis in Adressen und Uhrzeiten dokumentierte Leben des geheimdienstlichen Adabeis und Fälschers und Verkleidungskünstlers Simonini ist frei erfunden. Die abstrusen Thesen all der echten Protagonisten aber wurden leider wahr.

Verschwöungstheorie als Volkssport

Insofern ist dieser alte Herr, der in Mailand auf seinem weißledernen Sofa so harmlos an seinem Espresso nippt, ein fürchterlich pessimistischer Aufklärer: Man kann all die Fälschungen mit Logik leicht aufdecken und widerlegen. Als allwissender Autor kann Eco sogar noch Sigmund Freud im Lebenslauf seines Simonini unterbringen und ihn analytisch der Psychotherapie seiner Verbrechen unterziehen. Aber es nützt alles nichts. „Die Welt ist immer noch genauso. Die Leute“, weiß Eco, „glauben einfach alles.“ Aber wenn die Leser glauben, was in seinem neuen Roman vorkommt, dann müssten sie doch begreifen, dass all der Hass, all der Wahn unseres geistesgeschichtlichen Erbes aus kranken Köpfen stammt? Auch darauf hat Eco eine nüchterne Antwort parat. „Vergessen Sie nie, dass diese Theorien von Intellektuellen ausgebrütet und in die Welt geschickt wurden.“ An die Redlichkeit der Kollegen glaubt der Skeptiker und Ironiker Eco ohnehin nur beschränkt. Er kommt aus einem Land, in dem achtzig Prozent der Medienberichte von Fußball und Astrologie, von Verbrechen und Gerüchten handeln. In diesem kindlichen Kosmos ist die „dietrologia“ – das Forschen nach dem Dahinter – zum Volkssport geworden. Diesem, seinem Italien hat Eco im „Friedhof in Prag“ nebenbei ein vergiftetes Geschenk zum 150. Geburtstag bereitet: Der heroische Volksaufstand in Sizilien, Garibaldis „Marsch der tausend“ gegen die Bourbonen – bei Eco ist das alles mit britischem Geheimdienstgeld finanziert.

Handelt es sich da nicht auch um eine Komplott-Theorie? „Aber sicher“, antwortet Eco ausnahmsweise ein wenig sinister, „manche Verschwörungen gab es wirklich. Denken Sie nur an die Ermordung von Cäsar oder an Catilina.“ Und er erinnert an die italienische Geheimloge P2, deren Rituale so verdächtig an einen geschmacklosen Freimaurer-Roman erinnern. „Die P2-Mitglieder, Berlusconi inklusive, sitzen heute alle in der Regierung“, sagt Eco und weist dann gleich wieder darauf hin, dass derselbe Berlusconi perfekt mit den Klischees kollektiver Feinde und Geheimgesellschaften seine Stimmen fängt: Alle Albaner sind Verbrecher. Oder: Die Kommunisten wollen euer Erspartes. „Der Mann hat damit die Wahlen gewonnen, obwohl es in Italien gar keine Kommunisten mehr gibt.“

Die Macht des Buches

Die umgebende Wirklichkeit unter dem Mailänder Berlusconi hat Eco inmitten seiner Bücher mehr oder weniger geduldig zu ertragen gelernt. Viele Tausende davon beschirmen ihn in der Stadtwohnung hier oder im Landhaus in den Marken, wo er auf klimatisch angenehmen achthundert Höhenmetern fünf Jahre an seinem neuen Buch gebastelt hat. Das Internet ist Eco dabei als Riesenlexikon willkommen, elektronische Bücher jedoch hat er seiner Tochter weitergeschenkt: „Damit verliere ich nur meine Zeit.“

Gibt es schon ein neues Buchprojekt? Nein. Der Meister ist noch zu sehr mit der Kleinkindphase des aktuellen Romans beschäftigt. Windeln wechseln, Brei anrühren ... Er freut sich auf einen Kurztrip nach Amerika und vorher den Besuch bei der Frankfurter Buchmesse, dem Zentrum aller inner- und außerliterarischen Komplotte. Seit 1959 fährt Eco jedes Jahr dorthin auf seiner ganz persönlichen Pilgerschaft zum Gedruckten. Er hat dort sogar geheiratet und ist, wie er erzählt, die ersten Jahre immer nur in fürchterlichen Absteigen untergekommen.

Wenn der Weltkonzern Umberto Eco nun sein neues Produkt auf den deutschen Markt bringt, dann tut er das im guten Glauben an die Macht des Buches. Schließlich hat er in harter Arbeit Schundliteratur zur Lesbarkeit geadelt, hat Hasstiraden in ein Dokument der Aufklärung umgedichtet und lässt vergessene Bösewichter der Geschichte als Clowns in einem tödlichen Drama noch einmal auftreten. Sein Motto: Glauben Sie nur einer Theorie, die Sie selbst gefälscht haben!

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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