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„Economics of the Commons“-Konferenz Kartoffeln im Kollektiv

Der egoistische Kapitalismus hat abgewirtschaftet. Aber können Gemeingüter die Welt retten? Auf einer Konferenz der Böll-Stiftung traut man den „Commons“ fast alles zu.

© ZB Vergrößern Ob die Saat gutmeinender Ideen aufgeht? Biologischer Kartoffelanbau in Brandenburg

Das Gebäude der Heinrich-Böll-Stiftung ist ein grünschimmernder Glasquader in der Mitte Berlins. Das Zentrum des Gebäudes und dessen zentrale architektonische Idee bildet eine überbreite Treppe, die aus dem Foyer in den ersten Stock zu den Auditorien führt. Darauf ist ein Teppich verklebt, der fast fotorealistisch eine Herde Schafe zeigt, die auf sattgrüner Wiese zu den Vortragssälen strömt. Die Schafsherde ist aber keine Selbstironie, sondern eine Anspielung auf Heinrich Bölls bekannte Irland-Begeisterung.

„Habt keine Angst vor Utopia!“, ruft Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Böll-Stiftung, den Teilnehmern der Konferenz „Economics of the Commons“ zu. Hier soll das Gemeingutkonzept als Erlösungsmöglichkeit diskutiert werden. Während in den Sozialwissenschaften bei Commons, also Gemeingütern, meist pessimistisch vom Gemeingutproblem oder der „tragedy of the commons“ die Rede ist, entwickelte die vor einem Jahr verstorbene Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom Regeln, wie gemeinsames Eigentum nicht dem Egoismus einzelner Teilhaber zum Opfer fällt. Voraussetzungen sind etwa eine klare Abgrenzung der Nutzungsgemeinschaft und klare Regeln mit Sanktionierung bei Nichteinhaltung. Die Konferenz wagt nun den großen Wurf: Commons sollen das Organisationskonzept der Weltgesellschaft werden, schließlich seien sowohl der staatliche als auch der marktwirtschaftliche Ansatz gescheitert. Die egoistische Denkweise, die der Kapitalismus kultiviere, untergrabe alle Gemeingutansätze. „Colonisation of our minds“ nennt man das hier - und fordert die „commonification of our minds“.

Walt Disney ist der Feind

Einzelfallbeispiele sorgen für einiges Staunen darüber, was jenseits von Markt und Staat möglich ist. Dabei geht es um gemeinsames Brotbacken in Leipzig, kollektiven Kartoffelanbau in Peru und immer wieder um freiwillige Online-Kollaborationen, die Officesuiten und Enzyklopädien erschaffen. Walt Disney und das aktuelle Banken- und Währungssystem sind die Feindbilder: Disney als Prototyp des Gemeingutschmarotzers, der sich für seine Zeichentrickfilme volkstümlicher Märchen bedient, dafür aber nichts zurückgegeben habe. Das Bankensystem wiederum versklave die Menschen - von einem „Schuldenmonster“ spricht Jim Bendell, ein Professor der University of Cumbria, und lobt im Gegenzug lokale Gemeinschaftswährungen oder Online-Währungen wie den Bitcoin. Die Währungen sind für ihn der Punkt, wo der revolutionäre Hebel anzusetzen sei.

Leider werden keine Visionen für die Zeit nach der geplanten Revolution genannt. So bleibt nur die Extrapolation aus den zahlreichen Beispielen. Demzufolge strebt die Commons-Bewegung nach einer segmentären Subsistenzwirtschaft mit Internetanschluss und selbstgedrucktem Geld. Folgerichtig warnt Stefano Rodotà, römischer Rechtsprofessor und ehemaliger Präsidentschaftskandidat, vor einem „neuen Mittelalter“.

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Die Revolutionsfreude bei gleichzeitiger Visionslosigkeit ist kein Widerspruch, der den „Commoners“ zu schaffen macht. Das liegt zum einen daran, dass sie meinen, die Lösung würde sich schon ergeben, wenn alle erst ihr kapitalistisches Denken abgeschüttelt hätten. Zum anderen glauben Sie bedingungslos an das Gute im Menschen, das nur von schädlichen Institutionen, namentlich Markt und Staat, auf falsche Bahnen gelenkt wird. Das Internet liefert die metaphorischen Grundstoffe für diese Denkweise. Hier erfordert eine Revolution keinen Umsturz des Systems, stattdessen wird es gehackt. Güter lassen sich beliebig vervielfältigen, indem man sie teilt. Und wenn Hobbyingenieure in Online-Kollaboration ein Auto entwerfen, betrachtet man die Produktion schon als erledigt. Die Beschränkungen der materiellen Welt werden mittels Internetlogik ignoriert.

Silke Helfrich, die Hirtin der Veranstaltung, bricht die politischen Forderungen der „Commoners“ auf ein allzu menschliches Bedürfnis herunter: Man wolle in einem System leben, das auf Relationen und nicht auf Transaktionen beruhe. Ähnliche Dichotomien sind Evergreens der Soziologie. Emile Durkheim unterschied mechanische von organischer Solidarität, Ferdinand Tönnies Gemeinschaft von Gesellschaft, und Max Weber abstrahierte daraus seine Begriffe von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung. Die wettbewerbsmüden und harmoniebedürftigen „Commoners“ könnten bei ihm nachlesen, dass Vergemeinschaftung zwar der radikalste Gegensatz zum Existenzkampf sei. Dies dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, „dass tatsächlich Vergewaltigung jeder Art innerhalb auch der intimsten Vergemeinschaftungen gegenüber dem seelisch Nachgiebigeren durchaus normal ist und dass die ,Auslese‘ der Typen innerhalb der Gemeinschaften ganz ebenso stattfindet und zur Verschiedenheit der durch sie gestifteten Lebens- und Überlebenschancen führt wie irgendwo sonst“.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 30.05.2013, 16:39 Uhr

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