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Eberhard Rathgeb Oma Wolf: „Rotkäppchen“

09.01.2006 ·  In „Rotkäppchen“ wird ein Mädchen gleichsam auf seinen langen Lebenslauf als Frau hinausgeschickt in den Wald. Das Märchen nährt die Hoffnung, daß nicht alle Männer schlecht sind.

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Ich mag eigentlich keine Märchen, aber unter den Märchen, die ich nicht mag, mag ich am liebsten die Grimmschen Märchen. Denn hier kann man einiges über das Leben im Allgemeinen und die Familienbeziehungen im Besonderen lernen - ja, fast kommt es mir so vor, daß in einigen der Grimmschen Märchen sich das Wissen und die Weisheit von Familientherapeuten aus tiefen dunklen Tannenwäldern angesammelt hat. Da nun damals aber keine Familientherapeuten praktizierten, so füllten diese Lücke der Seelenheilung eben die Märchen.

Vor allem die Mitglieder von Patchwork-Familien können bei der Lektüre Grimmscher Märchen ins Staunen geraten. „Aschenputtel“, „Hänsel und Gretel“, „Schneewittchen“: diese drei, nur zum Beispiel, handeln von den schweren Problemen, die Kinder mit ihren Stiefmüttern und Stiefschwestern haben. Die Familie war schon in den Märchenzeiten nicht intakt. In anderen Grimmschen Märchen finden wir Erläuterungen zur aufblühenden Sexualität und den damit einhergehenden Krämpfen und Kämpfen, wie im „Froschkönig“ oder in „Rapunzel“.

Vom Wolf vernascht

In „Rotkäppchen“ nun wird ein Mädchen gleichsam auf seinen langen Lebenslauf als Frau, der bis zum Stadium der Großmutter reichen soll, von der sorgenden Mutter hinausgeschickt - und die Mutter, welche die auf diesem Wege des Weibes lauernden Gefahren kennt (sie hat ja ein Kind in die Welt gesetzt), möchte die Kleine da heil hindurch bugsieren. Doch das Mädchen kommt in aller Unschuld vom rechten Wege ab - sie läßt sich vom erfahrenen Wolf, der in der Kleinen einen hübschen Happen schnuppert, verführen und wird prompt vom Wolf vernascht.

Von den Grimmschen Märchen bleiben einem immer nicht nur die schönen Bilder in den schönen alten Kinderbüchern in Erinnerung, sondern vor allem die Sprüche: wie „Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter“. Hier nun unvergleichlich kokett und grotesk (der Wolf mit der Nachthaube im Bett) das in Liebesdingen unerfahrene Mädchen Aug in Aug mit dem gewieften Verführer, in dem das Mädchen partout die Großmutter sehen möchte: „Großmutter, warum hast du so große Augen?“, „Großmutter, warum hast du so große Hände?“, (lauter, zitternder, bebender, ängstlicher, erwartungsvoller:) „Großmutter, warum hast du so einen großen Mund?“ Da ist sie auch schon weg. Zum Glück kommt zur rechten Zeit der liebe Jäger vorbei, das ist der gute Schwiegersohn aller Zeiten, die auf dem rechten Wege liegen. Er hat das Mädchen und die Oma in einem Rutsch erlöst, den Wolf erlegt und auf diese Weise die vage Hoffnung der Mütter genährt, daß nicht alle Männer schlecht sind, weder in der Jugend noch im Alter.

Die Kinder- und Hausmärchen, versehen mit Anmerkungen der Brüder Grimm, gibt es im Reclam Verlag für 29,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 10.01.2006, Nr. 8 / Seite 33
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