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East Side Gallery Mauer-Fall

 ·  Ein Investor reißt für Luxuswohnungen Lücken in die Berliner East Side Gallery und Tausende protestieren. Denn was wäre Berlin ohne Mauer?

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Am vergangenen Wochenende haben einige tausend Berliner versucht, den Abriss der Berliner Mauer zu verhindern. Es handelt sich bei dem betroffenen Stück um die sogenannte East Side Gallery, die mit tausenddreihundert Metern den längsten erhaltenen Mauerstreifen der Stadt bildet. Außerdem wurde er von Künstlern bemalt, weshalb er gern als längste Freiluftgalerie der Welt bezeichnet wird. Darüber hinaus stehe er für die Erfahrung der geteilten Stadt, wie die Demonstranten den zahlreichen nationalen und internationalen Reportern in den Block diktierten, und sei als solcher ein Wahrzeichen Berlins.

Das muss dem Berliner Unternehmen, das auf dem Gelände zwischen Mauer und Spree ein Hochhaus mit Luxuswohnungen errichten will, entgangen sein, wenigstens für die paar Betonsegmente, die er am Freitag mit einem Krahn aus der Mauer herausnehmen ließ. Gleiches gilt für den Bezirk und seine Baubehörde, die dazu die Genehmigung erteilten, jetzt aber plötzlich gegen Lücken in der Mauer sind, weil inzwischen aufgefallen ist, dass die Gemälde erst vor drei Jahren für mehrere Millionen Euro restauriert worden sind. Die Bilder, wie die Polizei den Abriss bewacht, während Berliner aufgeregt herumstehen, erinnerten jedenfalls stark an jene vor gut dreiundzwanzig Jahren. Nur dass die Polizei damals Volksarmee hieß, die Leute sich freuten, statt zu demonstrieren, und es um Freiheit ging, statt um Privateigentum.

Die Stadt mit der Mauer

Aber damals gab es auch noch wesentlich mehr Mauer als Lücke. Das ist heute umgekehrt. Geschichte wiederholt sich eben nicht, sie überlebt nur als Klischee. Denn natürlich lässt sich die Teilung der Stadt an der East Side Gallery genauso wenig nacherleben wie an fast allen anderen Orten auch. Am Checkpoint Charlie stecken heute Komparsen in den Uniformen der vier Siegermächte, und die Menge der als Souvenirs in alle Welt verkauften Mauersteinchen dürfte inzwischen ausreichen, das Original zweimal wieder aufzubauen. Hat das auch nur einen Touristen gestört?

Wovon, sieht man vom Länderfinanzausgleich mal ab, soll denn Berlin leben, wenn nicht vom Klischee? Paris ist die Stadt der Liebe, Venedig  die Stadt auf dem Wasser, Berlin ist die Stadt mit der Mauer. Genauso wenig wie man da den Eiffelturm sprengen oder dort die Kanäle zuschütten würde, kann man hier die Mauer abreißen.

© reuters Vergrößern Protest gegen Teilabriss der Berliner East Side Gallery
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03.03.2013, 17:22 Uhr

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