20.07.2009 · Die Digitalisierung des Buchmarkts hat auch ihre Tücken. Das mussten zahlreiche Amazon-Kunden feststellen, deren bereits bezahlte E-Books sich plötzlich in Nichts auflösten. George Orwell, Autor der betroffenen Werke, mag es geahnt haben.
Von Felicitas von LovenbergEs ist leichter, ein Buch zu behalten, als das, was darin steht – meistens jedenfalls. Die Erfahrung, dass das Buch in der Hand oder im Regal, ob gelesen oder ungelesen, besser ist als jede Internet-Verbindung, mussten jetzt ausgerechnet jene Kunden des Internetbuchhändlers Amazon machen, die bisher vom Gegenteil ausgingen. Ende letzter Woche nämlich wachten Dutzende von ihnen auf, schalteten ihren Kindle (Amazons E-Book) an und sahen sich dort mit der Mitteilung konfrontiert, dass die Orwell-Klassiker „1984“ und „Animal Farm“ vom Kindle Store entfernt wurden – und die Dateien der Bücher von ihrem elektronischen Lesegerät gelöscht. Das Geld, das der Kunde für den Download bezahlt habe (99 Cent), werde erstattet. Statt einer Erklärung hieß es, zwar komme es selten vor, doch könnten Verleger ihre Inhalte vom Kindle Store abziehen.
Offenbar handelte es sich um ein von Amazon selbst nicht zum Verkauf lizenziertes Piratenprodukt. So schnell kann die Beziehung zwischen Leser und Buch zwangsbeendet werden – und das ausgerechnet vom Vermittler. Man muss sich einmal vorstellen: Am Abend schläft man vielleicht noch selig über einem Werk ein, am nächsten Morgen ist es futsch, und statt des Buchs liegen ein paar Münzen im Regal. Im Kindle ist der Verlust umfassend, denn mit der Buchdatei verschwinden auch alle persönlichen Lesezeichen und Randnotizen – ab in die Versenkung des Gedächtnislochs, in dem bekanntlich schon vor sechzig Jahren bei Orwell alles landete, was den Großen Bruder bloßzustellen drohte. Dass ausgerechnet Orwells Werke gelöscht wurden und so die Risiken des „gläsernen Lesers“ entlarven, entbehrt nicht einer höheren Ironie, auch wenn Nutzer von ähnlichen Erfahrungen mit anderen Werken der Verschwörungsliteratur, von Ayn Rand bis „Harry Potter“, berichten.
Flüchtige Lektüre
Vor allem die Frage, wie das System auszutricksen sei, beschäftigt die User. Einer empfiehlt, Buch-Downloads nicht nur auf dem Kindle abzuspeichern, sondern sich stets Kopien im Computer anzulegen. Andere weisen empört darauf hin, dass man ein Buch, dessen Kosten man zurückbekommen hat, nicht einfach behalten dürfe. Vor allem aber dämmert nun einigen, dass man E-Books, anders als Bücher aus Fleisch und Blut, also Papier und Leinen, womöglich nie wirklich besitzen kann. Denn wo die technische Möglichkeit zum Update besteht, gibt es eben auch die, missliebige Inhalte fernzulöschen. Anders als das bewährte Original kann man ein E-Book nach Lektüre weder verleihen noch verschenken oder verkaufen, ja, es ist nicht einmal Verlass darauf, dass es in einigen Tagen, Monaten oder Jahren überhaupt noch da ist. Dagegen hilft nur: sofort lesen. Denn so fix, wie Amazon löscht, kann man selbst schlechte Bücher nicht vergessen.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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