02.07.2003 · Friedmans Kokain-Akten beim Pizzabäcker? Amerikanische GIs in Hollands Coffeeshops? Finanzminister Hans Eichel ein Kiffer? Die Medienschau an diesem Mittwoch wird zum Drogenreport.
Von Jörg ThomannSeltsame Dinge geschehen in Deutschland. Zum Beispiel im Fall Michel Friedman. Als wollten die Staatsanwälte vor lauter Ärger darüber, daß ihnen die Friedman-Freunde Ermittlungsfehler vorhalten, der Öffentlichkeit mal zeigen, was ein richtiger Ermittlungsfehler ist, wurden nun streng geheime Akten „einfach an einen Pizzabäcker gefaxt“, wie „Bild“ berichtet.
Besagter Pizzabäcker, der in „Bild“ anonym bleibt (ob er wohl Paolo heißt?), hat die Unterlagen sofort dorthin weitergeleitet, wo sie hingehören: zu „Bild“ eben, wo an diesem Mittwoch ausführlich aus der Friedman-Akte zitiert wird. „Mindestens zehnmal“, heißt es, habe Friedman in Anwesenheit ukrainischer Damen Kokain konsumiert.
Wie mag es zu der unerklärlichen Fax-Panne gekommen sein? Haben die Berliner Staatsanwälte sich einem Selbstversuch mit Friedmans „szenetypischen Päckchen“ unterzogen und anschließend das Faxgerät mit dem Safe verwechselt? Passierte das Mißgeschick beim Versuch, eine Pizza zu bestellen? Oder steckt die Mafia dahinter? Nichts von alledem: Am Mittwoch mittag hat Friedmans Verteidiger bekannt, daß es sein eigenes Büro war, dem der Tippfehler beim Faxen unterlaufen ist. Wer solche Strafverteidiger hat, braucht keine Ankläger mehr.
Kein Mord an Ötzi
Während der Fall Friedman mithin, wie „Bild“ resümiert, „immer merkwürdiger“ wird, scheint sich eine andere dunkle Geschichte allmählich aufzuklären. Wie die „Welt“ unter Berufung auf die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaften“ berichtet, gibt es Neues zum sagenumwobenen „Ötzi“, der an der italienisch-österreichischen Grenze tot aufgefunden wurde - im geschätzten Alter von 5.300 Jahren und mit einer Pfeilspitze im Rücken. Die Frage, ob Ötzi ermordet wurde, beantworten die Forscher nun mit einem „bedingten Nein“: Die Verletzung müsse keineswegs tödlich gewesen sein. Untersucht werden sollen nun verstärkt Ötzis Kleidung und Gepäck, in welchem er Birkenporlinge verstaut hatte: Pilze, die als Nahrungsmittel wenig, als Rauschmittel aber gut geeignet sind. Überreste prähistorischer Prostituierter wurden in Ötzis Nähe bislang nicht gefunden.
Wäre er dazu noch in der Lage, müßte sich Ötzi keine Sorgen machen: Eine mögliche Straftat wäre verjährt. Aufpassen müssen hingegen künftig die Holland-Touristen. Wie die „Frankfurter Rundschau“ auf ihrer Titelseite berichtet, wollen sich die Vereinigten Staaten „in die niederländische Drogenpolitik einmischen“. Der Einsatz amerikanischer Drogenfahnder auf niederländischem Staatsgebiet soll sich freilich auf Häfen und Flughäfen beschränken. Der gemeine Kiffer muß also nicht befürchten, in Amsterdam im Coffeeshop plötzlich von Spezialeinheiten überwältigt zu werden.
Kiffer Eichel
Was die Amerikaner hassen, finden die Deutschen bekanntlich gut, und vielleicht deshalb hat jetzt Finanzminister Eichel in einer Talkshow ein „lang gehütetes Geheimnis“ („Bild“) gelüftet: In seiner Jugend hat Eichel einmal „eine Hasch-Zigarette (Joint) geraucht“ (wieder „Bild“). Der eiserne Hans - stoned? Eine Wirkung will Eichel damals nicht verspürt haben. Auf die Nachfrage, ob er das Haschisch inhaliert habe, sagte Eichel: „Ich hab's versucht, vielleicht ist es ja auch nicht gelungen.“ Bleibt zu hoffen, daß Eichel nicht einmal dieselbe Bilanz ziehen muß, was seine Steuerreform betrifft.
Eichel verfügt offenbar nicht über das „Raucher-Gen“, das Wissenschaftler nun entdeckt haben wollen und das es den Nikotinabhängigen unmöglich machen soll, ihrem Laster zu entsagen. Der „taz“-Autor Detlef Kuhlbrodt hingegen ist mit diesem Gen belastet und hat dann auch beschlossen, es mit dem Aufhören gar nicht erst zu versuchen. „Endlich mehr rauchen!“, wirbt er in der „taz“ und nennt neun Gründe zum Zigarettenkonsum. Einer davon lautet: „Unter Rauchern ist es interessanter als unter Nichtrauchern. Das ist immer so.“ Und woran liegt das? „Das liegt daran, daß die Rauchergruppe meist kleiner ist als die Nichtrauchergruppe, und außerdem liegt es am Kommunikativen. Zigaretten anzubieten, nach Feuer zu fragen und diese Dinge sind ja ganz entscheidend.“ Das typische Raucher-Gespräch - „Haste mal Feuer?“ - „Hmm.“ - „Danke.“ - scheint uns allerdings kein wirkliches Kommunikations-Highlight zu sein.
Blicken wir zum Abschluß unseres kleinen Drogen-Exkurses noch einmal in die „Welt“. Sie druckt auf ihrer dritten Seite ein umfassendes Interview mit dem FDP-Vorsitzendenden Guido Westerwelle. Überschrieben ist der Text mit den Worten: „Mit Rot-Grün für Deutschland“. Da fragen wir uns: Wer hat hier wohl was geraucht?
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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