29.10.2011 · Mexikanische Journalisten trauen sich kaum noch, über den Krieg der Drogenkartelle zu berichten. Jetzt geraten anonyme Blogger ins Visier der Banden.
Von Claas RelotiusMorddrohungen, sagt der Mann, der sich im Internet als „Gerardo“ ausgibt, lassen sich irgendwann genauso ignorieren wie Spam-Nachrichten: „Man klickt sie einfach weg.“ Gerardo, der weder sein Alter noch seinen bürgerlichen Namen verraten möchte und telefonisch mittlerweile nur noch über einen Onlinedienst zu erreichen ist, hat sich an die bedrohlichen E-Mails in seinem Postfach gewöhnt.
Sie stammen stets von unterschiedlichen Adressen und folgen doch immer dem gleichen, brutalen Wortlaut: Man werde ihm alle Glieder einzeln abtrennen und seiner Familie schicken, schreibt ein Absender, der unter dem Namen Bosque firmiert. Ein anderer, Zacateca, droht damit, ihm die Kehle aufzuschlitzen, sollte er nicht sofort mit dem Schreiben aufhören.
„Solche Sätze lassen einen nicht kalt, aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen“, betont Gerardo, der die 2009 von einem texanischen Staatsanwalt gegründete Internetplattform borderlandbeat.com betreibt. Gemeinsam mit anderen anonymen Bloggern informiert er dort über das, worüber immer mehr Lokalmedien in Mexiko lieber schweigen: Drogenhandel, Korruption, Mord - sämtliche Verbrechen der mächtigen Drogenkartelle entlang der US-amerikanischen Grenze.
„Fernsehsender oder Zeitungen sind dazu nicht mehr in der Lage“, sagt Gerardo. Die Angst um das eigene Leben sitze inzwischen nicht nur bei Reportern tief. Spätestens seit der jüngsten Entführung eines Verlagseigners in der Stadt Reynosa fürchteten sogar die Vorsitzenden großer Medienunternehmen die Gewalt der Kartelle.
Seit dem Jahr 2000 wurden in Mexiko über siebzig Journalisten getötet, elf weitere werden bis heute vermisst - mehr als in jedem anderen Land der Welt. Einem Bericht von „Reporter ohne Grenzen“ zufolge gehen sämtliche Morde auf das Konto organisierter Drogenbanden.
Während mexikanische und sogar US-amerikanische Lokalmedien deshalb immer weniger über Verbrechen in der Region berichten, dokumentieren die Blogger von Borderland Beat täglich, was sich im Krieg zwischen verfeindeten Kartellen und dem mexikanischen Militär ereignet. Neben einer virtuellen Karte, auf welcher Einflussgebiete und Schmuggelrouten verzeichnet sind, findet sich auf der Seite sogar eine detaillierte Organisationsstruktur der wichtigsten Drogenkartelle - inklusive der Namen ihrer Anführer.
Gerardo veröffentlichte erst vor kurzem einen Artikel über ein Kartell in der Kleinstadt Jerez, welches dort angeblich seit Jahren von korrupten Polizisten unterstützt werde. Ein berechtigter Vorwurf, wie mittlerweile Untersuchungen staatlicher Behörden ans Licht brachten.
Woher solche Informationen stammen? Man werte alles aus, was an glaubhaften Meldungen und unabhängigen Nachrichten zur Verfügung stehe, erklärt Gerardo. Vor allem aber erreichten ihn viele Hintergrundberichte von Reportern, die sich nicht mehr trauten, öffentlich über das organisierte Verbrechen zu schreiben. „Für viele Journalisten“, sagt er, „ist das Internet hierfür die letzte Bastion.“
Das englischsprachige Borderland Beat hat längst auch spanischsprachige Nachahmer in Mexiko gefunden: Von Tijuana bis Matamoros betreiben heute Blogger in fast jeder größeren Grenzstadt anonyme Nachrichtenportale zum Drogenkrieg in ihrer Region. Auch Twitteraccounts wie Reynosafree oder Mtyfollow werden von mehreren tausend Nutzern verfolgt, die sich auch selbst an der Bereitstellung und Überprüfung von Nachrichten beteiligen.
Die Bewohner der im Zentrum des Drogenkrieges stehenden Kleinstadt Nuevo Laredo werden im Netz sogar zur Denunziation aufgefordert: Auf der Seite nuevolaredoenvivo.es.tl können sie via Google Maps markieren, wo in der Stadt Gangs ihr Unwesen treiben und in welchen Straßen sich geheime Drogenverstecke befinden. Wer verdächtige Vorfälle bemerkt oder von kriminellen Machenschaften hört, kann dies außerdem über einen anonymen Live-Chat mitteilen.
„Seit einer Stunde hört man Schusswechsel im Zentrum, noch keine Polizei zu sehen“, schreibt Anon8284 gegen Mitternacht. Nur eine halbe Stunde später meldet Anon1339: „Gang verprügelt Mann am Busbahnhof, fährt in schwarzem Kleinbus davon.“ Zwanzig bis dreißig neue Einträge erscheinen täglich auf der Seite, die längst auch das in der Region stationierte Militär zur Verbrechensaufklärung nutzt.
Nuevo Laredos Polizeichef Manuel Daros betont zwar, dass man bei weitem nicht jeder Quelle aus dem Netz vertrauen könne. Schließlich könnten auch die organisierten Banden die Plattform nutzen, um gezielt falsche Informationen zu lancieren. Doch ähnlich wie Gerardo ist auch er der Ansicht: Je mehr Leute die Augen aufhalten und im Internet ihr Schweigen brechen, „desto enger werden die illegalen Spielräume für die Kartelle“.
Dass diese die Aktivisten im Netz indes längst als Bedrohung für sich und ihre Geschäfte erkannt haben, zeigen die drei brutalen Morde in Nuevo Laredo im letzten Monat, bei denen es erstmals gezielt Blogger traf. Neben den zwei Toten, die Anfang September mit herausgerissenen Eingeweiden an einer Fußgängerbrücke aufgehängt wurden, fand die Polizei zwei Zettel mit der unmissverständlichen Warnung: „Das passiert mit allen Internetpetzen. Wir haben ein Auge auf euch.“
Unterzeichnet hatten Mitglieder des gefürchteten Zeta-Kartells, das gegenwärtig den Drogenhandel im gesamten Bundesstaat Tamaulipas kontrolliert. Nur zwei Wochen später schlugen die Killer wieder zu: Neben der enthaupteten und verstümmelten Frauenleiche, die in den Straßen Nuevo Laredos abgeladen wurde, fand man zwei Computertastaturen und mehrere Netzwerkkabel. Daneben ein Brief mit den Worten: „Ich bin hier wegen meiner und eurer Berichte.“
Wie sich herausstellte, handelte es sich bei der Ermordeten um die 39-jährige Journalistin María Macías Castro, die bis zuletzt unter dem Pseudonym „Laredo Girl“ via Twitter über das organisierte Verbrechen in ihrer Heimatstadt berichtet hatte. Womit sie in vermeintlicher Anonymität genau das tat, was sie in ihrer Rolle als Chefredakteurin der Lokalzeitung „Primera Hora“ anscheinend nicht mehr öffentlich zu tun wagte. Denn in dem Blatt war bereits seit Jahren nichts mehr über kriminelle Machenschaften zu lesen.
Dass dieselbe Zeitung bis heute sogar die grausame Ermordung ihrer wichtigsten Mitarbeiterin mit keiner Berichtzeile gewürdigt hat, überrascht Blogger Gerardo nicht. Der Fall erinnere ihn daran, mit welcher Verunsicherung vor einem Jahr die große Tageszeitung „Diario de Juárez“ auf die Ermordung eines ihrer Fotografen reagierte: Anstatt weitere Nachforschungen anzustellen, richtete sich die Chefredaktion auf der nächsten Titelseite an die Drogenbosse und bat um eine Auskunft, worüber man noch schreiben dürfe.
„Je mehr Medien kapitulieren“, sagt Gerardo, „desto wichtiger wird die Berichterstattung im Netz.“ Dass in Mexiko drei Menschen aufgrund ihrer Tätigkeit als Blogger getötet wurden, würde man heute weder in europäischen noch in mexikanischen Zeitungen lesen, hätte es zuvor niemanden gegeben, der im Internet darüber schreibt. Schlimmer noch, sagt Gerardo: „Es wäre wohl überhaupt keine Nachricht daraus geworden.“
Umso falscher sei es, dass nun ausgerechnet die mexikanische Regierung den Handlungsspielraum anonymer Blogger beschneide und im Zweifel harsch gegen Nutzer sozialer Netzwerke vorgehe. So bestraft der Bundesstaat Veracruz seit neuestem vermeintliche Falschmeldungen im Internet mit bis zu vier Jahren Gefängnis, sofern diese die öffentliche Ordnung stören.
Anlass für die Gesetzesverschärfung waren Twitter-Meldungen, die fälschlicherweise vor einem bewaffneten Überfall auf eine Schule warnen sollten und dadurch vor Ort eine Massenpanik auslösten. Sollten vergleichbare Gesetze auch in anderen Bundesstaaten erlassen werden, sagt Gerardo, so könnten auch die kritischen Stimmen im Netz verstummen. Dann, sagt Gerardo, „schweigt am Ende jeder und die Kartelle haben gewonnen“.