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Dresdner Busmannkapelle : Bedenke, dass du zerbrechlich bist

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Heute: Betonelemente zeichnen die Busmankapelle in Dresden nach – und tragen die geretteten Reste des Originals Bild: Dittrich

Erst wurde die Dresdner Sophienkirche im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, dann in DDR-Zeiten abgerissen. Nun sucht die Stadt ihre Reste - und findet zu sich selbst.

          Sie stak wie ein Fremdkörper in der Flanke der Dresdner Altstadt: Die Sophienkirche reckte hinter dem tänzelnden Rokoko von Zwinger und Taschenbergpalais zwei nadelspitze Türme und zahllose spillerige Fialen in den Himmel. Das steinerne Nadelbündel, das so grell von den bauschigen Dresdner Barockdraperien abstach, war ein Werk der Neogotik, 1868 um die schmucklose Bettelordensarchitektur einer franziskanischen Klosterkirche von 1351 herumgebaut. Doch innen hatte sich, gipfelnd in der um 1400 wie ein Reliquienschrein angefügten Busmannkapelle, die originale gotische Kirche erhalten. Das aber half nichts, als es 1959 darum ging, ob die Kriegsruine wiederaufgebaut werden sollte: Mit dem Hinweis, die Sophienkirche sei weitgehend ein Historienschwindel des 19. Jahrhunderts, wurde sie nach einem Dresdenbesuch Walter Ulbrichts, bei dem dieser sie verärgert aus einem Modell der künftigen Innenstadt entfernt hatte, abgetragen und 1967 durch eine Großgaststätte ersetzt.

          „Gotische Baukunst ist nicht typisch für Dresden“ hatte 1961 die SED auf Einwände der Denkmalpflege und der Landeskirche geantwortet. Nach der Wiedervereinigung war genau diese Gotik das Hauptargument für eine Rekonstruktion der Sophienkirche: Als einzige zweischiffig und zweichörig erbaute gotische Kirche Deutschlands, so ein Dresdner Bürgerverein, aber auch, weil einige ihrer schönsten Bauteile geborgen worden seien und vor allem, weil sie wie Leipzigs Universitätskirche ein Opfer Ulbrichts geworden sei, müsse die Kirche wiedererstehen. Im Schatten der weltweit beachteten, spektakulären Auferstehung der Dresdner Frauenkirche versandete das Vorhaben. Doch nicht ganz: 1994 beschloss der Stadtrat, am Standort der Sophienkirche eine Gedenkstätte errichten zu lassen. Den Wettbewerb 1995 gewann des Dresdner Architektenbüro Gustav und Lungwitz mit dem Entwurf eines „angedeuteten Raums“ unter einer monumentalen Glasvitrine.

          Brüchige Orginalteile, schlanke Stahlprofile

          Anfangs bundesweit beachtet, geriet das schleppend vorangetriebene Projekt in Vergessenheit. Statt seiner erregte 1998 das „Haus am Zwinger“ Aufmerksamkeit, ein Geschäftshausriegel mit schiffsbugartiger Rundung in Höhe des einstigen Nordturms der Sophienkirche. Immerhin: die Bauherren hatten sich verpflichtet, im Pflaster neben dem Neubau den Kirchengrundriss maßstabsgerecht in rotem Granit nachzuzeichnen. Im Jahr darauf folgte eine Gedenkplatte, die auf dem Relikt eines Originalpfeilers der Kirche ruht. Mehr als ein Zeichen des guten Willens konnte man das Gebilde nicht nennen, denn es versank, eingezwängt zwischen dem „Haus am Zwinger“ und dem 2008 eröffneten Büro- und Geschäftshaus „Wilsdruffer Kubus“, im Trubel der Passantenströme.

          Damals: 1904 reckten die spitzen Türme der Sophienkirche noch in den Himmel

          Doch jetzt ist alles anders: Seit 2010 ragen fünf markante Stelen aus Sichtbeton in der Lücke. Die Strebepfeiler der einstigen Südwand der Sophienkirche nachzeichnend, zwingen sie mit ihrem schlichten Pathos den Blick auf das Gelände, auf dem sich seit einigen Tagen der Nachbau der Busmannkapelle frei von Baugerüsten zeigt. Nun wird deutlich, dass vorfabrizierte Elemente aus Sichtbeton - ein wirksamer Verfremdungseffekt - die schönste Seitenkapelle der Kirche als nach Süden offene „Raumschale“ zitieren. Mit brüchigen Originalteilen, deren Brand- und Altersspuren sich deutlich vom hellen Beton abheben und schlanken Stahlprofilen, die das frühere kostbare Dreistrahlgewölbe der Kapelle memorieren, vergegenwärtigt das neue Gebilde Krieg und Frieden, Untergang und Auferstehung der Stadt.

          Ein Spiegel des Kriegsschicksals

          Eindringlich wie sonst nur die besten Bühnenbilder der Semperoper und des Schauspielhauses, stellt der Entwurf von Gustav und Lungwitz die Hilflosigkeit und Zerbrechlichkeit unseres kulturellen Erbes vor Augen; diese Wirkung wird sich noch verstärken, wenn sich in absehbarer Zeit der monumentale Glassturz als markanter Verweis auf dessen Schutzbedürftigkeit über dem Nachbau erhebt.

          Der gestalterische Höhepunkt der Stätte ist noch in Vorbereitung: vier Konsolsteine und das sogenannte Nosseni-Epitaph. Erstere, die einen Engel, Blattwerk sowie die beiden Portraitbüsten des Stifters Lorenz Busmann und seiner Frau tragen, sind Meisterwerke des „Weichen Stils“, mit dem die Gotik sich in einem Höchstmaß an Eleganz und Verismus vollendete. Sie werden wieder am ungefähren Originalort fixiert werden. Das Nosseni-Epitaph spiegelt im Kleinen das Kriegsschicksal der Stadt: 1616 in der Werkstatt des Hofbildhauers Giovanni Maria Nesseni geschaffen, 1620 im Langhaus der Sophienkirche aufgestellt und 1910 in die Busmannkapelle umgesetzt, war es ein Bravourstück des Dresdner Barock, üppig bestückt mit Alabasterreliefs und Säulen. Die Brandbomben machten es 1945 zum Memento Mori. Seine Hauptskulptur, der gegeißelte Christus mit Dornenkrone - „Ecce Homo“ - wurde unter den vermeintlich bombensicheren Gruftgewölben der Frauenkirche, wohin man ihn 1940 evakuiert hatte, begraben; die in der Busmannkapelle verbliebenen Reliefs und Säulen barsten in der Hitze des Stadtbrands.

          Eine Gedenkstätte als Teil der Öffentlichkeit

          Einige Bruchstücke wurden zu DDR-Zeiten wieder zusammengefügt, andere nach der Wende. Als schließlich im April 1994 beim Enttrümmern der Frauenkirche der zerbrochene Christus wiederentdeckt wurde, wuchs die Hoffnung, das Epitaph wenigstens in der Großform wieder zusammenfügen zu können. Sie soll, versehrt, aber gerettet, künftig an der Ostwand der „Kapelle“ stehen.

          Gedenkstätte? Uneingeschränkt ja, wenn man die bannende Atmosphäre des Kapellenzitats bedenkt. Gleichfalls ja, weil dank der Glashülle das Innere in den Stadtraum ausstrahlen wird; nicht abgeschieden von der Öffentlichkeit, sondern Teil von ihr. Damit ist das Ensemble ein Gewinn für Dresden, das sich mit so makellosen wie leblosen Fassadenrekonstruktionen immer mehr zum Abziehbild seiner Canaletto-Veduten wandelt. Und aus bundesdeutscher Sicht wird allen Städten das Vorbild eines Bauens geboten, das Vergangenheit nicht nachäfft, sondern deutet.

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