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Dreißigjähriger Krieg : Männer, Musketen, Totentrompeten

Man hat die martialische Wucht der Schlacht förmlich vor Augen: der schwer lädierte Schädel eines Soldaten Bild: dpa

Warum der Krieg noch zwölf schreckliche Jahre länger dauern musste: Eine Ausstellung in Brandenburg zeigt die brutale Wirklichkeit des Dreißigjährigen Krieges.

          Die Erde, schreibt Christoph von Grimmelshausen im „Simplicissimus“ über das Schlachtfeld bei Wittstock, „war damals an selbigem Ort mit Toten überstreut, welche auf unterschiedliche Manier gezeichnet waren. Köpf lagen dorten, welche ihre natürliche Herren verloren hatten, und hingegen Leiber, die ihrer Köpfe mangelten; etliche hatten grausam- und jämmerlicherweise das Ingeweid heraus ... Da lagen abgeschossene Arme, an welchen sich die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder mit in das Gedräng wollten; dort lagen abgelöste Schenkel, welche, obwohl sie der Bürde des Körpers entladen, dannoch viel schwerer waren worden, als sie zuvor gewesen.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das „Gedräng“, das den Schweden den Sieg über die Kaiserlichen einbrachte, war eines der wichtigeren Gefechte des Dreißigjährigen Krieges, denn es verhinderte, dass der Krieg noch im selben Jahr, 1636, zu Ende ging. Im Vorjahr hatte Kaiser Ferdinand III., gestärkt durch seinen Erfolg in der Schlacht bei Nördlingen, mit den protestantischen Reichsfürsten Frieden geschlossen, die Franzosen waren über den Rhein zurückgedrängt, nun galt es nur noch, die schwedische Armee aus Deutschland hinauszuwerfen. Durch ihren Sieg bei Wittstock kamen die Schweden aber zurück ins Spiel. Der Krieg dauerte anschließend noch zwölf schreckliche Jahre lang, in denen mehr Menschen an Hunger, Seuchen und bei Kämpfen starben als in den achtzehn Jahren zuvor.

          Bandelier aus dem 17. Jahrhundert Bilderstrecke
          Bandelier aus dem 17. Jahrhundert :

          Im April 2007 stieß dann ein Bagger südlich von Wittstock auf Menschenknochen. Archäologen legten eine Grube frei, in der mehr als hundert auf schwedischer Seite gefallene Soldaten bestattet worden waren. Achtundachtzig vollständige Skelette, dazu Musketen- und Kanonenkugeln, Münzen, Knöpfe, Schnallen und Stoffreste konnten bis 2009 rings um Wittstock ergraben werden. Von diesen Funden und dem, was sie über die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs erzählen, handelt die Ausstellung „1636 - Ihre letzte Schlacht“ im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg an der Havel.

          Dass die Schau, deren Kuratoren ihre Fundstücke durch klug ausgewählte Leihgaben ergänzt haben, nicht in Wittstock stattfindet, wo es ein eigenes „Museum des Dreißigjährigen Krieges“ gibt, hat Platzgründe: Im Brandenburger Paulikloster können die Objekte in einer Breite inszeniert werden, die am Ort der Schlacht nicht denkbar gewesen wäre. Die Ausstellungsmacher nutzen diesen Spielraum, indem sie dem Affen des historisch interessierten Besuchers Zucker geben.

          125 hölzerne Umrissfiguren in Lebensgröße, teils einzeln, teils im Klostergarten in Gruppen aufgestellt und mit Angaben zu Alter, Herkunft, Gesundheitszustand und Todesursache versehen, stellen die bei Wittstock begrabenen Söldner dar. Ein als Anwerbungszelt drapierter Durchgang trennt den Ausstellungsteil, der vom Zivilleben im siebzehnten Jahrhundert handelt, vom Kriegsgeschehen. Die Schlacht selbst wird als Multimediaspektakel mit flackernden Flämmchen und martialischer Geräuschsuppe zu Originaldrucken und -gemälden serviert. Freunde taktiler Geschichtsaneignung können mit Hilfe von Schutzhandschuhen in einer Vitrine Bleikugeln verschiedener Größe abfühlen.

          Am Ernst der Sache, um die es hier geht, ändert das alles nichts. Die Männer, die auf kaiserlicher und schwedischer Seite bei Wittstock ins Gefecht zogen, waren Elendsgestalten: Sie schleppten Parasiten und Krankheiten mit sich herum, ihr Knochenbau war durch Mangelernährung geschwächt, ihr Dasein auch ohne Schlachtentod kurz und freudlos. Einer von ihnen, ein Schotte, der möglicherweise zu einem der sechs Regimenter des Obersten Leslie gehörte, deren Flankenmarsch auf dem Höhepunkt des Gemetzels den Zusammenbruch der schwedischen Linie verhinderte, bildet das visuelle Aushängeschild der Ausstellung.

          Der Soldat war etwas mehr als zwanzig Jahre alt und litt an chronischer Mund- und Nasennebenhöhlenentzündung, Hüft- und Schultergelenke waren durch Überlastung degeneriert, die Schienbeine dank Vitamin-D-Mangel verbogen. In der Schlacht bekam er einen Steckschuss in den Arm und einen Schädelhieb mit der Hellebarde, bevor er an einem Dolchstich durch die Kehle starb.

          In der Rekonstruktion der Landesarchäologen wirkt sein Gesicht wie das eines jener Statisten, die in Fritz Umgelters Fernsehadaption des „Simplicissimus“ oder in Rappeneaus „Cyrano“-Film, der zur gleichen Zeit spielt, den Hintergrund der Bilder bevölkern. In Brandenburg steht er nun im Rampenlicht, schon deshalb lohnt sich die Fahrt in die einst bedeutende und nun ökonomisch gebeutelte Kleinstadt an der Havel.

          Siebentausend Krieger aus aller Herren Ländern, von Finnland bis Spanien, fielen bei Wittstock, manche waren durch halb Europa zu ihrem Grab marschiert. Für Grimmelshausens Helden dagegen geht die Schlacht glimpflich aus. In den folgenden Jahren wechselt der kluge Simplicissimus immer wieder die Seiten, um zu überleben - so, wie es auch die kaiserlichen Truppen bei Wittstock taten: Zweitausend von ihnen traten am Tag nach der Niederlage ins Lager der Schweden über. Das war kein Glaubensverrat. Das war die Not der Zeit.

          1636 - Ihre letzte Schlacht. Archäologisches Landesmuseum Brandenburg, bis zum 9. September. Der lesenswerte Katalog ist im Theiss Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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