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Pionier der Datenverarbeitung : Mit Engelbarts Maus machten andere Mäuse

  • -Aktualisiert am

Aus einer Welt vor unserer Zeit: Die Hand von Douglas C. Engelbart mit seiner Maus. Bild: Rudar / StudioX

Unter den Computerweltschöpfern war er der innovativste: Douglas C. Engelbart hatte in den sechziger Jahren bereits alle Ideen, die die heutige Datenverarbeitung prägen.

          Am 9. Dezember 1968 fand vor den Augen einer tausendköpfigen Zuschauerschar im Convention Center in San Francisco eine Vorführung statt, die vielen Anwesenden als Zeitreise erschien und ein anwesender Schriftsteller als „das nächste große Ding nach LSD“ bezeichnete. Möglicherweise rührte der Eindruck bewusstseinserweiternder Folgen daher, dass auf dem Ankündigungsplakat zur Veranstaltung das Stanford Research Center als Forschungseinrichtung zur „Verbesserung des menschlichen Intellekts“ bezeichnet worden war. In jedem Fall aber übertraf der weitgehend unbekannte Vortragende Douglas C. Engelbart alles, was sich Computerspezialisten in ihren kühnsten Träumen hätten ausmalen können.

          In seiner neunzigminütigen Demonstration präsentierte Engelbart nicht nur die erste Computermaus (von der damals niemand wusste, dass sie einmal so heißen sollte), sondern auch einen Hypertext-Editor, der neben einer graphischen Oberfläche mit verschiedenen Ansichten ein kollaboratives Arbeiten an Dokumenten ermöglichte. Es folgten: E-Mails mit Verlinkungsfunktion, graphische Plots, expandier- und komprimierbare Sichten, Schlüsselwortsuche und Makros, eine Meta-Programmiersprache, schließlich ein Online-Wissensrepositorium, das als Wiki diente und in Echtzeit und von verschiedenen Orten aus zu bearbeiten war. Auf einer zehn Meter breiten Videoprojektionsfläche konnten die Zuschauer verfolgen, wie ein Mitarbeiter (der mit Engelbart über Headset kommunizierte und dessen Gesicht auf dem Schirm erschien) im fünfzig Kilometer entfernten Menlo Park gemeinsam mit Engelbart die Daten bearbeitete.

          Eher Rache als Würdigung

          Jede dieser Innovationen stellte schon eine Revolution für sich dar. Über allem aber thronte jener Menschheitsbeglückungsanspruch, den das Plakat annonciert hatte und den Engelbart schließlich bootstrapping nannte. Wörtlich übersetzt bedeutet das „Stiefelschnüren“; es steht aber für jene magische Technik, mit der man, sich am eigenen Riemen reißend, vom Boden abheben kann - ähnlich, wie sich der Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf herauszieht. Auf das Publikum jedenfalls wirkte die Präsentation wie eine Levitation. Kaum dass Engelbart geendet hatte, erhob es sich geschlossen von den Sitzen und klatschte frenetisch - als ob die Halle selbst aus den Angeln gehoben wäre und sich in die Lüfte erhoben hätte.

          Dass Douglas Engelbart nur als Erfinder der Maus in die Annalen der Computertechnik einging, ist, als hätte man Einstein lediglich für seine Kühlmittelpumpe verewigt. Zwar schlug sein Auftritt von 1968 in der Computergemeinde ein wie ein Komet, aber es war anderen vorbehalten, seine Erfindungen zu realisieren, nicht selten mit zwanzig- oder dreißigjähriger Verspätung. Für ihn selbst sollte dieser Auftritt der Höhepunkt seines Schaffens bleiben. Auf den Videos, die es vom späten Engelbart gibt, sieht man einen älteren, leicht verwirrt lächelnden Mann, der, seine hölzerne Maus in der Hand, einem Techie-Hipster oder blasierten Undergraduate-Studenten Rede und Antwort steht - was sich nicht wie eine Würdigung, sondern vielmehr wie die Rache der Nachgeborenen ausnimmt.

          Die anziehende Magie der Technik

          Nun könnte man hier auf das Schicksal vieler Visionäre verweisen, aber damit wäre die Angelegenheit nicht erklärt, sondern nur erfolgreich verdunkelt. Denn Douglas Engelbart war kein Visionär im klassischen Sinne, sondern führte das, wovon er redete, tatsächlich vor. Bei dieser Vorführung jedoch stand, wie er nicht müde wurde zu betonen, nicht die Technik im Vordergrund, sondern der Mensch. Und so belegt der Umstand, dass Engelbart uns nicht als Denker, sondern als Schöpfer der Maus erinnerlich ist, dass er der Welt fremd geblieben ist - so fremd, wie es seine Demonstration, die „Mutter aller Demos“, damals schon war.

          Woher stammte dieser Mann? Der 1925 in einem kleinen Dorf bei Portland geborene Douglas Carl Engelbart war der Sohn eines Ingenieurs und einer künstlerisch veranlagten Mutter und wurde nie müde, sich als naiven Bauernjungen darzustellen - eine kokette Selbstcharakterisierung, der eine gewisse Wahrheit innewohnt, verrät sein Werk doch eine Form des ursprünglichen Staunens, wie man sie sonst nur bei Philosophen und Mystikern findet. Nachdem er früh den Vater verloren hatte, meldete er sich, angezogen von der Magie neuartiger Technik, zu einer Radar-Einheit der Marine.

          Wege aus dem Wissenschaos

          Freilich begann sein Kriegseinsatz erst an dem Tag, als sein Schiff, just im Begriff, aus dem Hafen von San Francisco auszulaufen, die Nachricht erhielt, dass Japan kapituliert habe. Die Besatzung verlangte lautstark, dass man umkehren möge, aber das Schiff stach trotzdem in See und landete ein paar Tage später auf einer philippinischen Insel. Hier hatte der junge Techniker Muße, in all den Büchern zu stöbern, die in der Bibliothek des Roten Kreuzes aufbewahrt wurden, in die sich kein anderer G.I. je verirrte. Dort stieß Engelbart in einer Ausgabe des „Atlantic Monthly“ auf einen Text, den der wissenschaftliche Koordinator des Manhattan Projects, Vannevar Bush, verfasst hatte.

          Erstaunlicherweise war darin nicht von der Bombe die Rede, sondern von einer Apparatur, die uns heute als Desktop-Computer vertraut ist, damals aber wie Science-Fiction klang - daher der Buchtitel: „As We May Think“. Bush beschrieb darin eine gigantische Wissensmaschine, mit der man in Sekunden Texte auffinden, explorieren und verknüpfen konnte. Machte dieses Gedankenfluggerät auf den jungen Radartechniker Engelbart einen mächtigen Eindruck, zündete der Text bei ihm doch erst ein paar Jahre später. Grundlos eigentlich, denn alles stand damals zum Besten. Engelbart hatte eine gute Ausbildung durchlaufen, einen Job, und am Tag zuvor hatte er sich verlobt. Plötzlich aber hatte er die Einsicht, dass ihm die Ziele abhandengekommen waren, ihm aber noch eine halbe Million Arbeitsminuten im Leben bevorstanden. Was also tun? Da ihm Geldverdienen als Lebenszweck zu unbedeutend erschien, fragte Engelbart sich, mit welcher Arbeit man der Menschheit den größten Dienst erweisen könnte. Weil die Probleme der Welt, so hatte ihn Bushs Buch gelehrt, immer komplexer und dringlicher würden, bestand die Lösung nicht darin, dem Weltwissen ein weiteres Bruchstück hinzuzufügen, sondern Mittel und Wege zu finden, um sich in dem unüberschaubar gewordenen Wissenschaos orientieren zu können.

          Wie eine Blasphemie

          Mit dieser Erkenntnis schlug die frühere Lektüre abermals in seinem Kopf ein - nur dass Engelbart jetzt wusste, dass Vannevar Bushs Wissensmaschine kein analoges Gerät, sondern ein Computer sein müsste, oder genauer: ein Computer, dem man eine visuelle Oberfläche verpasst hätte. Auf dieser Oberfläche würde man Informationen nicht bloß darstellen können, man würde mit Hilfe des Computers durch die Informationen hindurchfliegen können, so wie Fluglotsen mit Hilfe des Radars dem Piloten Anweisungen für seine weitere Route geben. Dazu aber galt es, das Wissen der Welt als einen Raum zu erfassen, den man von einem digitalen Verkehrsleitsystem geleitet als Infonaut würde durchkreuzen können. All diese Überlegungen dauerten nur ein paar Minuten, dann stand die Vision vor seinem inneren Auge.

          Von nun an war jeder seiner Schritte diesem Ziel untergeordnet. Zunächst einmal ging es darum, einen Arbeitsplatz zu finden, der Engelbart mit Computern vertraut machen würde. Weil er gehört hatte, dass die Universität von Berkeley einen Rechner bekommen sollte, schrieb er sich dort im Studiengang Elektrotechnik ein. Aber als er in seiner Naivität seinen Kollegen von seinen Plänen erzählte, waren diese alles andere als entzückt. Schon der Gedanke, dass man einen Menschen nach Belieben mit einem Computer interagieren lassen, ja, dass man selbigen zu einem Trainingsgerät für Schreibmaschinenkurse zweckentfremden sollte, war wie eine Blasphemie. Engelbart jedoch ließ sich nicht von seinem Ziel abbringen. Und so bewarb er sich, als er seine Doktorarbeit beendet hatte, auf eine Stelle beim Stanford Research Institute, wo man wissenschaftliche, militärische und kommerzielle Anwendungsgebiete von Computern erforschen wollte.

          Ko-Evolution von Mensch und Maschine

          Nachdem er im Bewerbungsgespräch seine Vorstellungen ausgebreitet hatte, fragte ihn sein Gesprächspartner, wie vielen Menschen er von diesen Ideen erzählt habe. Die Antwort, dass er der erste sei, beruhigte ihn, und er riet Engelbart, dies auch in Zukunft zu unterlassen, denn all dies wäre so verrückt, dass jedermann nur an seinem Verstand zweifeln würde. Gleichwohl bekam er den Job - und war in den nächsten drei Jahren damit beschäftigt, seine Ideen in einem Aufsatz niederzulegen, der den Titel „Augmenting Human Intellect - A Conceptual Framework“ trug. Dass ihm die Universität auf sein Drängen und mit Forschungsgeldern der Airforce das erwünschte Augmentation Research Institute bewilligte, war kein Zeichen besonderer Wertschätzung. Engelbart blieb der einzige Mitarbeiter des Instituts.

          Als sein Aufsatz im Oktober 1963 erschien, antwortete die Welt der Computerwissenschaft mit geradezu lärmender Stille. Zwar waren hier all jene Dinge vorweggenommen, die Engelbart ein paar Jahre später vorführen sollte, gleichwohl schien es seinen Lesern an Vorstellungsvermögen zu fehlen. Abschreckender noch als seine praktischen Vorschläge waren die philosophischen Einlagen des Rahmenwerks, das dem Computer selbst eine nachgeordnete Rolle zusprach und in dem es vor allem um die Ko-Evolution von Mensch und Maschine ging. Allerdings erregte der Text die Zustimmung von zwei Männern, die an exponierter Stelle saßen: Bob Taylor, ein Psychologe in den Diensten der Nasa, und Joseph R. Licklider, der am MIT zur Mensch-Maschine-Symbiose geforscht hatte und dafür beträchtliche Mittel des Verteidigungsministeriums erhalten hatte.

          Weiterentwicklung in atemberaubender Geschwindigkeit

          So bekam der Maverick Engelbart, zur Verblüffung seiner Vorgesetzten, im Jahr 1964 eine Million Dollar für den Kauf eines Computers und eine weitere halbe Million, um einen Mitarbeiterstab aufzubauen. Binnen kurzem begann Engelbarts Augmentation Research Center aufzublühen. Dabei war die Maus, die Engelbarts wichtigster Mitarbeiter, Bill English, nach Skizzen des Chefs konstruierte, nur ein Mittel zum Zweck. Erschien sie Außenstehenden als ein allzu „kompliziert zu bedienendes Gerät“, hatten die Institutsmitarbeiter nicht die mindeste Schwierigkeit damit, weil jedermann klar war, dass sie die Voraussetzung für Engelbarts Vorstellung von Interaktivität darstellte.

          In atemraubender Geschwindigkeit wurde eine Idee nach der anderen realisiert. Nach der Maus kam die graphische Oberfläche, die die Kommandos der Maus in Prozeduren übersetzte, die das Löschen, Kopieren und Verschieben von Elementen erlaubten. Dann kam die Logik der Sicht, die nur einen Ausschnitt des Informationsraumes auf den Schirm zauberte, schließlich kamen all die Programme, die den Flug durch den Raum der Daten erlaubten: das Suchen, Strukturieren, Verknüpfen, endlich das Speichern und Laden von Trajektorien.

          Aus Vorahnungen und Prototypen wurden Geschäftsmodelle

          Um der explodierenden Komplexität Herr werden zu können, legte man Dateien an, die als kollektives Wissensrepositorium (Wikis) dienten und kommentiert und verändert werden konnten. Im Laufe der Jahre verwandelte sich das auf siebzehn Mitarbeiter angewachsene Institut, Engelbarts Prinzip des bootstrapping folgend, zur ersten computergestützten Gemeinschaft. Man saß an Terminals, die in einem offenen Großraumbüro standen, oder traf sich in den Büros, wo man, wie ein Indianerstamm auf dem Boden sitzend und rauchend, Brainstorming-Sitzungen abhielt. Was nach kreativem Chaos aussah, war eine Erfolgsgeschichte ohne Beispiel, eine Explosion an Effizienz und Innovationskraft gleichermaßen. Folglich wurde Engelbarts Institut zum Aushängeschild und das SRI zum ersten Knoten des Arpanets; seine Wissensbasis ist in jenem Online-System aufbewahrt, in dem sich Engelbarts einsame Träume von einem gruppenbasierten Arbeiten realisiert haben.

          Trotz aller Erfolg begann in den siebziger Jahren der Niedergang des Instituts. Das lag daran, dass sich zwischen den langhaarigen Hackern und ihren militärischen Auftraggebern eine Kluft aufgetan hatte, vor allem jedoch an der Konkurrenz privater Firmen und am Aufstieg der Personalcomputer. Da nun jeder ein solch mächtiges Werkzeug auf dem Schreibtisch hatte, erschien die Vorstellung einer Gemeinschaft, die sich zu neuen Höhen einer kollektiven Intelligenz aufschwingen sollte, merkwürdig altbacken. Im Jahr 1975 stellte die Arpa die Unterstützung ein, und zwei Jahre später veräußerte das Stanford Research Institute Engelbarts Abteilung an eine private Gesellschaft. Während Engelbart in der Folgezeit vergessen wurde, verwandelten sich in der aufblühenden Start-up-Welt alle seine Vorahnungen und Prototypen zu milliardenschweren Geschäftsmodellen: bei Xerox, Apple, Microsoft.

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