Donna Summer war in mancherlei Hinsicht ein Hybrid-Wesen – uramerikanisch, aber musikalisch dann doch ein deutsches, genauer: Münchner Produkt; Disko-Königin von einer damals und eigentlich bis heute unerhörten, fast schon selbstparodistischen Laszivität, aber irgendwann auch eine verquere Moralpäpstin, die Anfang der achtziger Jahre behauptete, Aids wäre eine Strafe Gottes.
Dass sich die Freizügigkeit einer Entertainerin, sogar das handfest Sexsymbolhafte in etwas Erzkonservatives verwandeln kann, ist aus Amerika her vertraut, war schon an der Schauspielerin Jane Russell zu beobachten und mag immerhin andeuten, dass ein Mensch in seiner Kunst nicht aufgeht. Die der Donna Summer war, vordergründig abgehört, im wesentlichen das Stöhnen, das sie 1975 auf ihrem Debüt „Love to Love You Baby“ so exzessiv praktizierte, dass es den Kritikern wie ein „Marathon der Orgasmen“ vorkam.
Star des sogenannten Euro-Disko
Diese Single machte aus ihr, die an Silvester 1948 in Boston als LaDonna Andrea Gaines geboren wurde, 1968, nach ersten Versuchen mit Gospel und Psychedelik, zur in München stationierten „Hair“-Mannschaft gestoßen war und nützliche Erfahrungen auch in anderen hiesigen Musical-Produktionen gesammelt hatte, sofort einen Star des sogenannten Euro-Disko, einer vor allem in Deutschland beliebten, hier meistens sogar produzierten Musikrichtung, der auch erheblich leichtergewichtige Nummern wie etwa Boney M. oder Silver Convention angehörten. Futuristisch anmutende Glitzergeschöpfe, deren wenig tragfähige Stimmen mit allerlei Studiotechnik aufgemöbelt wurden und in einer raffinierten Hall-Akustik beachtliche Wirkung entfalteten.
Donna Summer war aus anderem Holz geschnitzt und hatte das Glück, dass sie in einer entscheidenden Karrierephase an den Südtiroler Disko-Mogul Giorgio Moroder geriet, der ihr mit ausgebufften Partnern in den Münchner Musicland Studios das passende Klangkleid schneiderte: außer dem Co-Produzenten Pete Bellotte waren dies der nachmals als Filmkomponist sehr erfolgreiche Arrangeur Harold Faltermeyer, der Schlagzeuger, Songschreiber und spätere Billy-Idol-Produzent Keith Forsey sowie der Toningenieur Juergen Koeppers.
Diese Leute wussten, welchen Knopf sie jeweils drücken mussten, so dass aus einer in der Regel zurückhaltend intonierenden Kindfrau eine veritable Sensation wurde, die den Leuten ihr „Love to Love You Baby“ noch erheblich ausdauernder, nämlich fast siebzehn Minuten lang ins Ohr stöhnte, als das ein Jahr zuvor George McCrae, ihr männliches Pendant auf diesem Gebiet, mit „Rock Your Baby“ getan hatte.
Von erotisiert bis zur Alleinerziehenden-Hymne
Von dem geschickt aufgebauten und von ihr mustergültig verkörperten Image einer Sängerin vorzugsweise fürs horizontale Gewerbe konnte sich Donna Summer lange, ja, eigentlich nie lösen, auch nicht, als ihre Musik sich von der weich-verführerischen Richtung, die sie mit Hits wie „Last Dance“ und „On The Radio“ zunächst, wenn auch nicht mehr ganz so erotisiert weiterverfolgte, zu lösen begann und härtere Kontur annahm, etwa in „Hot Stuff“ oder der frühen Alleinerziehenden-Hymne „She Works Hard for the Money“.
Aber zu ändern brauchte sie sich gar nicht. Ihr Einfluss als Disko-Königin jener Zeit ist enorm und wirkte noch auf die kommenden Superstars der achtziger Jahre: Madonna, Michael Jackson und Prince. Wie das so ist bei extrem artifizieller, aber irgendwie auch billig daherkommender Musik, wurde auch die Makellosigkeit dieses Gesamtkunstwerks zunächst unterschätzt. Aber schnell priesen sie selbst Kritiker, die sich sonst an Brian Eno oder Kraftwerk hielten. Für maßgebliche Protagonisten der Neuen Deutschen Welle und des britischen New Wave, später noch für den Amerikaner Moby war sie ein stilprägendes Vorbild.
Ungemein vielseitig
Wie bei jedem Unterhaltungskünstler war auch bei ihr der strikte Hedonismus Fassade. Dahinter verbarg sich eine ungemein vielseitige, persönlich nicht sonderlich selbstbewusste Sängerin, die frühzeitig die Bewunderung der Sopranistin Julia Migenes erregt hatte, auch mit Standards wie „Try a Little Tenderness“ und „MacArthur Park“ fertig wurde, sogar Country beherrschte und später in Nashville auch eine Weihnachtsplatte aufnahm.
So wuchs sie, bei ihren Konzerten immer wieder unglaublich bejubelt, unversehens in die Rolle einer elder states woman des diskoorientierten Pop, dem keineswegs nur Minderjährige etwas abgewinnen konnten. Noch bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an Barack Obama 2009 in Oslo sang sie. Nun ist Donna Summer im Alter von dreiundsechzig Jahren in Key West, Florida, gestorben.
Die Discoqueen der 70ziger - Donna Summer Hot Stuff forever
Eva Steidl (evilein12)
- 20.05.2012, 10:06 Uhr
Die fromme Disco-Ikone
christopher blunt (christopher_blu)
- 18.05.2012, 11:38 Uhr
Viel zu früh
Robert Klemme (rklemme)
- 18.05.2012, 11:13 Uhr
Ruhe im Disco-Frieden...
Anton Stuckenberger (em-pathie)
- 18.05.2012, 09:11 Uhr
Ach wie traurig! Warum so früh? 1975 war ich 13 und eigentlich kein Discofan
klaus keller (klkeller)
- 17.05.2012, 21:08 Uhr