Die Brüderstraße ist eine dieser Straßen, die nirgendwohin führen außer zu sich selbst. Klein und still und ohne Bäume liegt sie, obwohl mitten in Berlin, scheinbar ganz und gar abseits davon. Auf der einen Seite gibt es ein Kaufhaus, das zu den ältesten der Stadt zählt und heute nur noch leere Schaufenster zeigt. Dahinter befindet sich die Rückseite eines Baus, in dem der Bundesnachrichtendienst sein Stadtbüro unterhält; seine Ausfahrt hat er zur Straße hin. Auf der anderen Seite steht das Haus, das in etwas mehr als einem Jahr das Haus Suhrkamp werden soll.
An der Fassade hängen acht Tafeln, lauter bekannte Mieter und Besitzer, von denen der bekannteste, der Verleger und Schriftsteller Christoph Friedrich Nicolai, aus diesem Haus an der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhunderts einen Ort der Aufklärung machte. Hier waren Hegel, Körner, Schadow, Hufeland, Schinkel und Chodowiecki zu Gast, hier befand sich die Verlagsbuchhandlung und die berühmte Privatbibliothek. Das Nicolaihaus hat einmal im Mittelpunkt des geistigen Lebens der Stadt gestanden. Heute steht es im Mittelpunkt von nichts.
Lauter Verweise
An der Tür ein Anschlag, in dem die Stiftung Stadtmuseum mitteilt, dass das Haus wegen Bauarbeiten geschlossen sei, man bitte um Verständnis. Seit neun Jahren wird der Ort vom Museum genutzt, zuerst für Sonderausstellungen, später für die Bibliothek, aber auch das sollte im Jahr 2011 enden. Der Senat hat das Haus in den Liegenschaftsfonds überführt, ein Verkauf stand an, weshalb sich Ende vergangenen Jahres ein Freundeskreis gründete, der sich anbot, Konzepte zu entwerfen für eine Wiederbelebung. Ein Museum der Aufklärung war im Gespräch. Das braucht es nicht mehr. Mit Suhrkamp zieht die Aufklärung als lebender Organismus ein.
Es ist die Nachricht, die den Ort verwandelt. Auf einmal führt die Brüderstraße nicht mehr nur zu sich selbst, stehen die barocken Bürgerhäuser nicht mehr wie in einen städtischen Wurmfortsatz gefallene Reste da, sondern verweisen auf das Leben, das es in ihnen gegeben hat. Auf einmal weitet sich am Ausgang der Straße der Blick auf die Berliner Mitte. Links das Auswärtige Amt, in dem einst die Reichsbank saß, geradezu das Staatsratsgebäude, das sich die Arbeiter und Bauern zur Regierung errichteten, in der Front das Portal des Stadtschlosses, dem der Palast der Republik nachfolgte, der inzwischen abgerissen ist. Lauter Verweise, aber noch keiner, die sie in Zusammenhang bringt. Was für ein Ort, anzufangen.
Berlin, Brüderstraße 13. Da steht das Haus. Jetzt kann es wieder eine Adresse werden.