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Rechte Frauen : Der neue Nazi-Sex-Boom

Die Frau von rechts als mediale Projektionsfläche - Frauke Petry bei einem Wahlkampfauftritt. Bild: Imago

Domina, Luder oder gefährliche Verführerin – ständig werden Frauen, die zur neuen Rechten gehören, in den Medien sexualisiert. Warum eigentlich?

          Es ist ein klassischer Sexfilmeinstieg. Ein Mann träumt von einer Frau, träumt diese Szene: Sie – „zierlich“, „im dunklen Hosenanzug, der Blick wild entschlossen“ – ist dem Mann auf die Herrentoilette gefolgt. Dann „stürzt“ sie sich auf ihn und „drängt ihn in eine Ecke zwischen Heizkörper und Notausgang“.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          In einem Film wäre klar, was dann kommt. Doch es ist kein Porno, es ist ein journalistischer Text. Die Dominahafte, eine Frau, die „verbissen, hart, aggressiv“ ist, ist Frauke Petry. Der Mann, dessen Traum so explizit erzählt wird, ein AfD-Mann, den kaum jemand kennt. Und eigentlich geht es um Parteistreitereien. Die sexgeladene Szene stand so im „Spiegel“, als Frauke Petry in der Alternative für Deutschland noch die mächtigste Frau war, Anführerin deutscher Rechtspopulisten. Und das ist kein Zufall, Ausnahme auch nicht. Denn im Jetzt ist es Alltag, dass die neue Rechten in Verbindung mit ihrer Sexualität gesetzt, gezeigt und gedeutet werden. Warum? Das versteht man, wenn man das Buch „Sexualisierte Nazis“ versteht. Zwar erzählt es von den alten Nationalsozialisten, doch die wurden auch schon übersext dargestellt.

          Die mächtige Politikerin als Domina

          Es sind Antifaschisten, die diese Verbindung Nazis-und-Sex als erste herstellen. Es beginnt in den dreißiger Jahren, beginnt in politischen Karikaturen, Liedern, Texten, Romanen, meist im Exil. Bertolt Brecht beispielsweise schreibt die „Ballade vom 30. Juni“, in der es um Hitlers angebliches Sexabenteuer mit Stabschef Ernst Röhm geht. Dass Nazis schwul sind, schreiben damals und später einige aufrechte Nichtrechte. In „Sexualisierte Nazis“ nennt die Autorin Julia Noah Munier ihre Namen: Heinrich Mann, Paul Zech, Alfred Andersch, und auch Heinrich Böll.

          „Rottet die Homosexuellen aus – und der Faschismus verschwindet.“ Das ist ein bekanntes sowjetisch-antifaschistisches Sprichwort. Das schreibt Maxim Gorki im Jahr 1934 in der „Prawda“.

          Doch entscheidend ist die Zeit nach dem Krieg, sind die Romane, Filme, Bilder, die damals entstehen. Wie die Erzählung „Der Zug war pünktlich“ von Heinrich Böll. Es ist die Geschichte des deutschen Soldaten Andreas, der auf einer Reise auf andere trifft, einer heißt da „der Blonde“, und der erzählt von einer abgelegenen Stellung in der Nähe der Krim, erzählt von einem Wehrmachtsoffizier, der da geherrscht hat: „,Mein Gott‘, stöhnt er, ,er hat uns verführt, was ist da noch zu sagen? Wir waren alle so ... bis auf einen. Der wollte nicht.‘“ Der Blonde meint Sex, und das Bild – der mächtige Nazi, der junge Kaum-Nazis zum Sex zwingt und so zum Nazismus –, dieses Bild sitzt.

          „Sexuell und geschlechtlich ,veranderte’ Figuren werden gerade in der Verschränkung mit Nationalsozialismus zu Figuren des nationalen und historischen Anderen“, sagt die Theorie. Ja, stimmt, sagt der Kopf, dieses „Andere“, das brauchte Böll, das brauchten Bölls Leser, das brauchten die Deutschen. Denn die konnten dann denken und sagen: Schau mal, die Schwulen. So waren wir nicht! Es geht um Abgrenzung, um Entlastung. Und auch um die Opferrolle, die man sich nimmt, weil man ja nichts dafür kann, sexuell bis politisch verführt worden zu sein.

          Was in der Literatur geht, geht auch in der Malerei. Doch Schuld ist da nicht der Homonazi, Schuld ist die dämonenhafte Frau. Wie im Gemälde „Deutschland 1944“ von Franz Radziwill. Der Maler, der schon 1933 ein NSDAP-Parteibuch bekam, bekam 1938 auch ein Ausstellungsverbot. Die Nazis fand er dann nicht mehr so gut, sich selbst anscheinend aber auch nicht so schuldig. Das zeigt sein Gemälde. Da sitzt eine Frau mit schwarzen Handschuhen, Augenklappe und Zigarette, in Farben der Reichskriegsflagge gekleidet. Hinter ihr Galgen. Und im Außenraum eine kleine gebückte Männerfigur vor Ruinen. Die Frau, die sehr klar Deutschland darstellt, sieht nach Milieu aus, und der gebückte Mann nach ihrem betrogenen Freier.

          Nationalsozialismus gleich sexuelle Verführung durch gefährliche Weiblichkeit – diese Gleichung gilt nicht nur für „Deutschland 1944“. So rechnen in Nachkriegsjahren viele Künstler und Schriftsteller und Regisseure. Und wieder ist es dieser einfache Mechanismus: Sich als Opfer darstellen, sich distanzieren und so selbst entlasten. Ein Alibi ist das, weil man Angst hat, dem brutalen, mordenden Anderen anzugehören. Doch die Angst führt „nicht nur zu Ablehnung, sondern auch zu einem tiefen, unaussprechlichen Begehren“, schreibt Julia Noah Munier.

          Schuld ist die dämonenhafte Frau

          Das Problem mit dem Sex und den Nazis ist nicht nur der offensichtliche Versuch, die eigene Verantwortung verdrängen, vergessen zu wollen. Es ist auch die Verharmlosung. Wenn Sexualität als Ursache, als Ursprung des Nationalsozialismus erscheint, stellten sich weniger Fragen nach dem Wie, nach dem Warum, das ist eine These im Buch. Und ja, die deutsche pedantische Planung des fabrikhaften Tötens ist mit Sex, ist mit Trieben nicht zu erklären.

          In „Sexualisierte Nazis“ drängen sich unzählige Werke aus den Nachkriegsjahren bis heute, die Munier geschaut hat, gelesen, gedeutet. Das musste sie auch, denn zum Schluss deutet sie das Deutschland von heute. Sie zitiert zuerst die Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2015. Da sagten 81 Prozent der Deutschen, dass sie die Geschichte der NS-Judenverfolgung „hinter sich lassen“ wollen. Und dann Muniers These: Das neue Vergessenwollen steht im Zusammenhang mit der Konjunktur der Sexualisierung im Jetzt. Diesen neuen Nazi-Sex-Boom beschreibt, beobachtet Julia Noah Munier in der Kunst – in Musik, in Büchern, in Filmen.

          Was aber ist mit der Wirklichkeit? Da geht es kaum mehr um die alten Nazis, es geht um die neue Rechte. In Zeitungen, Zeitschriften, im Fernsehen sieht man sie jetzt jeden Tag. Und immer wieder werden sie über ihre Sexualität gedeutet, gezeigt. So wie die dominahafte Frauke Petry vor der Herrentoilette im „Spiegel“. Und überhaupt Frauke Petry: Die Ikone der Rechtspopulisten, die sie war, bis sie sich selbst geköpft hat, erklärt und erklärte man oft über die Weiblichkeit Petrys. Eine Frau für Menschen, die „Bestrafungsphantasien“ hegten, schreibt „Spiegel Online“. „Wie gefährlich ist diese Frau?“, fragt die „Zeit“ und sagt später, dass sie es sich „leisten“ kann, „ungeschminkt aufzutreten“, was so viel heißt, dass sie heiß ist.

          Fortsetzung der Petry-Sexualisierung mit fiktionalen Mitteln - eine Szene aus dem „Tatort“ „Dunkle Zeit“, in der Anja Kling (Mitte) die Vorsitzende einer rechtspopulistischen Partei spielt.

          „Machthungrig“, „verbissen“ und „sexy“ sind die Worte, die in Zeitungen um den Namen Petry herumstehen. Doch der Höhepunkt der Petry-Sexualisierung lief im Fernsehen, lief letzte Woche, als ihre Doppelgängerin zum Höhepunkt kam. Das war im „Tatort“, der immer seltener Kunst ist, immer öfter ein moralistischer ARD-Leitartikel zur politischen Lage im Land. Anja Kling spielt da die Rolle der Fraktionschefin einer Rechtspopulisten-Partei, die klar die AfD darstellen soll. Und Kling hat sehr viel zu tun – mit Parteistreitereien, mit einem Mordfall –, aber Zeit für Oralsex. Wichtig: Sie wird befriedigt. Ihr Geliebter bückt sich, den Rest sieht man in ihren Augen, die sie lustvoll verdreht.

          Der Sexappeal der Populisten

          In den Augen von Melanie Schmitz, einer Identitären aus Halle, sieht ein „Spiegel“-Autor überhaupt nichts. Es ist ein Porträt, das im letzten Satz das Gesicht der Rechten erklärt, es sagt: „Man kann darin nichts lesen.“ Verständlicherweise. Denn der Kopf dieser Schmitz spielt im Text kaum eine Rolle. Dort geht es viel mehr um ihren Körper. Es geht darum, dass sie mal ein „sehr kurzes Kleid“ trägt oder „Netzstrumpfhose“ oder einen „Badeanzug“, oder sie sitzt „mit kurzem Rock und angewinkelten Beinen in einem Himmelbett“. Das sieht der Autor, wenn er sich Melanie Schmitz im Internet ansieht, und er hört damit einfach nicht auf: „Sie trägt dezente Ohrringe und roten Lippenstift. Sie ist schlank, hat hohe Wangenknochen und herbstrot gefärbte Haare. Man schaut sie an und ist hypnotisiert von der Inszenierung dieser Frau. (...) Es ist die perfekte Verführung“. Den Rest sagen die Fotos der fünf sexy Seiten – ikonenhaft, schwarz-weiß.

          Jetzt muss man die neuen Rechten nicht körperlos, prüde betrachten oder beschreiben. Doch wenn man ihnen zusieht, muss man mehr sehen als kurze Röcke oder enge Hosenanzüge oder eine Vergangenheit als Prostituierte, die eine AfD-Frau aus Nordrhein-Westfalen hat. Das enthüllen – und enthüllen ist bildlich gemeint, denn gemeint sind Swingerclubs, sind Bordelle – Investigativjournalisten auf der Plattform „Correctiv“. Zitieren kann man den „Sexskandal“-Text, der das Privat- beziehungsweise Nebenberufsleben der AfD-Frau ausführt, nicht mehr, er ist verboten. Die Enthüllte hatte geklagt, hatte gewonnen.

          Eine dritte in dieser Partei, „das Engelsgesicht der AfD“, wie seltsamerweise Alice Weidel ab und an genannt wird, ist selber schuld, dass ihre Sexualität immer wieder erwähnt wird, so ungefähr heißt es. Schon im Vorspann steht dann: „jung, lesbisch, AfD“ („Focus“) oder „jung, gebildet, homosexuell“ („Tagesspiegel“) oder „lesbisch, wirtschaftsliberal, beruflich international aufgestellt“ („taz“) oder „eine Frau, die offen lesbisch lebt“ („Zeit“). Und das sagt schon alles, schreit schrill die Skandalisierung der Sexualität von Alice Weidel heraus.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Es gibt zwar auch schwule AfD-Männer, doch die lässt man öffentlich in Ruhe im Jetzt. Das war mal anders, zu schwulen Nazis war man mal anders: in den achtziger Jahren, als Zeitungen, Zeitschriften die Homosexualität eines superharten, supergefährlichen Neonazis entdeckten. Er hieß Michael Kühnen, verurteilter Volksverhetzer, Verbrecher, Rassist. „Neonazi Kühnen leider kein Aids?“, stand in der „taz“ tatsächlich über einem Text im Jahr 1987. Und 1989 ging die erste Frage an Kühnen in „Tempo“ dann so: „Du trägst eine schwarze Lederjacke, eine schwarze Armeehose und ein schwarzes Hemd. Ist deine Unterhose auch schwarz?“

          Engelsgesicht und teuflische Verführung

          Heute ist die Homosexualität der rechten Männer und Nazis selten Skandal. Es ist die gute Nachricht, die zum Rechte-und-Sex-Boom gehört, weil die Gesellschaft zum Teil und zum Glück schwul nicht mehr als das Andere ansieht.

          Andererseits ist das verführerische, böse, düstere, teuflische Andere noch immer die Frau – egal ob hetero, ob homo – , wenn sie rechts ist. Oder gleich echter Nazi, so wie Beate Zschäpe, das „Killer-Luder“ („Bild“) mit dem Blick, der „ein bisschen kokett, ein bisschen gefährlich“ ist („Süddeutsche Zeitung“). Warum muss die Sexualität der rechten Frauen immer wieder ausgemalt werden? Aus demselben Grund, der die Deutschen der Nachkriegsjahre antrieb, als sie frische Naziverbrechen verdrängten.

          Man versichert sich selbst, ganz weit weg zu sein von der Welt einer Ex-Sexarbeiterin, die AfD-Mitglied ist. Ganz anders zu sein als eine Dominahafte, die AfD war. Man erklärt sich sein Staunen über eine Identitäre durch ihr angeblich hypnotisierendes Äußeres. Man kann nichts dafür, so was ein wenig sexy zu finden, ein wenig scharf. Man wird schließlich betrogen, verführt. Doch die Darstellung einer Verführung – und das ist die unsexy Wahrheit – ist unfreiwilliges Eingeständnis einer Mittäterschaft. Denn wenn man sagt, man wurde verführt, sagt man, dass man getan hat, wozu man verführt worden ist.

          Und warum jetzt? Weshalb nimmt man sich wieder, im Jahr 2017, das Alibi, das sich die Deutsche nach dem Krieg nahmen? Weshalb wird wieder dieser Sextrick aufgeführt, der die Schuld verschleiert, verdeckt? Es ist nicht so, dass das der Nationalsozialismus seit heute morgen kaputt ist, keiner kommt jetzt aus dem Krieg, keiner hat gestern Hitler gegrüßt. Es ist aber so, dass das der Nationalsozialismus, Hitler, der Zweite Weltkrieg, zum Leben der Eltern und Großeltern gehören und so immer noch, 70 Jahre später, auch zum eigenen Leben. Das ist schwer zu ertragen ist, es bedroht das eigene Selbst. Und dann kommen die neuen Rechten, die einen jetzt auch noch zwingen, sich diese Geschichte anzuschauen. Man schaut aber weg und verdeckt, verschleiert alles mit Sexuellem. So ist man sicher. Doch sicher ist: Wenn man nur Sex sieht, sieht man zu wenig.

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