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Dokumentarfilm „Work Hard - Play Hard“ Führen durch Weichspülen

Arbeit als Freizeit: Carmen Losmanns „Work Hard - Play Hard“ führt hellsichtig an die Abgründe des neuen ökonomischen Totalitarismus am Arbeitsplatz.

© Film Kino Text Vergrößern Wenn die Arbeit immateriell wird, kann man sie nicht mehr auf die lange Bank schieben: „Work Hard – Play Hard“.

Im Wald, da sind nicht mehr die Räuber, sondern die Manager. Sie kraxeln unter grünem Laub, seilen sich im perfekten Bergsteigeroutfit von Felsen ab, überwinden ihre Angst und arbeiten an ihren Teambildungsskills. Dabei motivieren sie sich durch gemeinsame „Super!“-Rufe oder reden wie Angehörige einer Sekte: „Es ist ein wahnsinnig tolles Gefühl, mich einfach in die Arme meiner Kollegen fallen zu lassen, das ist ein sehr, sehr schönes Gefühl.“

„Hier geht es zu wie bei Scientology“ - diese Äußerung zischte der Regisseurin Carmen Losmann ein Angestellter beim Dreh zwischen Tür und Angel zu, sie hat sie also nicht aufnehmen können. Aber es ist schon erstaunlich, welch großartige Einblicke in bislang ungesehene Welten Carmen Losmann in ihrem Langfilmdebüt gelingen. Am Anfang von „Work Hard - Play Hard“ stand die Frage, wie es eigentlich kommt, dass die Abschaffung der Stempeluhren dazu führt, dass die Menschen nicht mehr vierzig Stunden arbeiten, sondern sechzig. Und was das alles mit der Entgrenzung der Arbeit durch die technischen Möglichkeiten von Laptop, Mobiltelefon, Internet zu tun hat.

Denn was mit der Verkleinerung der Maschinen zur Nanotechnik und der Abwicklung weiter Teile der Fließbandarbeit begann, setzt sich längst auf der Ebene der „weißen“ Angestellten fort: Aus Büros werden „nonterritoriale“ Arbeitsplätze - und wer noch vor ein paar Jahren über jene „digitale Boheme“ spottete, findet sich längst selbst an wechselnden „working stations“, an denen weder private Fotos noch eine persönliche Kaffeetasse gestattet sind, weil zur neuen Office-Philosophie neben der totalen Transparenz auch der Zwang zum informellen Gespräch gehört. Denn „zufällige, ungeplante Kommunikation“, so ein ganz schlauer Designer dieser neuen Arbeitswelten, sei für „achtzig Prozent“ der Kreativität eines Unternehmens verantwortlich. Also plant man eben das Unplanbare.

„Führungsstil des unterstützenden Führens“

Zu den spannendsten Passagen dieses hochinteressanten Films gehört der Besuch bei einem Musterbetrieb dieser futorologischen Arbeitswelten: „Ich wünsche Ihnen viel Spaß“, sagt die Pförtnerin, die nicht mehr so heißen darf, denn klarerweise soll möglichst wenig daran erinnern, dass hier überhaupt Arbeit stattfindet. Hier versucht man, möglichst perfekt Büros ohne Bürocharakter zu bauen, Erholungszonen und „Meeting Points“ zu schaffen, die „eher einem Wohnraum“ gleichen, in denen sich dann die Arbeitskollegen im Idealfall „wie Nachbarn“ begegnen. Die Gratwanderung ist klar: Man soll sich wohl fühlen, ohne faul zu werden, konzentriert und effektiv arbeiten, aber dabei einen „Flow“ bekommen, weil man sich in diesem Zustand am besten selbst ausbeutet. Die Farbe Orange ist dafür offenbar besonders geeignet, dagegen verwendet man „bewusst keine Braunfarbtöne, die zu sehr an zu Hause erinnern“.

So geht es weiter, man wird Zeuge eines Assessment-Centers, verschiedener Managertrainings, man hört Auszüge aus Firmenphilosophien und Teamcodices: „Das Führungsprinzip des primus inter pares basiert auf dem Führungsstil des unterstützenden Führens. Dessen Elemente sind: reflektiv, empathisch, wertschätzend, alert, rational und direkt. Kurz: Reward.“

Wie die Betriebswirtschaft unser Leben zerstört

Carmen Losmanns besondere Sensibilität gilt dem, was dies unserer Sprache antut: Der mit Anglizismen durchtränkte Jargon, dem alles „challenge“ ist, hat zum einen einen Weichspüleffekt, der über Unangenehmes hinwegtäuschen soll. Zugleich ist ihre Funktion ideologisch: Neue Worte helfen bei der Gleichschaltung. Und nicht umsonst erinnert die Managersprache an George Orwells „newspeak“. Tatsächlich haben moderne Unternehmen mit Sekten und politischen Religionen mindestens eines gemeinsam: Die Disziplinierung geschieht nicht durch Zwang, sondern durch verinnerlichte Werte, salopp gesagt: Gehirnwäsche.

Mit seinem ruhigen, zurückhaltendeStil, der erkennbar durch die Arbeiten Harun Farockis beeinflusst ist, gelingt dem Film eine beunruhigende Bestandsaufnahme des „Kapitalismus als Religion“, wie Walter Benjamin das einst nannte. Losmann verzichtet auf jeden Kommentar - das erledigen schon die von ihr Porträtierten selbst, wie jene Analystin, die sich nicht in die Kamera zu sagen scheut, sie wolle die Vorgaben „nachhaltig in die DNA jedes Mitarbeiters einpflanzen“.

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So ist das Fazit offenkundig: Hinter dem freundlich-soften Gesicht der Turbo-Ökonomie mit ihrem Optimierungsglauben und Effizienzwahn lauert die Härte eines neuen Totalitarismus: Carmen Losmanns abgründige Innenansichten zeigen, wie die Betriebswirtschaft unser Leben zerstört und am Ende vielleicht auch den klassischen Kapitalismus.

Quelle: F.A.Z.

 
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