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Documenta11 - Künstlerporträt Die Atlas Group und ihr Archiv des Bürgerkriegs

05.09.2002 ·  Der libanesische Künstler Walid Ra'ad hat ein Archiv aufgebaut, das die vermeintliche Objektivität von Geschichtsschreibung in Frage stellt.

Von Katja Blomberg
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Aufgeräumt und asketisch wirkt der libanesische Konzeptkünstler Walid Ra'ad, der mit seiner Atlas Group zur Erforschung des libanesischen Bürgerkriegs bei der diesjährigen Documenta11 aufsehen erregt hat. Wenn man ihm gegenübertritt, um mehr über diese Gruppe zu erfahren, ist man nicht erstaunt, dass Ra'ad einen schicken Laptop öffnet und das einzigartige Archiv sachlich vorführt.

Ein paar Mausklicks, und man ahnt Ausmaß und Struktur dieser in zehn Jahren aufgebauten, einzigartigen Datensammlung, die sich der Zeit des Terrors in Beirut zwischen 1975 und 1991 widmet und als Thema über alle Bildschirme unserer Kindertage lief.

Eine private Stiftung

Die Atlas Group tritt als imaginäre Stiftung auf. Vorsitzender und einziges Mitglied ist Walid Ra'ad selbst. Sein Projekt besteht aus historischen Dokumenten, die teilweise original, teilweise aber manipuliert sind. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Wunsch und Wirklichkeit sind fließend: Echt erscheinen die archivierten Belegstücke, erfunden hingegen die Personen, die sie sammelten. Oder umgekehrt? Ra'ad hält Vorträge, präsentiert seine Performances in der ganzen Welt. Stets trägt er seine einmalige Hintergrundinformation in der dritten Person vor. Dabei stammen die Dokumente allesamt aus seiner Hand. Auch, wenn er nicht alles selbst hergestellt hat.

Dem westlichen, meist jungen Publikum sind die historischen Details der libanesischen Geschichte naturgemäß wenig präsent. Alle ahnen, dass bei Ra'ads Vortrag über Historiker, die sich als Pferderennen-Zocker entpuppen, und Autos, die als Bomben in die Luft fliegen, nicht nur knochentrockene Fakten zusammengetragen wurden. Aber was an Ra'ads Ausführungen Fiktion und was Realität ist, kann das Publikum kaum beurteilen. Gerade darin liegt der Reiz dieses Langzeit-Projekts, für das Ra'ad nicht müde wird, in Form eines sich ständig erweiternden Archivs zu werben, das wie ein Denkmal für den libanesischen Bürgerkrieg funktioniert.

Erfunden - Bilder, echt und manipuliert

Zu sehen sind Fotografien von Rollgittern verschlossener Beiruter Läden. Von ihnen heißt es, dass vor ihren Türen Autobomben gezündet wurden. Oder ein Video mit Bildern von Sonnenuntergängen, die ein Wachmann mit seiner Überwachungskamera geschossen hat. Überliefert sind ferner Schwarz-Weiß-Filme und Briefe aus dem Paris der 50er Jahre, die aus dem Nachlass eines anderen Stifters stammen und eine heile Welt von gestern zeigen. In Wahrheit wurden sie von einem Schauspieler und trickreichen Computerprogrammen hergestellt.

Aufbewahrt werden auch Notizen der schon erwähnten Pferdewettgruppe, der ausschließlich Historiker angehörten, welche sich der Erforschung des libanesischen Bürgerkriegs widmeten. In ihren Notizbüchern fanden sich Zeitungsausschnitte mit Fotos der Siegerpferde kurz vor oder hinter der Ziellinie. Dazu Notizen, die sowohl den Sieger als auch den Historiker beschreiben, der auf das Pferd gesetzt hatte, und die Differenz seiner geschätzten Zeit und der gemessenen Zeit.

Wer schreibt Geschichte richtig?

Ra'ad hält das Andenken an den Bürgerkrieg aus der Sicht einzelner Medien-Flaneure wach. Nicht aus der offiziellen Perspektive politisch recherchierender Wissenschaftler. Privatwissenschaftler werfen Blicke zurück auf die Zeit, in der Autobomben im Libanon zum Tagesthema gehörten. Ra'ads Sammlung umfasst allein 145 Zeitungsausschnitte mit Fotografien von Autos, die mit jenen übereinstimmen, die zwischen 1975 und 1990 als mobile Bomben verwendet wurden.

Jedes Foto wird von einem arabischen Text begeleitet, der Zeitpunkt, Datum und Heftigkeit der Explosion festhält. Auch wenn er behauptet, das Material in einem Nachlass gefunden zu haben, ist Ra'ad ihm selbst nachgegangen: Neben der Abbildung eines unversehrten Wagens gleichen Typs zeigt er Zeitungsbilder von ausgebrannten Motoren, die stets als einziges übrig bleiben und gewöhnlich weit vom Anschlagsort entfernt gefunden werden. Der Terror von Beirut hat seine eigene Medienikonographie entwickelt. Der Künstler legt sie in seinem Archiv offen und kommentiert sie auf seine Weise.

Sinnlich, lebendig, suggestiv

Der 1967 im Libanon geborene Walid Ra'ad verbrachte seine Kindheit inmitten dieser Szenerie. Um bestimmte Automarken, die gern für Anschläge benutzt wurden (zum Beispiel weiße Mercedes-Limousinen), machte man automatisch große Bögen, wenn sie am Straßenrand parkten. Der Terror zieht absonderliches Schutzverhalten nach sich.

Auf der Documenta11 füllen „echte“ Belegstücke drei ganze Räume. In Frankfurt hat Ra'ad sein Material in einem Vortrag vorgeführt und kommentiert. Diese Form der Präsentation liegt dem in New York lehrenden Kunstprofessor mehr als die herkömmliche Art, gedrucktes Belegmaterial museal aufzubereiten und den Betrachter damit allein zu lassen. Erzählte Geschichte ist sinnlicher, lebhafter als sachliche Geschichtsschreibung. Aber diese wie jene läuft Gefahr, Fakten den eigenen Wunschvorstellungen unterzuordnen. Auch ein rein wissenschaftlicher Vortrag entwickelt Suggestionskräfte, denen die sachlich unterlegenen Zuhörer ausgeliefert sind. Und darum geht es dem Künstler: die Grenzen der vermeintlich exakten Wissenschaften aufzuzeigen und mit den Mitteln der Kunst in Frage zu stellen.

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