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Documenta11-Interview Hans-Ulrich Obrist: „Großausstellungen sind gut“

28.06.2002 ·  Mammutausstellungen werden oft kritisiert: Der Kurator Hans-Ulrich Obrist findet sie gut. Sein jüngstes Beispiel: die Documenta11.

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Hans-Ulrich Obrist ist einer der profiliertesten jungen Kuratoren Europas. Der Schweizer lebt in Paris. Dort ist er Kurator am Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris an. Darüber hinaus hat Obrist Ausstellungen in New York, Paris, Wien, Tokio, Bangkok, Hamburg und London kuratiert. Nach einem Wirtschafts- und Politikstudium wandte er sich Anfang der 90er Jahre der zeitgenössischen Kunst zu. Seither publizierte er zahlreiche Bücher, darunter Gespräche mit Gerhard Richter, Christian Boltanski und Gilbert & George. FAZ.NET sprach mit ihm über die Documenta11.

Herr Obrist, wie beurteilen Sie die Documenta11 nach Ihren ersten Eindrücken?

Um über die gesamte Documenta11 etwas zu sagen: ich bewerte sie sehr positiv. Nur habe ich leider noch nicht alles gesehen. Mir fehlen noch etwa 30 Prozent, vor allem Filme, die ich mir im Juli ansehen werde.

Sie selbst haben sich mit Fragen der Urbanität, vor allem in Asien beschäftigt. Ein brennendes Thema, das auf der Documenta11 kaum berücksichtigt wird. Fehlt Ihnen dieser Aspekt?

Eine Ausstellung kann nie alles abdecken. Man kann so eine Veranstaltung nie danach beurteilen, was fehlt, sondern nur danach, was da ist. Ich denke, dass das, was die D11 abdeckt, hervorragend abgedeckt wird. Deshalb kann ich das eigentlich nur positiv beurteilen. Die Frage der Stadt wird ja auch behandelt. Auf sehr interessante Weise sogar, mit Constants „New Babylon“ von 1970. Oder auch mit Yona Friedmanns „Raumstadt“ von 1958. Das sind sehr interessante Beiträge immer noch aktueller Stadtutopien.

Die D11 ist eine Kritik am Eurozentrismus, zeigt aber nicht, was die Künstler in den Ländern wirklich leisten. Finden Sie, dass der Docuemnta11-Chef, Okwui Enwezor, da einen Schritt zu wenig leistet?

Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, dass die Documenta zeigt, dass die Kunstwelt jetzt viel flexibler ist. Und Enwezor zeigt die wachsende Dezentralisierung der künstlerischen Praxis, und auch der künstlerischen Orte, wo diese Praxis entsteht. Und das nicht nur aufgrund von Einzelpositionen, sondern auch von Kollektiven. Sie hatten die Frage der Stadt gestellt. Da finde ich auch den Beitrag des Raqs Media Collektive, wo die indische urbane Situation heute gezeigt wird, hoch interessant.

Worum geht es in dem Beitrag genau?

In der Documenta-Halle hat man Zutritt zu deren Internetauftritt, zu Panels und Documentationen, die sich mit der Frage beschäftigen, in wie weit unregulierte Kommunikations- und Informationsmärkte letztlich die Informationsfreiheit einschränken.

Das ist für ein breites Publikum schwer zu verstehen. Braucht man viel Zeit, um sich da hineinzuversetzen?

Ja, man kann Stunden allein in der Documenta-Halle verbringen, wenn man will. Dass die Frage der Zeit auf dieser documenta so gestellt wird, finde ich auch interessant. Man kann Stunden in den verschiedenen Ausstellungshallen, etwa der Binding Brauerei, verbringen. Der Besucher wählt eben seinen Parcours, dort wo er Zeit verbringen möchte, selbst aus. In diesem Sinne ist ein Besuch immer partiell. Aber man kommt vielleicht mehrmals wieder. Das ist ja auch legitim.

Um nochmals auf die Städte zurückzukommen. Ich glaube es ist sehr wichtig, das diese wachsende Dezentralisierung nicht nur in künstlerischer Praxis, sondern auch als künstlerischer Ort, aufgezeigt wird. Sie haben Asien erwähnt. Dort sind ja doch einige Positionen vertreten, die ich sehr interessant finde. Zum Beispiel den Beitrag des Shanghaier Video-Künstlers Yang Fudong im Fridericianum. Das fand ich eine wirkliche Entdeckung.

Hat sich die Documenta als reine Ausstellungs-Institution überlebt?

Es ist immer sehr schwierig, über die Zukunft von Ausstellungen zu reden oder auch über die Zukunft von Kunst. Ich glaube, dass Kunst das verändert, was man von ihr erwartet. Insofern lehne ich Spekulationen über die Zukunft ab. Es erscheint mir interessanter, über die Gegenwart zu reden und über die Frage, wie sich Kunst in der Gegenwart verändert. Die Ausstellung ist ja eine Institution, die es im Vergleich zum Museum noch nicht so lange gibt. Ich glaube auch, dass das Museum weiter als Institution Sinn macht, es muss nur immer neu erfunden werden. Solche Instrumente werden nicht obsolet, sondern immer wieder neu erfunden.

Obwohl die Museen so unbeweglich geworden sind? Haben die Ausstellungen auf Zeit die größte Chance, wahrgenommen zu werden?

Es gibt ja nicht nur die Documenta, es gibt in den letzten Jahren immer mehr Biennalen. Wo sich auch eine Multiplikation der Zentren bemerkbar macht. Das ist ja auch sehr positiv. Es wird ja oft gesagt, dass es sogar schon zu viele Biennalen oder zu viele dieser Großausstellungen gibt. Ich glaube, dass sie grundsätzlich eine gute Sache sind, weil dadurch weniger Isolation oder Trennung da ist. Ich denke dass die Multipilkation der Biennalen positiv ist, in Dakar, Sao Paulo oder in Asien sind sie lokal absolut notwendig.

Die Frage ist also nicht, ob es zu viele gibt, sondern wie man vermeiden kann, dass sie sich zu sehr angleichen, so dass verschiedene Modelle entstehen können. Es ist eben interessant, dass Globalisierung in diesem Sinne nicht zur Homogenisierung führt, sondern dass man versucht, gegenteilige Strömungen zu bewirken. Das ist eine der größten Herausforderungen für die nächsten Jahre, dass sich diese Modelle nicht angleichen und auch Differenz deutlich wird. Auch die Idee, dass es nicht mehr die eine absolute Ausstellung gibt, ist wichtig. Genauso wie es nicht mehr das eine absolute Zentrum gibt. Eine Ausstellung ist eine Wahrheit, die von sehr vielen anderen Wahrheiten umgeben wird, die es ebenfalls wert sind, angesehen zu werden.

Leistet die Documenta11 die Einsicht, dass es viele Wahrheiten gibt?

Ich denke, von dem was ich gesehen habe kommt das schon raus in der Ausstellung, dass man verschiedene Koxistenzen von verschiedenen Räumlichkeiten und Zeitlichkeiten hat.

Auf welchen Beitrag sind Sie besonders neugierig, wenn Sie das nächste Mal nach Kassel fahren?

Ich war ganz besonders beeindruckt von den Videoarbeiten von Steve McQueen. Ganz besonders von seiner Videoarbeit mit dem Aufzug, der in eine Goldmine hinabführt. Die werde ich mir noch einmal ansehen. Ich denke, das ist eine der wichtigsten Arbeiten der ganzen Documenta11.

Das Gespräch führte Katja Blomberg

Quelle: @blo
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