Home
http://www.faz.net/-gqz-3gqn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Documenta11-Film Die eindrucksvolle Bilderwelt des Inders Amar Kanwar

11.06.2002 ·  Der Filmemacher Amar Kanwar schildert auf der Documenta die aktuellen Konflikte des Subkontinents.

Von Katja Blomberg
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Es sind nicht alles Künstler, die auf der 11 Documenta in Kassel über eine neue Form ästhetischer Wissensvermittlung nachdenken und sich globaler Probleme im eigenen Umfeld annehmen.

In dieser Woche führt die Documenta11 in einem nächtlichen Sonderprogramm vier Filme aus Kanada, Indien, Palästina und Belgien vor, die teilweise in der Ausstellung in gekürzter Form zu sehen sind. So etwa Amar Kanwars beeindruckender Beitrag „A Night of Prophecy“, der 2002 im Grenzgebiet zwischen Indien und Pakistan entstand und im Fridericianum in einer Version von 30 Minuten läuft. Die ungeschnittene Version, die an diesem Dienstagabend in Kassel ihre Welturafführung feiern wird, dauert 73 Minuten.

„A Season Outside“

Der 1964 in Neu-Delhi geborene Dokumentarfilmer Amar Kanwar hat Film und Fernsehen an einer Hochschule in Delhi studiert. Seine Stücke, die in Indien im Fernsehen und im Kino liefen und mehrfach ausgezeichnet wurden, konzentrieren sich auf ökologische, soziale und politische Krisen in seinem Heimatland Indien. So beschäftigte Kanwar sich mit der Wasserbeförderung in der Wüste, mit dem Verhältnis von Mann und Frau in der indischen Oberschicht oder mit dem Widerstand der Landbevölkerung gegen große Bauvorhaben für Industrieparks und Häfen.

Schon vor fünf Jahren griff Kanwar den Konflikt im indisch-pakistanischen Grenzgebiet auf. In „A Season Outside“ dokumentierte er, wie Menschen von beiden Seiten der Grenze in der täglichen Abenddämmerung in dem Ort Wagha an eine dünne weiße Linie treten, an der sie die rituelle Öffnung und Schließung der Grenze zelebrieren. Im nächsten Schritt untersuchte der Filmemacher, wie sich in diesem Ritual Männlichkeit manifestiert.

„A Night of Poetry Prophecy“

Für die Documenta11 ist der Film „A Night of Poetry Prophecy“ entstanden, dessen schöne Bilder Lieder und Gedichte aus der Schicht der Unberührbaren und Armen begleiten. Einer davon ist ein alter Barde, den man für einen Analphabeten hielt, der aber 6000 Gedichte geschrieben hat, die jeder in Indien kennt.

Die Erzählstimme in dem Film erzählt, wie wichtig in Indien Farben seien und dass seine Familie über das ganze Land „wie Samen im Wind“ verstreut sei. Der Film zeigt teatralisch marschierende indische Soldaten, dann eine leicht vernebelte Landschaft: „Die linken Bäume sind unsere, die in der Mitte gehören ihnen“, sagt die Stimme. Soldaten gehen durch die hochgewachsene Wiese zwischen diesen Bäumen, die keine Grenze erahnen lassen: „Die unsichtbaren Mauern sind gigantisch. Nur die Schmetterlinge und die Vögel genießen Freiheit...“.

Wo die Krähen herkommen, weiß nur der Wind

Ein ewige indisch-pakistanische Konflikt wird in vielerlei Bildern symbolisiert : etwa im Bild einer Krähe, die einem jungen Hund immer wieder neckisch in den Schwanz zwickt. Die Grenzen zwischen Legende und Realität sind fließend. Man sieht tausende von Männern in bunten Turbanen durch Straßen gehen, einen Schwertkampf, bei dem einer der Männer durch die Runde läuft und die Umstehenden mit rotem Pulver bestäubt. Ein Ziegenkampf erheitert eine andere Runde. Wieder bleiben die Männer unter sich. Und „irgendwo ist ein Schlüssel, der in den großen Augen eines kleinen Kindes liegt...“

Amar Kanwars Beitrag lebt von hinreißenden Bildern, detaillierten Beobachtungen und einer Melancholie, die zwischen Vergangenheit und Zukunft zu vermitteln sucht.

„A Night of Poetry Prophecy“ , Indien 2002, 11. Juni, 22.15, mit einer Einführung von Mark Nash. Bali-Kino im Kulturbahnhof, Kassel.

Quelle: @blo
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3