21.06.2002 · Der britische Video-Künstler Steve McQueen konnte zu anderer Gelegenheit schon besser überzeugen, als mit seinen Beiträgen auf der D11.
Von Sabine B. VogelSeiner Idee eines physisch erfahrbaren Films bleibt der aus London stammenden Schwarzen, Steve McQueen, auch in seinen zwei jüngsten Produktionen für die Docuemnta11 treu.
Eine Bergwerkmine und eine karibische Insel sind die Schauplätze, die in seinen beiden Beiträgen in eine fremde Welt führen. Sie ist einerseits sehr traurig, andererseits höchst poetisch.
"Western Deep", Fragen über Fragen
Komplette Dunkelheit herrscht im kleinen Kinosaal auf der D11. "Western Deep" beginnt, nichts ist zu sehen. Hier und da ein angeleuchteter Mensch, angeleuchtete Wände. "Western Deep" führt uns fast in Echtzeit in eine südafrikanische Goldmine, die tiefste der Erde. Kaum etwas passiert, zu sehen sind nur die minimalen Ausschnitte, die von den Grubenlampen am Helm der Bergleute angestrahlt werden. Nach fast 20 Minuten wird das Bild klar, die Bergleute sind oben im Aufenthaltsraum angekommen. Fieberthermometer im Mund, zermürbende Gymnastik ohne Unterbrechung, vollständig erschöpfte Männer im Schlussbild. Wurde die Kondition getestet oder wurde sie gestärkt? Arbeiten die Männer hier wirklich freiwillig? Wie lang dauert eine solche Schicht im Bergwerk tatsächlich? Die Fragen werden nicht beantwortet.
"Western Deep", wie im Paradies
Während "Western Deep" mit streng reglementierten Einlasszeiten eine identifikatorische Situation erzeugt, läuft McQueens zweiter Beitrag "Carib´s Leap" als Endlosschlaufe. Zwischen Sonnenaufgang und -untergang sehen wir eine Insel im Meer liegen, schwimmende Kinder, buntgeschmückte Särge, eine Frau mit ihrem wasserscheuen Hund und einen Mann, der kleine Schiffe baut und in Formationen ins Wasser setzt. Zwischendurch fällt eine Gestalt im freien Flug aus dem Himmel, die Boote liegen irgendwann gestrandet am Ufer. All diese Bilder sind in ihrer Grobkörnigkeit und Farbigkeit höchst blass und unscharf: Den erzählerischen Zusammenhang verraten sie nicht. Die karibischen Indianer auf der Insel Grenada zogen 1651 einen Massenselbstmord der französischen Kolonisierung vor - lesen wir im Kurzführer als Erklärungshilfe.
Hölle und Paradies als Leitmotive schleichen sich tatsächlich dank der gezielten Schnittfolgen immer wieder in die bunte Bildwelt von "Carib´s Leap". Aber die historische Aufladung, die enorme Symbolhaftigkeit der Bilder kommt kaum gegen die pure Schönheit der Motive an. Und während "Western Deep" uns allein durch die Dunkelheit eine annähernd physische Erfahrung beschert, verwirren die vielen, lose verbundenen Szenen von "Carib´s Leap". Im Kurzführer erfahren wir, dass beide Filme als "gegenüberliegende Monumente eines Diptychons" konzipiert sind, die "Sklavenarbeit und Kolonialisierung als ultimative Formen der Instrumentalisierung von Abhängigkeit" kommentieren.
Das ist im Sinne des großen Themas der Documenta11 sehr treffend formuliert, aber in den Filmen ziemlich kryptisch umgesetzt.