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Documenta-Teilnehmerin Wenn Tod und Sex eins sind - die Bildhauerin Louise Bourgeois

07.07.2002 ·  Mit 70 Jahren gelang der Durchbruch. Mit 90 ist Louise Bourgeois die Älteste auf der Documenta11. In Bregenz überzeugt ihr existenzielles Werk.

Von Katja Blomberg
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Nicht zum Spaß, zum Überleben betreibt die französische Bildhauerin Louise Bourgeois ihre Kunst. Seit Anfang der 80er Jahre findet die in New York arbeitende Französin international Anerkennung. Schon zum zweiten Mal ist sie in diesem Sommer auf der Documenta in Kassel dabei. Nun zeigt das Kunsthaus Bregenz einen Überblick über das gesamte Werk der 90-Jährigen.

Louise Bourgeois hat immer rasch entschieden, was sie wollte: Zwischen Gesprächen über den Surrealismus und die neusten Trends der Gegenwartskunst hat sie geheiratet. Statt der Mathematik wählte sie die Kunst. Statt in Paris zu bleiben, ging sie mit ihrem eben angetrauten Mann nach New York. Dies alles war im Herbst 1938.

„Ich wende mich den Jüngeren mit positiven Gefühlen zu“

Noch immer lebt die inzwischen weltberühmte Künstlerin in der amerikanischen Ostküstenmetropole. Jeden Samstag kommen junge Kollegen in ihren Salon. Sie zeigen der Grande Dame einer feministisch orientierten Kunst neue Werke, weil sie wissen, dass Louise neugierig darauf ist: „Ich lebe mit Menschen, die vierzig oder jünger sind. Ich verstehe sie. (...) Wir haben eine echte Beziehung zueinander. Von meinen Altersgenossen kann ich solches nicht behaupten.“

Sie arbeitet mit Stoff, Latex, Gips, Zement und Marmor. Und sie zeichnet voll Humor ihre Gefühle und Zwiespälte mit roter Farbe und schwarzer Kreide nieder. Höchst autobiografisch verbindet Louise Bourgeois ihre inneren Bilder mit organischen Formen und psychologischen Prozessen, die sie szenisch umsetzt: drei weibliche Büsten hängen über zwei großen Kugeln in einem Käfig. Sie nennt die Installation von 2001: „Blick in die Welt einer eifersüchtigen Ehefrau“.

„Die Arbeiten können unterschiedlich aussehen, doch die Themen bleiben die gleichen“

Ihre Enttäuschung über ihren Vater ist der zentrale Motor ihrer Kunst. „Ich war die dritte Tochter eines Mannes, der einen Sohn wollte.“ Und dieser Mann unterhielt über zehn Jahre ein sexuelles Verhältnis mit ihrer Erzieherin. „Ich musste vor der Geliebten, die bei uns wohnte, blind sein. Ich musste gegenüber dem Schmerz meiner Mutter blind sein. Ich musste gegenüber der Tatsache blind sein, dass ich meinen Bruder ein bisschen sadistisch behandelte. Ich war blind gegenüber der Tatsache, dass meine Schwester mit dem Mann auf der anderen Straßenseite ein Verhältnis hatte.“

Die Kunst Louise Bourgeois ist ihr zum Mittel geworden, Tod und Sex als Bedrohung zu bannen. Um den Verlust des Frauseins, um sexuelle Fantasien, um verdrängte Bilder der Schmach vor dem Hintergrund einer Kindheit, die sich im elterlichen Tapisseriebetrieb mit Nadeln und Fäden, Stoffbahnen und Spindeln wie in einem surrealen Film abspulte, davon nährt sich ihr ganzes, mit allen Konventionen der Nachkriegskunst gebrochenes Werk.

„Mein Leben war von einer wilden Mutterliebe erfüllt“

Spinnen, überlebensgroß in Bronze ausgeführt, stehen für die kluge, geduldige, alles beschützende Mutter, die ordentlich wie eine Spinne, sich immerhin selbst verteidigen konnte. Ihre Objekte dienen zur Überwindung der Angst. Um sie los zu werden, hat sich Bourgeois das zur täglichen Aufgabe gemacht. „Mich interessiert die Überwindung von Angst: Sich vor ihr zu verstecken, wegzurennen, sich ihr zu stellen, sie zu exorzieren, sich deswegen zu schämen und schließlich, Angst vor der Angst zu haben. Das ist das Thema.“

Ein Thema, das auf sehr unmittelbare Weise Leben bedeutet. Nicht nur in den Ausstellungen, auch in ihren Schriften und Reden, die in einer lesenswerten Monografie zum 90. Geburtstag von Louise Bourgeois Ende letzten Jahres erschienen sind, kommt man diesem Leben, mit seinen aus der Verdrängung gehobenen Grundmustern auf die Spur.

Die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz ist bis zum 15. September zu sehen. Ebensolange sind Werke von Louise Bourgeois auf der Documenta11 in Kassel vertreten.

Alle Zitate stammen aus: Louise Bourgeois, Destruction of the Father reconstruction of the father, Schriften und Intervews 1923 - 2000, herausgegeben von Marie-Laure Bernadac und Hans-Ulrich Obrist, Ammann Verlag, Zürich, 2001

Quelle: @blo
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