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Documenta-Empfehlung Tabu und Übertretung - Thomas Hirschhorns "Bataille Monument"

18.06.2002 ·  Der schweizer Künstler übt in seinem Documenta11-Beitrag öffentliches Gedenken als Sozialarbeit.

Von Sabine B. Vogel
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Thomas Hirschhorns "Bataille Monument" ist eines der wenigen Außenraum-Projekte der diesjährigen documenta. Und es ist der einzige Beitrag, der weit ab vom angestammten Ausstellungs-Gelände errichtet worden ist. Schon jetzt wird die Arbeit als einer der Höhepunkte der Documenta11 gefeiert.

Der schweizer Bildhauer plante sein weitläufiges "Bataille Monument" in einem multikulturellen Wohngebiet: inmitten einer Mietshaussiedlung mit hohem Ausländeranteil in der Nordstadt von Kassel. Dort steht die eigentliche Installation. Im Hof der Binding Brauerei, dem neuen Ausstellungsquartier der documenta am Rand der Innenstadt, erwartet den Besucher der erste Teil in Form eines Fahrtendienstes.

Bataille-Bibliothek wird wie von selbst zum Jugendheim

Wild bemalt ist der Mercedes, der einen in die Friedrich-Wöhler-Siedlung bringt. Dort stößt der Besucher auf Hirschhorns "Bataille Monument" mit einer Imbiss-Bude, die von einer Anwohner-Familie betrieben wird und auf eine Bibliothek, die Mitten auf dem Rasen zwischen zwei Gebäuden der Siedlung steht. Hirschhorn hat die Bücher nach Wort, Bild, Kunst, Sport, Sex geordnet. Sie sind alle von oder über den französischen Schriftsteller George Bataille (1897 - 1962). Videorecorder und Monitore wurden gleich von den Kindern besetzt. Die Bibliothek hat sich in ein kleines Jugendheim verwandelt. Wer lange genug am Imbiss oder in der Bibliothek sitzt, kommt schnell mit ihnen ins Gespräch.

Eigentlich interessieren sie sich wenig für den Bataille, auch wenn sie fast automatisch dessen zentrales Thema aufgreifen: das dialektische Verhältnis von Tabu und Übertretung. Immer wieder versuchen die Kinder, in einen gesonderten Teil dieser "Ausstellung" zu Bataille zu gelangen, um einen Blick auf die Illustrationen zum Thema Sex zu werfen.

Vorbild und Vorwand zugleich

Thomas Hirschhorn erklärt zu seinem Projekt: "Ich bin ein Fan von Georges Bataille, er ist Vorbild und Vorwand zugleich. Georges Bataille untersuchte und entwickelte das Prinzip des Verlustes, des sich Ausgebens, der Gabe und der Maßlosigkeit." Diesen Vorgaben folgt die Installation von der imposanten Bataille-"Ausstellung" - mit Mengen an Anschauungsmaterial - bis zur Gesamtinszenierung.

Aber das ist noch nicht alles. Weitere Teile des „Bataille Monument“ sind eine Außenskulptur aus viel Klebeband, dazu ein TV-Studio, Workshops und eine website mit live-Kamera. Die Gebäude sind aus Holz, Pappe und Plastikfolie sehr improvisiert und skulptural zusammengebaut. Eine bunte Lichterkette verbindet die Stationen. Alles ist alle auf Teilnahme angelegt.

Wie geistige Inhalte in soziale Kontexte gespeist werden können

Hirschhorns Documenta11-Beitrag ist Teamarbeit: Vorab waren Mitarbeiter damit beschäftigt die einzelnen Konzeptteile zu realisieren. Nun bedarf es zahlreicher Mitarbeiter und Besucher vor Ort, um es lebendig zu halten. Das Ergebnis zeigt eine erstaunliche Gleichzeitigkeit von plastischer Improvisation und thematischer Zielgenauigkeit, von Sozialarbeit und hohem intellektuellem Niveau, das nicht zuletzt durch die kontinuierlich produzierten Texte von Marcus Steinweg erzeugt wird, die als "Elemente des Bataille-Monuments" fotokopiert zur Mitnahme ausliegen: "Ein Ontologisches Kino. Zur Poesie des Kapitals" lautete der Titel der ersten Essays.

Hirschhorn versteht sein "Bataille-Monument" als "Kritik am bestehenden Monument" - ob damit die Siedlung als Kassels sozialem Brennpunkt, die documenta oder gleich das Monument schlechthin gemeint ist, bleibt offen. "Das Bataille-Monument kommt von unten, es will niemanden einschüchtern, es ist nicht unzerstörbar, und es ist nicht für die Ewigkeit bestimmt" (Hirschhorn) - und es ist "für ein nicht-exklusives Publikum gemacht".

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